Goldschmiedin Judith Glaser: „Vom Weiterbildungsstipendium profitiere ich heute noch“

Judith Glaser absolvierte eine Ausbildung zur Goldschmiedin in Eberswalde. Die Ausbildung schloss sie mit der Note 1,0 ab. Von der Handwerkskammer Frankfurt/Oder wurde sie anschließend in das Weiterbildungsstipendium aufgenommen. Sie nahm in einem Fortbildungszentrum an mehreren Kursen für Sondertechniken für Goldschmiede teil und studierte anschließend Produktdesign an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee (Bachelor-Abschluss mit der Note 1,1). In Nepal engagierte sie sich in Projekten zur Vermittlung von Goldschmiedetechniken und zur Gestaltung. Derzeit arbeitet sie als Designerin für ein Social-Enterprise-Unternehmen in Berlin.


Frau Glaser, Sie entschieden sich für eine Ausbildung zur Goldschmiedin. Wie kam es zu Ihrer Berufswahl?
Handwerkliches war immer mein Steckenpferd, vom einfachen Basteln bis zu Metallarbeiten. Mein Vater ist gelernter Schlosser, dadurch hatte ich schon immer viel mit Metall gearbeitet. Eigentlich wollte ich sogar Schmiedin werden. In diesem Beruf sind die Ausbildungsplätze aber sehr rar. Einer der Schmiede, die ich ansprach, gab mir dann den Tipp, meine Suche auszuweiten. So bin ich auf Goldschmiedin als Beruf gekommen. Die Ausbildung zur Goldschmiedin war im Nachhinein sogar die passendere Berufswahl, weil ich mich sehr gerne intensiv mit kleinen Details beschäftige.

Wie haben Sie die Ausbildung absolviert?
Bei einem Juwelier- und Goldschmiedebetrieb in Eberswalde. Es war ein kleines Team mit zwei Meistern, zwei Verkäufern und mir als Auszubildender. Ich war gleich begeistert. Meine Chefin hat eine ideale Balance gefunden zwischen den alltäglichen Arbeiten wie Reparaturen und Umarbeitungen auf der einen und Anfertigungen nach eigenen Entwürfen auf der anderen Seite.

Nach Ihrer Ausbildung arbeiteten Sie gleichzeitig als Angestellte und Selbstständige.

Ja, ich wollte beide Möglichkeiten ausprobieren. Das ging gut parallel, weil ich inzwischen eine 30-Stunden-Stelle mit drei festen Arbeitstagen in einem Schmuckgeschäft in Berlin hatte. Das ließ mir genügend Zeit, eigene Sachen anzufertigen und zu verkaufen. Es war ein zweites Standbein, ohne den Druck, als Selbstständige auf jeden Fall sofort erfolgreich sein zu müssen. Es funktionierte recht gut und war eine schöne Erfahrung.

Von der Handwerkskammer Frankfurt/Oder wurden Sie in das Weiterbildungsstipendium aufgenommen. Wie kam es dazu?
Ich war in der Gesellenprüfung die beste Auszubildende meines Jahrgangs. Anschließend kam die Handwerkskammer auf mich zu und empfahl mir, mich um das Weiterbildungsstipendium zu bewerben, um mich gezielt weiterentwickeln zu können.

Welche Angebote konnten Sie mithilfe des Weiterbildungsstipendiums wahrnehmen?
Ich habe einige Kurse am Fortbildungszentrum für Juweliere, Gold- und Silberschmiede in Ahlen belegt. Ich konnte dort viele Sondertechniken erlernen, die ich mir im normalen Arbeitsalltag nicht hätte aneignen können, etwa die Gestaltung von Hohlkörpern oder die japanische Goldschmiedetechnik Mokume Gane.

Haben Sie noch andere Weiterbildungsangebote genutzt?

