„Man kann nie zu viel wissen“ – Fachkraft für Süßwarentechnik studierte Lebensmitteltechnologie

Foto P. Schoppmann

Pascal Schoppmann entschied sich nach der mittleren Reife für eine Ausbildung zur Fachkraft für Süßwarentechnik bei einem Süßwarenhersteller im westfälischen Halle. Er blieb als Produktionsmitarbeiter sieben weitere Jahre in dem Unternehmen und bildete sich an der IHK Wuppertal-Solingen-Remscheid zum Geprüften Industriemeister – Fachrichtung Lebensmittel weiter. Zwei Jahre nach der Weiterbildung begann er an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe ein Studium der Lebensmitteltechnologie mit dem Studienschwerpunkt Back- und Süßwarentechnologie. Das Bachelor-Studium schloss Pascal Schoppmann im März 2017 erfolgreich ab. 

Herr Schoppmann, Ihre Ausbildung haben Sie in der Süßwarenindustrie absolviert. Das ist vermutlich für viele eine attraktive Branche – wie sind Sie darauf gekommen?
Das habe ich meiner ehemaligen Klassenlehrerin zu verdanken. Sie wusste, dass ich mich besonders für Naturwissenschaften und Technik interessierte. Naturwissenschaften waren auch schon mein Schwerpunkt an der Realschule. Während der neunten Klasse entdeckte Sie die Stellenanzeige eines bekannten Süßwarenherstellers für einen Ausbildungsplatz zur Fachkraft für Süßwarentechnik. Ich bewarb mich dort und konnte bald darauf die Ausbildung beginnen.

Wie viel Kochkunst und wie viele Technologie stecken denn in der Produktion von Süßwaren?
Es ist beispielsweise bei der Herstellung von Zuckerwaren, wie Hart- und Weichkaramellen oder auch Krokant, besonders viel Kochkunst erforderlich. Die gekochte Zuckermasse, etwa für die Hartkaramellfertigung, weist dann vom Charakter her eher plastische und amorphe Struktureigenschaften auf, ähnlich wie Glas. Die Planung und Steuerung der Technologie verlangt das komplette Know-how eines Ingenieurs. Dazu gehören auch Kenntnisse aus Bereichen der Thermodynamik, Verfahrenstechnik und andere chemische Kenntnisse – zum Beispiel beim Homogenisieren von normalerweise zwei nicht miteinander mischbaren Substanzen oder zum Ausbilden des gewünschten Aromaprofils.

Welche Aufgabe hatten Sie dabei?
Während der Ausbildung konnte ich sämtliche Produktionsabteilungen durchlaufen, vom Labor über Qualitätssicherung bis zur Produktentwicklung. Nach der Ausbildung wurde ich als Produktionsmitarbeiter eingestellt. Ich beschäftigte mich aber auch schon mit dem kontinuierlichen Verbesserungsprozess in der Firma und nahm an einigen Projekten zur Prozessoptimierung teil. Dabei merkte ich, dass ich mein Wissen gerne auch an andere weitergebe. Deshalb lernte ich viele andere Mitarbeiter an und kümmerte mich um die Auszubildenden. 2008 legte ich auch die Ausbildereignungsprüfung ab, um den Abteilungsleiter unterstützen zu können.

Zum Geprüften Industriemeister in der Fachrichtung Lebensmittel haben Sie sich ebenfalls weitergebildet.
Richtig. Dabei merkte ich auch, dass es mir sehr viel Spaß macht, mich in neue Themen einzuarbeiten. Die Weiterbildung bekräftigte auch meinen Wunsch, später vielleicht noch zu studieren. Das war aber ein längerer Prozess. Die endgültige Entscheidung, auch ohne Abitur zu studieren, fällte ich erst nach insgesamt zehn Berufsjahren.

Was waren die Fürs und Widers bei der Entscheidung für ein Studium?
Ich wusste nicht genau, was mich erwartete. Aus meiner Familie hatte noch niemand studiert, sodass ich dort keine Ansprechpartner hatte. Es fiel mir auch schwer, meine Arbeitskollegen zu verlassen. Den Ausschlag gab dann, dass ich für die berufliche Zukunft optimal aufgestellt sein wollte. Durch das Studium konnte ich viel mehr berufliche Entscheidungsebenen abdecken. Gerade größere Unternehmen legen Wert auf eine akademische Ausbildung, etwa wenn es um eine Position als Produktionsleiter geht. Außerdem wollte ich aus der Schichtarbeit aussteigen. Das ist mit dem Studium im Hintergrund ebenfalls einfacher.

