Die Ausbildung zur Altenpflegerin war der Startpunkt für die Karriere: Interview mit Nicole Seiler

Nicole Seiler absolvierte nach ihrem Realschulabschluss eine Ausbildung zur Altenpflegerin. Während ihres Erziehungsurlaubs bildete sie sich zur Sozialbetriebswirtin (TÜV) weiter und begann ein Fernstudium im Pflegemanagement an der Hamburger Fern-Hochschule (HFH). Gleichzeitig übernahm sie im Beruf die Tätigkeit der stellvertretenden Pflegedienstleitung und später der Geschäftsführerin. An ihr Diplom-Studium schloss Nicole Seiler das Master-Studium „Unternehmensführung im Wohlfahrtsbereich“ an der Universität Heidelberg an und ist heute dort Doktorandin. Seit 2012 arbeitet sie als Gutachterin für den medizinischen Dienst der Krankenversicherung Rheinland-Pfalz.

Frau Seiler, als Sie Ihr Fernstudium begannen, hatten Sie mehrere Jahre Berufserfahrung als Altenpflegerin. Warum hatten Sie sich nach dem Realschulabschluss für einen Beruf in der Pflege entschieden?
Ich hatte einen familiären Bezug, weil meine Tante schon seit vielen Jahren als Altenpflegerin tätig war und dort inzwischen auch als Führungskraft arbeitete. Durch Gespräche mit ihr kam ich auf den Pflegebereich und ging auch an die Altenpflegefachschule, an der bereits meine Tante gewesen war.

Hatten Sie vorher überlegt, das Abitur zu machen?
Nach der Realschule hatte ich direkt die Berufsausbildung im Blick. Das Abitur zu machen, war für mich damals noch kein Thema. Das Lernen bereite mir erst in der Altenpflegeausbildung wirklich Freude und ich erzielte dort nur gute Noten. Der Ansporn, mehr daraus zu machen und eventuell ein Weiterbildungsstudium zu beginnen, entwickelte sich durch die Ausbildung.

Wann entschlossen Sie sich zu einem Studium?
Ich habe relativ früh meine Tochter bekommen und während meines Erziehungsurlaubs an der TÜV Rheinland Akademie eine Weiterbildung zur Sozialbetriebswirtin gemacht. Dort habe ich mich zum ersten Mal mit den betriebswirtschaftlichen Hintergründen meiner Tätigkeit als Pflegekraft beschäftigt. Dabei entwickelte sich die Idee, ein Studium anzuschließen und auch einen akademischen Abschluss zu machen.

Warum im Fach Pflegemanagement?
Ich habe mich intensiv informiert, etwa bei Beratungsstellen oder an Tagen der offenen Tür an Hochschulen. Für das Pflegemanagement an der Hamburger Fern-Hochschule entschied ich mich, weil die Inhalte des Diplom-Studiengangs sehr breit gefächert waren. Das war mir wichtig, weil ich mich nicht allein auf eine Führungs- oder Lehrtätigkeit festlegen, sondern auch später flexibel bleiben wollte.

Mit Studium, Beruf und Familie hatten Sie dann gleich drei Belastungen...
Meine berufliche Tätigkeit hatte ich einige Zeit auf 50 Prozent reduziert, dann aber bald auf 75 Prozent und schließlich auf 100 Prozent gesteigert, weil ich unmittelbar nach meinem Erziehungsurlaub eine Führungsposition übernommen habe. Das funktionierte nur, weil meine Familie mich sehr unterstützte. Es ist für meine inzwischen neunjährige Tochter selbstverständlich, dass das Lernen zum Leben gehört – sie hat mich eigentlich immer so erlebt. Unter einen Hut bringen lässt sich alles nur durch viele helfende Hände, eine sehr gute Organisation im Alltag und natürlich durch Selbstdisziplin und eine hohe intrinsische Motivation. Ich habe oft bei strahlendem Sonnenschein hinter den Büchern gesessen.

Was war die größte Herausforderung im Studium?
Durch die Weiterbildung war ich schon wieder im Lernen drin. Die größte Herausforderung war, keine meiner verschiedenen Rollen aus dem Blick zu verlieren: also als Mutter, Ehefrau, Lernende und Berufstätige. Mir war es wichtig, mich bei aller beruflichen und persönlichen Weiterentwicklung trotzdem zum Beispiel weiter in der Kita zu engagieren. Mein persönliches Motto war: Geh deinen eigenen Weg – anders als immer.