Weiterbildungen nicht, weil das Zentrum in Ahlen die erste Adresse ist, wenn es um Fortbildungen für Goldschmiede geht. Ich habe anschließend ein Produktdesign-Studium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee aufgenommen. Für das Studium hatte ich mich unabhängig vom Weiterbildungsstipendium entschieden. Weil ich weiterhin berufstätig war, konnten aber sogar noch einige Teile des Studiums durch das Stipendium gefördert werden. Darüber hatte ich immer sehr hilfreiche Gespräche mit der Handwerkskammer. Die Zusammenarbeit mit der Kammer war wirklich sehr gut.

Warum wollten Sie studieren?

Ich stand vor der Frage, ob ich eher weiter das Handwerkliche oder den Bereich Gestaltung vertiefen wollte. Als klar war, dass ich stärker in Richtung Gestaltung gehen wollte, schrieb ich mich an der Kunsthochschule ein.

Wie war für Sie der Wechsel an die Hochschule?
Es war keine große Umstellung gegenüber den Weiterbildungen. Das Studium war ebenfalls sehr praktisch orientiert, das kam mir natürlich entgegen. Wir arbeiteten viel in den Werkstätten und hatten auch Kurse in Werkstoffkunde oder Zeichnen.

Wie wichtig war für Sie das Weiterbildungsstipendium?

Die Kurse im Fortbildungszentrum in Ahlen kosteten jeweils 300 bis 400 Euro. Dazu kamen die Kosten für Materialien und die Anreise. Ohne das Weiterbildungsstipendium hätte ich mir das gar nicht leisten können und mir höchstens einen Kurs selbst geschenkt. Das Stipendium war deshalb eine sehr große Erleichterung. Ich profitiere auch noch heute davon. Zurzeit erstelle ich zum Beispiel eine Kollektion für eine Modedesignerin und nutze viel von dem, was ich in den Kursen gelernt habe. In solchen Situationen freue ich mich jedes Mal.

Sie arbeiteten mehrmals im Ausland, in Griechenland sowie als Volunteer und Praktikantin der GIZ in Nepal. Zwei langgehegte Wünsche?
In Griechenland war ich direkt nach meiner Ausbildung. Damals wollte ich einfach etwas anderes sehen und suchte mir dort selbst einen Praktikumsplatz als Goldschmiedin. Von Griechenland aus habe ich mich auch für meine spätere Stelle in dem Schmuckgeschäft in Berlin beworben. Auf das Projekt in Nepal war ein Professor der Kunsthochschule gestoßen und stellte den Kontakt für mich und eine Kommilitonin her. Der erste Aufenthalt als Volunteer dauerte zwei Monate. Wir haben Kurse in Goldschmiedetechniken gegeben. Das Praktikum fand ein Jahr später statt und dauerte drei Monate. Dort haben wir Kurse zum Gestaltungsprozess im Hinblick auf den westlichen Markt und Geschmack durchgeführt.

Sie waren also auf einmal selbst in der Weiterbildung tätig.
Ja, genau. Aber wir haben natürlich auch Werkstätten in Katmandu besucht und die Arbeit der Goldschmiede aus Nepal vor Ort gesehen. Dabei haben auch wir enorm viel gelernt. In der Klasse waren hauptsächlich Menschen aus dem Schmuckbereich, die etwas über unser Verständnis von Gestaltung lernen wollten. In Nepal gibt es ja kein vergleichbares Ausbildungssystem wie in Deutschland.

Was sind Ihre weiteren beruflichen Pläne?
Ich beginne in diesem Jahr ein Master-Studium, ebenfalls in Produktdesign an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, und arbeite als Designerin für ein Social-Enterprise-Unternehmen, das Lifestyle-Produkte mit handwerklichem Schwerpunkt herausbringt. Die Produkte stellen Menschen her, die von Organisationen wie „International Justice Mission“ oder „Gemeinsam gegen Menschenhandel“ aus der Gefangenschaft freigekauft wurden. Meine Arbeit hat also eine starke soziale Komponente, wie schon in Nepal. Das ist auch das, was ich mir für die Zukunft wünsche.


Das Interview führte Heinz Peter Krieger.