Begeisterung für Technik: Interview mit Verena Schmidle

Verena Schmidle hat im Spätsommer 2012 mit Mitte dreißig erfolgreich den Bachelor of Engineering an der Hochschule Ravensburg-Weingarten geschafft – und das im Studienfach „Maschinenbau“. Auf dem Weg dahin hat sie viele Schulformen durchlaufen, die Berufsausbildung zur Technischen Zeichnerin Maschinen- und Anlagentechnik gemacht und sich neben der Berufstätigkeit zur Staatlich geprüften Technikerin Fachrichtung Maschinenbau qualifiziert. Dank fundierter beruflicher Qualifizierung, Begeisterung für die Technik und Fleiß konnte sie das Studium in nur fünf Semestern absolvieren. Heute arbeitet sie als Ingenieurin in ihrem Ausbildungsbetrieb.
 
Ihr Bildungsweg ist ungewöhnlich – wie kam‘s?  
 
Ich habe fast alles an Schulen durchlaufen, was es bei uns in Baden-Württemberg gibt. Gute Noten hatte ich schon in der Hauptschule und dort wollte ich nach der vierten Klasse auch bleiben, wegen meiner Freunde. Später habe ich schnell gemerkt, dass ich mit dem Hauptschulabschluss nicht die Berufe erlernen konnte, die mich wirklich interessierten und habe deshalb den mittleren Bildungsabschluss gemacht. Anschließend ging es aufs Wirtschaftsgymnasium. Zu der Zeit hatte ich zwei Interessensschwerpunkte, nämlich Lehramt und Technik. Entschieden habe ich mich zuerst für das Lehramtsstudium. Aber irgendwie war ich noch nicht so weit. Ich habe recht bald gemerkt, dass das Lehramtsstudium nicht richtig ist für mich und dieses Studium bewusst abgebrochen.  
 
Mir war klar, dass ich jetzt in Richtung Technik gehen würde und, ich konnte eine Ausbildung als technische Zeichnerin anfangen. Das war dann meins, die Abschlussnote in der Ausbildung war sehr gut und ich erhielt in meinem Ausbildungsbetrieb, der ZF Friedrichshafen AG, eine feste Stelle. Neben der Arbeit habe ich direkt im Anschluss an der Claude-Dornier-Schule in Friedrichshafen die Fortbildung zur Staatlich geprüften Technikerin Fachrichtung Maschinenbau begonnen und diese 2007 erfolgreich beendet.   
 
Mit dem Studium habe ich dann nicht direkt angefangen, denn es erschien mir auf Grund der unsicheren Arbeitsmarktlage ratsam, erst einmal zu arbeiten. 2009 war ein Krisenjahr für mein Unternehmen. Man hat mir eine Arbeitsplatzgarantie angeboten, wenn ich jetzt studieren würde. Und das hat gut gepasst, denn für mich muss es immer weiter gehen, Stillstand ist Rückschritt. Ich wollte weiter Wissen aufbauen.  
 
Welche Hürden gab es vor dem Studienbeginn?
 
Ich habe schnell gemerkt, dass ich ohne zusätzliche Finanzierung das Studium kaum stemmen würde. Ein Studienkredit kam für mich aus Altersgründen nicht in Frage, aber im Internet bin ich dann auf das Aufstiegsstipendium gestoßen. Das Auswahlgespräch war sehr gut und letztlich habe ich das Stipendium gekriegt.  
 
War das Studium schwerer, als Sie erwartet haben?
 
Sicher gab es einige Tücken, das Durchhaltevermögen wurde wirklich gefordert, aber ich hatte nie einen Zeitpunkt, an dem ich aufhören wollte. Ich lerne leicht und deshalb war das Studium machbar.  
 
Was haben Sie sich zu Beginn von Ihrem Studium versprochen? Sind Ihre Erwartungen erfüllt worden?
 
Nach dem Studium wollte ich eine anspruchsvollere Tätigkeit ausüben, was in der Großindustrie mit der Technikerqualifizierung leider nicht möglich ist. Ich habe aber meine Erwartungen nicht zu hoch geschraubt. Und es ist ja sehr gut gelaufen, vor allem bin ich unter der Regelstudienzeit geblieben. Der Weg war für mich richtig und gut.
 
Hatten Sie durch die Ausbildung Vorteile?
 