Wie hatten Sie vom Weiterbildungsstipendium erfahren?
Bei der Weiterbildung an der TÜV Rheinland Akademie lernte ich einen Teilnehmer kennen, der selbst vorhatte, sich um ein Weiterbildungsstipendium zu bewerben. Von ihm erfuhr ich von dem Stipendium. Da mein Studium zu diesem Zeitpunkt bereits begonnen hatte, konnte dieses nicht mehr gefördert werden, dafür aber andere Maßnahmen.

Welche waren das?
Ich suchte mir Veranstaltungen bei verschiedenen Trägern aus, etwa in Freiburg oder Berlin, die größer und übergreifend angelegt waren. Das Weiterbildungsstipendium hat mich sehr unterstützt, andere Menschen und ihre Erfahrungen in verschiedenen Führungsbereichen kennenzulernen. Ohne das Stipendium hätte ich es mir nicht leisten können, an solch großen, oft ja auch teuren Veranstaltungen teilzunehmen. Für mich war es eine große Ehre, in das Programm aufgenommen zu werden. Allein das war eine hohe Motivation.

Sie haben inzwischen auch ein Master-Studium abgeschlossen.
Ende 2011 schloss ich das Pflegemanagement-Studium an der HFH ab. Ich hatte aber schon einen Monat vorher begonnen, an der Universität Heidelberg Vorlesungen zum Master-Studiengang „Unternehmensführung im Wohlfahrtsbereich“ zu besuchen, und konnte mich anschließend auch für den Studiengang einschreiben. Das Master-Studium schloss ich im Februar 2014 ab.

Wie empfanden Sie das Master-Studium im Vergleich zum Diplom-Studium an der Hamburger Fern-Hochschule?
Inhaltlich war es für mich eine logische Weiterentwicklung. Die Lernform war dagegen eine ganz andere, weil es an der HFH nur wenige verpflichtende Präsenzveranstaltungen gab. Spannend war für mich auch der theologische Aspekt im Master-Studium, weil der Studiengang vom Diakoniewissenschaftlichen Institut der Uni Heidelberg angeboten wurde, dem ich bis heute verbunden bin. Aber auch das Fernstudium an der HFH war sehr gut strukturiert und organisiert.

Eines Ihrer durch das Weiterbildungsstipendium geförderten Seminare beschäftigte sich mit Strategien gegen den Fachkräftemangel. Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die Diskussion um die Akademisierung die Pflege?
Aufgrund der demografischen Entwicklung, des medizinischen Fortschritts und des familiären Wandels benötigen wir Experten, die eine optimale interdisziplinäre Versorgung pflegebedürftiger Menschen organisieren, durchführen und wissenschaftlich reflektieren können. Wichtig ist aber auch, dass genügend Arbeitsplätze geschaffen werden, die diesen Anforderungen und der akademischen Ausbildung entsprechen. Was den Praxistransfer und die Vergütung angeht, ist das in vielen Bereichen noch nicht geschehen. Das führt zur Demotivation: Es wird viel erwartet, aber die Strukturen und Tarifverträge entwickeln sich nicht mit den Anforderungen in der Pflege.

Haben die Hochschulen die passenden Angebote für Pflegefachkräfte mit Berufserfahrung?
Es gibt wirklich tolle Angebote, die dem Bedarf entsprechen und oft schon viel weiter sind als die Strukturen in der Pflegepraxis. Die Schwierigkeit ist, sich in der Vielzahl der Angebote zurechtzufinden. Hier sollte es mehr Beratungsmöglichkeiten geben. Die vorhandenen Beratungsstellen sind eher auf Schulabgänger und Abiturienten ausgerichtet als auf Menschen mit Berufserfahrung, die studieren möchten. Dabei ist das ein sehr guter und sinnvoller Weg.

Sie sind jetzt Doktorandin an der Universität Heidelberg. Was sind Ihre weiteren beruflichen Pläne?
Zunächst einmal möchte ich die Promotion abschließen. Die weiteren Pläne sind eher noch offen. Für mich steht aber seit einigen Jahren das wissenschaftliche Arbeiten im Vordergrund. Dafür brenne ich wirklich, und damit sollte auch meine künftige Tätigkeit etwas zu tun haben.

(Das Interview führte Heinz Peter Krieger)