„Ich musste wieder lernen zu lernen“ – Christian Müller über sein Ingenieurstudium

Christian Müller absolvierte nach seinem Hauptschulabschluss eine Ausbildung zum Elektroinstallateur. Nach einer Weiterbildung zum staatlich geprüften Techniker (Fachrichtung Elektrotechnik) und drei Jahren Berufserfahrung in der Automobilzulieferbranche studierte er Technische Informatik in Vollzeit an der Hochschule Esslingen. Er schloss 2013 das Studium als Bachelor of Engineering ab und arbeitet heute als Ingenieur in einem Unternehmen der Automatisierungstechnik.

Herr Müller, mit Hauptschulabschluss, Ausbildung zum Elektroinstallateur und der Weiterbildung zum staatlich geprüften Techniker in Elektrotechnik hatten Sie schon einen erfolgreichen Weg hinter sich. Warum wollten Sie daran ein Studium anschließen?

Als ich nach der Techniker-Weiterbildung eine Stelle suchte, merkte ich, dass die Großunternehmen in der Region Stuttgart kaum Techniker einstellten. Dazu kam, dass ich nach der Weiterbildung bei einem Automobilzulieferer arbeitete und dort ständig mit Ingenieuren zu tun hatte. Dabei fiel mir oft auf, dass mir im Vergleich zu den Ingenieuren für viele Aufgaben und Herangehensweisen das nötige Wissen in Mathematik und Physik fehlte. Nach Abschluss der Weiterbildung und der dadurch erlangten Fachhochschulreife dachte ich über ein Studium nach. Trotz der sehr guten Ergebnisse traute ich mir dieses jedoch nicht zu. Meine finanzielle Situation war auch nicht so, dass ich einfach ein mehrjähriges Studium hätte anhängen können.

Wann haben Sie sich doch für ein Studium entschieden?

Lehrer, Mitschüler und Kollegen meinten immer wieder: Wenn einer von uns studieren wird, dann du. Gerade Ingenieure sagten, dass ich das Potenzial dafür habe. Nachdem ich drei Jahre im Beruf war, wurde während der Wirtschaftskrise 2009 in unserem Unternehmen Kurzarbeit eingeführt. Ich kam damals zu dem Schluss, dass nur eine gute Ausbildung vor Arbeitslosigkeit schützt. Das war der letzte Punkt in dem Prozess, der zu meinem Studium führte.

Wie sind Sie auf das Aufstiegsstipendium aufmerksam geworden?

Durch die dreijährige Berufserfahrung hatte ich ein kleines finanzielles Polster, das für ein Vollzeitstudium jedoch nicht ausgereicht hätte. Deshalb habe ich mich nach weiteren Möglichkeiten umgesehen und im Internet recherchiert. Dabei ist mir das Aufstiegsstipendium aufgefallen. Da es gezielt berufliche Talente fördert, war es genau die für mich passende Lösung. Als das Studium begann, war das Auswahlverfahren bereits abgeschlossen und das Stipendium bewilligt. Überraschenderweise schien an der Hochschule das Programm der SBB gar nicht bekannt zu sein.

Warum haben Sie sich für Technische Informatik als Studienfach entschieden?

Ich wollte einen Studiengang finden, der meine eigenen Interessen widerspiegelt. Das war die Technische Informatik, weil sie sowohl Elektrotechnik als auch die Informatik umfasst und außerdem ein breites Spektrum in Mathematik, Physik und Elektronik abdeckt. Für die Hochschule Esslingen entschied ich mich, weil sie in der Region Stuttgart einen sehr guten Ruf genießt. Ehemalige Arbeitskollegen studierten ebenfalls dort und berichteten nur Gutes.

Was war die größte Herausforderung im Studium?

Die größte Hürde war das Grundstudium mit den Fächern Mathe und Physik. Da fehlte mir wirklich viel an benötigtem Vorwissen. Nach drei Jahren Berufstätigkeit war es auch ein ganz neuer Tagesablauf. Ich musste wieder lernen zu lernen – also zur Vorlesung zu gehen, die Flut neuer Informationen zu verarbeiten und nach der Vorlesung weiter selbstständig zu lernen. Richtig in den Alltag integriert war der Studienablauf erst nach dem Grundstudium.

Wie haben Sie das geschafft?

Ich hatte das Glück, dass ich im Mathematik-Vorkurs der Hochschule einige Kommilitonen kennenlernte, die einen ähnlichen Ausbildungsweg wie ich hinter sich hatten. Wir verstanden uns von Anfang an sehr gut, das hat sehr geholfen. In den Vorkursen und Tutorien der Hochschule konnte ich einiges vom fehlenden Fachwissen aufholen.

Sie fühlten sich also gut betreut?

Ja, ich war gleich gut integriert. Auch bei Nachfragen an Professoren nach Übungsmaterial oder Ähnlichem gab es keine Probleme. Der Kontakt zu den anderen Studenten, die meist direkt vom Gymnasium auf die Hochschule gekommen und fast zehn Jahre jünger waren als ich, war ebenfalls gut.

Wie haben Ihre Vorgesetzten reagiert, als Sie ihnen mitteilten, dass sie studieren möchten?

Ich hatte sie schon informiert, als ich mich für einen Studienplatz beworben hatte. Als die Zusage kam, habe ich sie ebenfalls gleich unterrichtet. Im ersten Moment war es schon ein Schock für sie, aber wegen der Wirtschaftskrise und der Lage im Unternehmen konnten sie es auch verstehen.

Wie profitieren Sie heute von Ihrem Studium?

Zum einem durch den enormen Zuwachs an Fachwissen. Solch ein mathematisch-technisches Verständnis hat man nach der Berufsausbildung einfach nicht. Zu lernen, an ingenieurwissenschaftliche Fragestellungen heranzugehen, war ebenfalls ein tolle Erfahrung. Und natürlich der Ausbau des beruflichen Netzwerks durch Praktika und die Abschlussarbeit. Man bekommt Einblicke in andere Unternehmen, und die Kontakte helfen einem auch später im Berufsleben.

Wie ist Ihre berufliche Situation heute?

Ich arbeite als Ingenieur in einem Unternehmen der Automatisierungstechnik in einem sehr netten Team mit anderen Ingenieuren. Ich hatte vorher befürchtet, dass zwischen Bachelor- und Master-Absolventen unterschieden werden könnte. Das hat sich aber nicht bewahrheitet. Als Bachelor ist man dort genauso anerkannt wie als Master. Ich habe nicht das Gefühl, dass mir etwas fehlen würde, und die Arbeit macht sehr viel Spaß.

Ihr Tipp für Berufserfahrene, die ebenfalls ein Studium beginnen möchten?

Sie sollten das Studium wirklich entsprechend der eigenen Interessen wählen und dann auf jeden Fall das Angebot an Vorkursen und Tutorien nutzen. Diese zeigen von Anfang an, was an der Hochschule an Vorwissen verlangt wird, und ermöglichen, Wissensdefizite aufzuarbeiten. Nach Beginn des Grundstudiums bleibt dafür wenig Zeit. Für mich war auch sehr wichtig, die finanzielle Situation bereits vor dem Studium zu klären. Entscheidend waren Durchhaltevermögen und Ehrgeiz, als ich wirklich Probleme hatte, in Mathe und Physik zu folgen. Man darf dann nicht den Glauben verlieren, das Studium erfolgreich abschließen zu können.

(Das Interview führte Heinz Peter Krieger)