Ja, beispielsweise war das Technische Zeichnen für mich keine Hürde und durch den Techniker kannte ich bereits viele Grundbegriffe, z.B. in Fertigungstechnik, was mir wiederum mehr Zeit für andere Themengebiete ließ.  
 
Hat Ihr Alter im Studienalltag eine Rolle gespielt?
 
Klar, ich war eine der Älteren im Semester, aber Probleme gab es deswegen mit den anderen nicht. Ich bin auf die Jüngeren zugegangen und spätestens wenn es ums Lernen ging, war das Alter völlig nebensächlich, im Gegenteil, wir haben uns sogar gut ergänzt.  
 
Welche Unterstützung haben Sie durch die Hochschule erhalten?
 
Im ganzen Studium bin ich optimal von den Professoren betreut worden, da waren die Türen immer offen. Die Hochschule in Ravensburg ist ja nicht so groß, der Professor kennt noch die Studenten mit Namen und Fragen wurden immer beantwortet. Man muss sich nur trauen die Professoren anzusprechen. Ich habe dann ab dem zweiten Semester in der Fachschaft und im Fakultätsrat mitgearbeitet, was ebenfalls sehr lehrreich war.
 
Worauf sollten Studierende besonders achten bei einem Maschinenbaustudium?
 
Na ja, Mathe ist nicht zu verachten, da muss man am Ball bleiben, genauso in der Mechanik. Für mich war jedoch die größte Herausforderung, dass ich meinen Tagesablauf neu organisieren musste. Es gab keinen Feierabend mehr, denn die Vorlesungen mussten nach- oder vorbereitet werden. Zuerst habe ich sofort nach der Uni weitergearbeitet, aber das war nicht richtig. Mein Mann hat mir dann geholfen, wir haben die Zeiten vor und nach den Vorlesungen besser strukturiert, z.B. habe ich nach der Uni nicht direkt weitergemacht, sondern eine Stunde was ganz anderes gemacht, und wenn es Wäsche waschen war. Und dann habe ich auch die Zeit begrenzt, in der ich noch gelernt habe. Zwei Stunden am Abend mussten reichen. Man kann nur mit definierten Pausen auf Dauer leistungsfähig bleiben, ansonsten macht der Körper irgendwann schlapp.
 
Sind Sie beruflich weiter gekommen?
 
Ja, ich arbeite jetzt als Qualitätsingenieurin, das passt. Zu Beginn des Studiums hatte ich das Ziel, in die Konstruktion zu gehen, inzwischen habe ich gemerkt, dass ich mich nicht auf einen Bereich im Betrieb beschränken will. Im Qualitätsmanagement laufen viele Fäden zusammen.  
 
Wie hat das Studium Sie persönlich weitergebracht?
 
Durch das Studium sieht man die Dinge aus einem anderen Blickwinkel. Ich habe gemerkt, dass ich konsequent bleiben muss, einfach auch um weiter zu kommen.  
 
Was würden Sie anderen Stipendiatinnen und Stipendiaten für das Studium raten?
 
Ganz wichtig: Lerngemeinschaften bilden und dabei keine Scheu haben und auf die jüngeren Kommilitoninnen und Kommilitonen zugehen. Ich habe nur gute Erfahrungen gemacht, wenn wir Berufspraktiker mit denen ohne Berufspraxis gelernt haben, man ergänzt sich oft sehr gut.
 
Außerdem darf das persönliche Umfeld nicht vernachlässigt werden. Freunde und nahe Verwandte braucht man, während des Studiums und auch danach. Mit wem soll man sich sonst über einen Erfolg freuen bzw. wer ist in schweren Stunden für einen da?
 
Durchhalten, auch wenn der Weg mal steiniger ist. Im Maschinenbau ist das Grundstudium (die ersten drei Semester) nun mal das Härteste, aber sobald man das durchlaufen hat geht es steil bergauf.
 
Abschließend kann ich sagen, dass ich in den drei Jahren auf Einiges verzichten musste, finanziell und auch privat, aber ich wollte ja weiterkommen. Bereut habe ich den Schritt nie, ich bin riesig froh, dass ich es gemacht und geschafft habe. Jeder, der die Möglichkeit hat, sollte die Chance ergreifen, denn das eigene Wissen kann einem von niemandem weggenommen werden.
 

Frau Schmidle, wir danken Ihnen für das Gespräch.