Wie empfanden Sie den Start an der Hochschule?
Der war ziemlich holprig. Die Organisation war eine ganz andere als etwa im Meisterkurs – schon bei der Frage, ob ich in der Vorlesung eher zuhören oder mitschreiben sollte. Vor allem musste ich viel Zeit investieren, um meine mathematischen Kenntnisse zu verbessern. Hier waren die Lücken am größten.

Die Lücken konnten Sie aber schließen?
In Mathe absolvierte ich einen zweiwöchigen Vorkurs. Der hätte von mir aus auch das ganze Semester dauern können. Ich habe dann aber festgestellt, dass ich am besten in kleinen Gruppen lernen konnte. Um das Wissen zu festigen, habe ich den Stoff zu Hause noch mal intensiv vertieft. Geholfen haben mir auch die Telekolleg-Folgen des Bayerischen Rundfunks. Die kann man sich heute auf Youtube ansehen. Anders als in der Vorlesung gibt es dort eine Pause-Taste, um das Gehörte an der richtigen Stelle verarbeiten zu können. (lacht)

Wie haben Sie vom Aufstiegsstipendium erfahren?
Ich hatte mich parallel über passende Studiengänge und Fördermöglichkeiten informiert. Auf das Aufstiegsstipendium bin ich durch ein Online-Forum für Studenten aufmerksam geworden.

Hatten Sie bei Ihrem Studienbeginn schon die Zusage für das Stipendium?
Nein, noch nicht. Ich hätte also auf jeden Fall studiert. Ohne das Aufstiegsstipendium hätte ich das Studium aber über Nebenjobs finanzieren müssen. Das hätte das Studium mit Sicherheit verzögert.

Welche ideellen Angebote des Aufstiegsstipendiums konnten Sie nutzen?
Ich habe regelmäßig an Treffen der Regionalgruppe Nordrhein-Westfalen an der Fachhochschule in Bielefeld teilgenommen. Dort konnten wir uns über unsere Erfahrungen mit Lerntechniken oder der Abschlussarbeit austauschen. Das war ebenfalls sehr hilfreich.

Trotz des schwierigen Starts: Hat das Studium Ihre Erwartungen erfüllt?
Auf jeden Fall. Ich habe auch versucht, alles aus dem Studium herauszuholen, was für mich möglich war. Ich nahm zum Beispiel an einem fakultativen Praxissemester in einem Forschungsinstitut teil. In der Abschlussarbeit beschäftigt ich mich dann bewusst mit einem interdisziplinären Thema aus einem ganz anderen Bereich, dem Fachbereich Industrial Engineering. Dabei ging es um Lean Management und Prozessoptimierung. Das Thema interessierte mich schon länger und ich konnte die Arbeit in einem Unternehmen schreiben und mir so noch weitere berufliche Kenntnisse aneignen.

Was sind jetzt Ihre beruflichen Pläne?

Erst einmal möchte ich wieder Praxiserfahrung sammeln und das Gelernte auch anwenden. Da kämen besonders die Bereiche Prozessoptimierung oder Qualitätssicherung infrage. Nach einer gewissen Zeit in einem Unternehmen kann ich mir auch ein berufsbegleitendes Master-Studium vorstellen.

Sie sagten, dass Sie Auszubildende unterstützt haben. Was würden Sie einem Azubi raten, der wissen möchte, wann sich ein Studium lohnt?
Es lohnt sich jederzeit. Man kann nie zu viel wissen, und ein Studium schützt immer noch am besten vor Arbeitslosigkeit. Gerade nach der Ausbildung liegen mehr als 30 Jahre Berufsleben vor einem. Wenn man die Chance hat, den Weg noch zu gehen, sollte man sie auch nutzen.

(Das Interview führte Heinz Peter Krieger)

Auswahl für weitere Interviews