„Ich dachte, dass ich nie für ein Stipendium infrage käme“

Foto Jan Reschke

Nach seinem Hauptschulabschluss absolvierte Jan Resch Ausbildungen zum Kinderpfleger und Erzieher. Nach mehreren Berufsjahren in der Jugendhilfe und im offenen Ganztagsbereich entschied er sich, Jura an der Universität Kiel zu studieren. Das Erste Staatsexamen schloss er, im Studium durch das Aufstiegsstipendium gefördert, bereits ab. Derzeit befindet Jan Resch sich im Referendariat.


Nach Ihrem Hauptschulabschluss absolvierten Sie eine Ausbildung zum Erzieher. Wie waren Sie auf den Beruf gekommen?
Meine Mutter war Erzieherin, von daher war das Interesse an dem Beruf schon mal da. Da ich nur einen Hauptschulabschluss hatte, machte ich zuerst eine Ausbildung zum Kinderpfleger. Damit hatte ich auch die mittlere Reife erlangt und konnte die Erzieher-Ausbildung anschließen. Dazwischen hatte ich zwei Jahre als Kinderpfleger gearbeitet.

Wie haben Sie Ihre Schulzeit in Erinnerung?
An die Schulzeit erinnere ich mich mit gemischten Gefühlen, sie war auch mit Mobbing-Erfahrungen verbunden. Ich war ein wenig der Außenseiter, deshalb waren auch meine Leistungen in der Schule nicht besonders gut. Das änderte sich in der Ausbildung. Das ganze Umfeld war nicht mehr negativ geprägt und ich merkte, dass ich mehr lernen konnte.

Sind Sie nach der Erzieher-Ausbildung in der Kita geblieben?
Nein, nach der Ausbildung habe ich mich mehr in Richtung Jugendhilfe orientiert. Das hatte sich schon während der Ausbildung herauskristallisiert. Mein Anerkennungsjahr absolvierte ich in einem Jugendtreff in München. Dort konnte ich zum Beispiel die Nachmittagsaktivitäten oder die Hausaufgabenhilfe organisieren und Ferienfreizeiten planen. Danach war ich ein halbes Jahr in einer Einrichtung der türkischen Gemeinde. Dort ging es ebenfalls hauptsächlich um Freizeitgestaltung und Hausaufgabenbetreuung. Anschließend wechselte ich nach Schleswig-Holstein und arbeitete in der stationären Jugendhilfe in einem Wohnheim für schwer erziehbare Jugendliche.

Der Wechsel von Bayern nach Schleswig-Holstein war beruflich bedingt?
Ja, ich wollte einfach mal etwas Neues sehen und suchte auch eine intensivere Arbeit. Deshalb bewarb ich mich um die Stelle in dem Wohnheim. Nach zwei Jahren wechselte ich von dort zu einer offenen Ganztagsschule. Dort betreute ich zunächst ein Jahr lang eine Klasse, danach leitete ich zwei Jahre den Nachmittagsbereich der Einrichtung.

Seit wann dachten Sie über ein Studium nach?
An ein Studium hatte ich schon während meiner Ausbildung zum Erzieher gedacht. Meine Idee war damals noch Sozialpädagogik zu studieren, weil ich dachte, dass ich nur diese Option hätte. Im Berufsleben verfolgte ich den Gedanken aber nicht mehr richtig. Ich lernte dann meine Freundin kennen, mit der ich heute verheiratet bin. Sie studierte selbst und gab mir den Anstoß, noch einmal darüber nachzudenken.

Wie kamen Sie auf Jura?
Jura war schon immer mein geheimer Wunsch. Ich ging aber davon aus, dass mir die Hochschulzulassung fehlte, bis ich feststellte, dass ich mit meiner Erzieher-Ausbildung auch dafür die Voraussetzung erfüllte. Da war für mich klar, dass ich es auch machen musste, und bewarb mich an mehreren Unis. Meine Frau fand nach ihrem Master-Abschluss einen Job in Kiel und ich erhielt unter anderem eine Zusage von der dortigen Uni, so wurde es Kiel. Es war aber auch eine gute Entscheidung.

