Kauffrau wird Grundschullehrerin: „Die mutigste Entscheidung, die ich je getroffen habe“

Weil sich ein Sportstudium nicht verwirklichen ließ, absolvierte Antje Meyer eine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation und arbeitete 15 Jahre in dem Beruf. Gefördert durch das Aufstiegsstipendium wagte sie den Schritt in ein Lehramtsstudium und steht nun vor dem Beginn ihres Referendariats als Grundschullehrerin.

Nach Ihrem Abitur haben Sie eine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation begonnen. Wie waren Sie auf den Beruf gekommen?
Mein Plan war das war eigentlich nicht. Ich wollte immer gerne Sport studieren. Bei einem Unfall in der neunten Klasse wurde mein Knie jedoch so beschädigt, dass das nicht mehr möglich war. Danach war ich ein wenig ratlos. Ein Architektur- oder Medizinstudium hätte mich interessiert, aber dafür war mein Abi-Schnitt nicht gut genug. Und mein Selbstvertrauen war zu dieser Zeit auch nicht so, dass ich ein Studium gewagt hätte, ohne mir sicher zu sein, dass es das richtige ist. Ich konnte dann in der Niederlassung eines großen Telekommunikationsunternehmens in unserer Nähe, in Chemnitz, die Ausbildung beginnen. Das war ein wenig der Weg des geringsten Widerstands.

Wie ging es nach der Ausbildung für Sie weiter?
Ich habe 15 Jahre an verschiedenen Standorten im Kundenservice und Beschwerdemanagement gearbeitet, in Erfurt, Gera und dann wieder in Chemnitz. 2008, als ich in Elternzeit war, wurde unser Bereich an eine andere Firma outgesourct, erledigte aber weiter die Aufgaben für das bisherige Unternehmen. Seit dieser Zeit war die Situation immer etwas schwierig. Die Belegschaft arbeitete nicht mehr nach Tarifvertrag und es drohte immer wieder eine Standortschließung, unter anderem, falls sich zu wenige Mitarbeiter auf die neuen Vertragsbedingungen einlassen sollten.

Sie konnten aber verschiedene Weiterbildungen absolvieren.

Mir war nicht klar, in welche Richtung mein Weg bei meinem Arbeitgeber gehen würde, und bei meinen Aufgaben im Kundenservice hatte ich das Gefühl, dass das noch nicht alles sein konnte. Da ich mich immer sehr für den Bereich Personalmanagement interessiert hatte, belegte ich den Zertifikatsstudiengang zur Hochschulfachökonomin Personalwesen an der Fernhochschule AKAD. Die Weiterbildung finanzierte teilweise mein Arbeitgeber, das war noch vor dem Inhaberwechsel. Mein Wissen anschließend auch im Unternehmen einzubringen, war jedoch schwierig, weil die wichtigsten Abteilungen der Verwaltung in der Zentrale in den alten Bundesländern angesiedelt waren, wie oft bei Niederlassungen in Ostdeutschland. Ich habe später versucht, meine Kenntnisse aus der Weiterbildung als Betriebsrätin zu nutzen. Nach dem Betriebsübergang suchte das neue Unternehmen Ausbilder für den Betrieb. Deshalb habe ich bei der IHK Chemnitz die Ausbildung zur Ausbilderin absolviert und eine Zeit lang als Ausbilderin gearbeitet. Das habe ich sehr gerne gemacht, auch wenn ich die Ausbildung nicht wirklich mitgestalten konnte.

An ein Studium haben Sie zu der Zeit noch nicht gedacht?

Man denkt dann oft: ‚Studieren kannst du immer noch‘, macht es aber nicht. Ich schaute mich zunächst nach anderen Arbeitsmöglichkeiten in meiner Region im Erzgebirge um. Bei den Möglichkeiten, die es gab, hätte ich mich aber nicht verbessert. Der Auslöser zu studieren war, dass die TU Chemnitz 2013 nach zehn Jahren die Lehrerausbildung wieder auflegte. Dazu kam, dass mein Sohn inzwischen die Grundschule besuchte und ich die ganze Atmosphäre dort sehr schön fand. Bis ich mich für das Studium entschied, überlegte ich noch ein Jahr. Die Entscheidung, meinen Beruf zu verlassen und zu studieren, betraf schließlich die ganze Familie. Dann bewarb ich mich und sagte mir: Wenn du die Zusage bekommst, machst du das. Im Oktober 2014 begann ich dann mein Studium.

Bei Ihrem Studium wurden Sie durch das Aufstiegsstipendium gefördert. Wie hatten Sie von dem Stipendium erfahren?

Ich informierte mich über verschiedene Finanzierungsmöglichkeiten, unter anderem über Studienkredite. Bei der Internetrecherche entdeckte ich dann das Aufstiegsstipendium und bewarb mich dort. Die Zusage erhielt ich unmittelbar nach Beginn des Studiums, und zwar als mein Mann und ich auf dem Weg zu unserer Hochzeit noch mal kurz in den Briefkasten schauten. (lacht) Das war eine sehr große Erleichterung, weil mir das Stipendium Sicherheit für die kommenden vier Jahre gab und ich neben dem Studium keine anderen Verpflichtungen eingehen musste.

Wie war nach 15-jähriger Berufstätigkeit der Start ins Studium?
Ich war wahnsinnig aufgeregt und musste mich erst zurechtfinden. Die Standorte der TU Chemnitz sind über die ganze Stadt verteilt und ich musste lernen, die Informationsflut zu verarbeiten und immer aufmerksam zu sein. Bei Studienbeginn war ich 36 Jahre alt, den anderen Studentinnen – es waren fast nur Frauen – ging es aber ganz ähnlich. Manchmal fiel es mir sogar leichter, Prioritäten zu setzen. Manche Situationen nimmt man einfach ernster, wenn man etwas älter ist. Ich wollte das Studium auch in der Regelstudienzeit beenden.

Das ist Ihnen gelungen?
Ja, das habe ich geschafft, mit einer 1,7 in der Ersten Staatsprüfung. Während der Prüfungsphasen dachte ich zwar manchmal: Warum tust du dir das an? Aber ich habe nie daran gedacht hinzuschmeißen.

Wie geht es jetzt für Sie weiter?
Seit Herbst 2018 arbeite ich als Vertretungslehrerin an einer Grundschule in Mildenau im Erzgebirge, die nur 15 Minuten von meinem Wohnort entfernt ist. An dieser Schule werde ich mein 18-monatiges Referendariat absolvieren und auch anschließend bleiben können, so der Plan der Schulleiterin. Für mich ist es schön, schon vor dem Referendariat die Erfahrung zu haben, alleine vor der Klasse zu stehen. Das ist noch einmal etwas anderes als die betreuten Schulpraktika während des Studiums.

Wie lautet Ihr Tipp für Berufstätige, die ebenfalls überlegen, ein Studium zu beginnen?

Man sollte sich darüber klar sein, womit man sich wirklich intensiv beschäftigen möchte. Das muss von einem selbst kommen. Und es ist wichtig zu wissen, wo welcher Bedarf auf dem Arbeitsmarkt besteht. Die eigene Familie muss ebenfalls in die Entscheidung einbezogen werden, weil sich der gesamte Tagesablauf ändern wird. Ich habe sie jedenfalls nie bereut. Es war die mutigste Entscheidung, die ich je getroffen habe.

Interview: Heinz Peter Krieger