Floristmeisterin studiert Innenarchitektur – und beendet das Studium mit Auszeichnung

Foto von Nicole Gambichler

Nicole Gambichler absolvierte nach ihrem Hauptschulabschluss eine dreijährige Ausbildung zur Floristin. Anschließend arbeitete sie weitere sieben Jahre in dem Beruf. In dieser Zeit belegte sie, von der IHK Würzburg-Schweinfurt durch das Weiterbildungsstipendium gefördert, Kurse an Floristik-Schulen, bildete sich an der Meisterschule Nürnberg zur Geprüften Floristmeisterin weiter und erhielt den Meisterpreis der Bayerischen Staatsregierung. Nicole Gambichler entschloss sich zu einem Studium der Innenarchitektur an der Hochschule Coburg und wurde dabei durch das Aufstiegsstipendium unterstützt. Das Bachelor-Studium beendete sie erfolgreich mit der Gesamtnote 1,3 und schloss an der Hochschule Coburg den Master-Studiengang Design an, ebenfalls gefördert durch das Aufstiegsstipendium. Das Master-Studium beendete sie mit Auszeichnung und der Gesamtnote 1.

Frau Gambichler, nach Ihrem Hauptschulabschluss begannen Sie eine Ausbildung zur Floristin. Wie kam es zu diesem Berufswunsch?
Meine Familie hatte mir empfohlen, noch die Mittlere Reife zu machen. Ich wollte aber möglichst bald einen handwerklichen Beruf ergreifen. Ich hatte schon immer lieber meinen Eltern im Garten geholfen als drinnen am Schreibtisch zu sitzen. In einer Gärtnerei im Nachbarort konnte ich dann meine Ausbildung absolvieren.

Wie gefiel Ihnen die Ausbildung?
Die war vom ersten Tag an das Richtige für mich. Mir gefiel der Kundenkontakt und ich hatte schnell eigene Bereiche und konnte Verantwortung übernehmen. In der Gärtnerei habe ich anschließend auch als Gesellin gearbeitet. Insgesamt war ich zehn Jahre dort und habe in der Zeit nebenberuflich die Meisterschule besucht.

Später haben Sie Innenarchitektur studiert. Wie verläuft denn der innere Weg von der Floristin zur Architektin?
Die Floristik hat ja auch etwas mit Materialien, Räumen und Farben zu tun, insofern gibt es da schon einen Zusammenhang. Direkten Kontakt zur Innenarchitektur bekam ich aber erst über die Meisterschule. Ich war auch regelmäßig auf Messen wie der Internationalen Pflanzenmesse. Dort habe ich in einem Trendagenten-Team mitgewirkt. In der Gruppe waren einige Innenarchitekten und Floristen, die beim Messebau versucht haben, beide Bereiche zu verbinden. Das hat mein Interesse weiter verstärkt.

Was ist ein Trendagenten-Team?
Trendagenten sind Gruppen im Fachverband Deutscher Floristen, die Wohn- und Floristiktrends recherchieren und auf der Messe präsentieren. Ich hatte beim Fachverband an einem Wettbewerb teilgenommen und die Teilnahme bei dem Trendagenten-Team gewonnen.

Wann reifte Ihr Entschluss zu studieren?
Durch den Kontakt zu Innenarchitekten und mein Interesse an dem Bereich. Ich habe mich auch privat intensiv mit dem Thema beschäftigt und regelmäßig Fachbücher und -zeitschriften gelesen. Für die Hochschule Coburg entschied ich mich, weil das Innenarchitektur-Studium dort sehr praxisbezogen angelegt ist. Außer auf der Internetseite konnte ich mich beim Tag der offenen Tür und bei den Coburger Designtagen informieren, an denen die Hochschule teilnimmt.

Was wären Ihre beruflichen Alternativen gewesen?
Ohne Studium hätte ich versucht, mich mit einem eigenen Blumenladen selbstständig zu machen. Das habe ich jetzt mit meinem Nebengewerbe gelöst. Das hatte ich schon gegen Ende meiner Zeit an der Meisterschule. In dem Nebengewerbe biete ich für Hochzeiten oder andere Ereignisse die Ausgestaltung mit Blumenschmuck an – ohne eigenes Ladenlokal, sondern von einer Werkstatt zu Hause aus.

Was sagten Ihre Familie und Ihr Arbeitgeber zur Entscheidung zu studieren?
Meine Schwester und mein Freund waren begeistert und haben mich in dem Entschluss bestärkt. Meine Eltern waren etwas zögerlicher, weil ich ja schon Floristmeisterin war und eine gute Anstellung hatte. Mein Arbeitgeber war vor allem froh, dass ich keinen eigenen Blumenladen in der Nähe eröffnen wollte. (lacht)

Wie empfanden Sie den Start ins Studium?
In den Vorlesungen zu sitzen, war schon eine Umstellung. Aber dadurch, dass der Studiengang sehr praxisbezogen war und das Lernen an der Meisterschule auch noch nicht so lange her war, war die Freude über das Neue größer. Was mit Farbenlehre oder Materialien zu tun hatte, kannte ich bereits aus der Floristik. Fächer wie Baukonstruktion und der gesamte technische Hintergrund waren dagegen ganz neu für mich. Damit kam ich aber gut zurecht. Die Dozenten legten auch viel Wert auf Teamarbeit. Der Austausch in den Gruppen half ebenfalls. 

Wie haben Sie vom Aufstiegsstipendium erfahren?
Ich hatte bereits das Weiterbildungsstipendium erhalten und bekam nach der Meisterprüfung einen Brief von der SBB. Dort wies die Stiftung auf die Möglichkeit hin, mich um das Aufstiegsstipendium zu bewerben. Ich war ganz überrascht und habe mich sehr gefreut, weil ich zu der Zeit bereits überlegte zu studieren. Die Bewerbungsphase lag etwa gleichzeitig zur Bewerbungsphase an der Hochschule. Zuerst erhielt ich die Zusage der Hochschule und dann auch die Zusage für das Stipendium. Studiert hätte ich also auf jeden Fall.

Wie sehr hat das Stipendium Ihnen das Studium erleichtert?
Das Stipendium war eine sehr große Hilfe. So brauchte ich außer meinem Nebengewerbe keinen zusätzlichen Job und konnte das Studium in der Regelstudienzeit beenden.

An den Bachelor haben Sie ein Master-Studium in Design angeschlossen. Warum wollten Sie mit dem Master weitermachen?
Im Master-Studium wurden die Inhalte aus dem Bachelor-Studium noch einmal vertieft. Dazu kamen Einblicke in die Bereiche Produktdesign und Architektur. Deshalb war für mich das Studium mit dem Master erst richtig abgeschlossen. Zum Studium gehörte auch ein Praktikum in Meran mit den Schwerpunkten Hoteldesign und Design privater Wohnräume. Da ich das Bachelor-Studium in der Regelstudienzeit geschafft hatte, konnte ich unmittelbar anschließend mit dem Master-Studium beginnen.

Welche beruflichen Pläne haben Sie?
Ich arbeite jetzt im Bereich Projektentwicklung Wohn- und Gewerbebau bei einem Bauunternehmen. Dort berate ich zum Beispiel Kunden, die beim Bau von Mehrfamilienhäusern besondere Wünsche für ihre Wohnungen haben. Später möchte ich vielleicht ein eigenes Planungsbüro führen. Und die Floristik ist weiterhin meine Leidenschaft, die bleibt auf jeden Fall dabei.

 

(Das Interview führte Heinz Peter Krieger.)