Der Sprung von der offenen Ganztagsschule ins Jura-Studium – wie war das für Sie?
Es war aufregend und interessant. Durch meine Freundin hatte ich zwar schon Kontakt zum akademischen Umfeld, aber ansonsten hatte ich zuvor sehr wenig Berührungspunkte zu einem Studium. Durch meine vorherige Arbeit in der Schule war ich außerdem gewohnt, vor einer Klasse zu stehen. Wieder in die passivere Rolle zu wechseln, war am Anfang schon anstrengend. Das erste Semester lief aber gleich sehr gut und ich gehörte in der ersten Klausur zu den besten 20 Prozent. Das war eine gute Motivation und gab mir einen Schub für die weiteren Semester.

Fachlich konnten Sie in den Rechtswissenschaften also gleich gut mithalten?
Dass Jura ein Lernfach ist, wusste ich. Aber ich fand es von Anfang an sehr spannend. Manchmal war es natürlich schwierig, aber nach jedem Tief kommt ein Hoch. Es war auch hilfreich, meine Freundin dabeizuhaben, die dies schon erlebt hatte.

Konnten Sie während des Studiums an der Ganztagsschule weiterarbeiten?
Ja, ich blieb dort noch eine Weile und war nebenher auch in der präventiven Sozialarbeit an einer Grundschule tätig, mit niederschwelligen Angeboten für Kinder, die aus schwierigeren Familienverhältnissen kommen. In den ersten Semestern konnte ich beides noch gut mit dem Stundenplan meines Jura-Studiums vereinbaren. Später kam ich dann zu einem Job auf 450-Euro-Basis in einer Rechtsanwaltskanzlei.

Bei Ihrem Studium wurden Sie durch das Aufstiegsstipendium gefördert. Wie hatten Sie von dem Stipendium erfahren?
Meine Frau, die aus Litauen kommt, hatte in Deutschland mithilfe eines Stipendiums des DAAD studiert. Deshalb begann ich nach Stipendien zu recherchieren, stieß dabei auf das Aufstiegsstipendium und bewarb mich bei der SBB. Das lief sehr gut, das Gespräch bei den Auswahltagen war klasse. Und ich war beindruckt, dass es extra ein Stipendium für Studierende gibt, die aus dem Berufsleben kommen. Vorher dachte ich trotz meiner guten Ausbildungsnoten, dass ich nie für ein Stipendium infrage käme. Im Sommer vor dem Beginn meines Studiums erhielt ich dann die Zusage von der SBB.

Wie sehr erleichterte das Stipendium Ihnen das Studium?

Erleichtert ist gar nicht das richtige Wort. Das Aufstiegsstipendium hat mir das Studium ermöglicht. Anfangs hatte ich zwar noch nebenher gearbeitet, aber spätestens, als während meines fünften Semesters unsere Tochter zur Welt kam, wäre es finanziell unmöglich gewesen, auch noch das Studium zu stemmen.

Das Erste Staatsexamen haben Sie inzwischen geschafft. Wie geht es für Sie weiter?
Ich befinde mich jetzt im Rechtsreferendariat und absolviere meine Stationen von der Staatsanwaltschaft über das Zivilgericht, eine Verwaltungsbehörde bis zu einer Anwaltskanzlei. Nebenher arbeite ich noch in der Kanzlei, in der ich schon während meines Studiums tätig war. Wie es nach dem Zweiten Staatsexamen weitergehen soll, möchte ich mir gerne auch noch offenhalten. Das Jura-Studium war sehr wissenschaftlich und theorielastig. Das Referendariat bietet jetzt die Möglichkeit, die Praxis zu erleben und zu sehen, was mir liegt. Es wird aber auf jeden Fall ein juristischer Beruf werden.

Nach Ihrem Weg vom Kinderpfleger zum Juristen: Ihr Tipp an Berufstätige, die ein Studium beginnen möchten?
Wenn man über ein Studium nachdenkt, sollte man es auch versuchen – lieber jetzt als später. Ein Studium ist anstrengend und man muss sich mit vielen neuen Dingen auseinandersetzen, aber wenn man es geschafft hat, ist es ein großartiges Gefühl. Auch wer nicht das Abitur auf dem ersten Bildungsweg gemacht hat, sollte immer daran denken, dass es schon Tausende vor einem geschafft haben. Wenn man aus dem Berufsleben kommt, weiß man oft auch schon genauer, was man will. Ein Studium ist kein Hexenwerk.

Interview: Heinz Peter Krieger