„Trau dich was, du kannst das schaffen!“

Christina Hartig hatte mehrere Jahre als Operationstechnische Assistentin gearbeitet, als sie sich entschloss zu studieren. Im Interview erzählt sie, wie sie den richtigen Studiengang für sich fand und wie das Aufstiegsstipendium sie im Studium nicht nur finanziell, sondern auch durch die ideelle Förderung unterstützte.

Frau Hartig, nach der Mittleren Reife haben Sie eine Ausbildung zur Operationstechnischen Assistentin absolviert. Was reizte Sie nach der Schulzeit am Operationssaal?
Ich interessierte mich sehr für medizinische Berufe und wollte ein Praktikum als Hebamme machen. Mir wurde aber gesagt, dass ich dafür zu jung sei. Stattdessen bekam ich den Tipp, dass OP-Schwestern dringend gesucht würden. Also machte ich mein Schulpraktikum im Rotes-Kreuz-Krankenhaus Bremen in diesem Bereich und war sofort Feuer und Flamme. In das Krankenhaus ging ich anschließend auch als Auszubildende.

Wie empfanden Sie die medizinische Ausbildung?
Am Anfang habe ich mir den Beruf dramatischer vorgestellt, ein bisschen wie in der Fernsehserie ‚Grey’s Anatomy‘. Tatsächlich läuft im Operationssaal aber alles strukturiert und nüchtern ab. Man lernt, seine Emotionen zu kontrollieren. Mit 17, 18 Jahren war das nicht so leicht.

Wie ging es nach der Ausbildung weiter?
Ich wurde vom Krankenhaus übernommen und blieb dort noch zweieinhalb Jahre. Dann entschloss ich mich, an der Erwachsenenschule Bremen mein Abitur zu machen.

Hatten Sie schon den Wunsch zu studieren?

Der hat sich allmählich herauskristallisiert. Ich hatte den Eindruck, dass man in den Assistentenberufen schnell in einer Sackgasse landet. Als Gesundheits- und Krankenpflegerin hätte ich eine Fachweiterbildung machen können und dadurch auch die Möglichkeit gehabt zu studieren. Als Operationstechnische Assistentin hatte ich die Möglichkeit nicht, ich hätte höchstens irgendwann eine OP-Leitung anstreben können. Aber das war nicht mein Ziel.

Haben Sie das Abitur in Vollzeit oder berufsbegleitend nachgeholt?

In Vollzeit. Ich hatte das Glück, dass mich ein Berater auf das Schüler-BAföG aufmerksam machte. Nebenbei arbeitete ich in einer Seniorenresidenz als Pflegekraft. So ließ sich alles gut koordinieren. Es war schon komisch, nach fünf Jahren wieder zur Schule zu gehen und ganz andere Anforderungen zu erleben. Aber es war auch eine sehr schöne Zeit.

Sie haben ein Jura-Studium an der Universität Bremen begonnen. Wollten Sie den medizinischen Bereich verlassen?
Nein, im Gegenteil. Mit meiner Wahl für den medizinischen Sektor habe ich mich immer sehr wohlgefühlt. Zum Jura-Studium entschloss ich mich, weil ich später im Medizinrecht arbeiten wollte. Ich setze mich gerne für Schwächere ein und habe festgestellt, dass es sehr schwierig ist nachzuweisen, wenn im Gesundheitsbereich etwas schiefgeht. Das hat auch mit den hierarchischen Strukturen in Krankenhäusern zu tun. Im Jura-Studium hatte ich aber das Gefühl, dass Teamplayer wenig gefragt waren und es oft eher ein Gegeneinander war. Der Umweg, um ins Medizinrecht zu kommen, erschien mir schließlich so groß, dass ich nach drei Semestern in den Studiengang Public Health wechselte.

Was reizte Sie an Public Health?
Ich suchte einen Studiengang, der näher am medizinischen Bereich lag. Bei Public Health gefiel mir, dass man während des gesamten Studiums zwei Schwerpunkte studieren konnte: Gesundheitsökonomie und -management sowie Gesundheitsförderung und -prävention. So konnte ich mir einen sehr guten Überblick über das Gesundheitswesen verschaffen. Die Medizin nimmt ja eher das Individuum in den Fokus. Public Health betrachtet dagegen Einflüsse auf ganze Bevölkerungsgruppen. Das fand ich sehr spannend.

Wie empfanden Sie den Start ins Studium – in beiden Studiengängen?
Ich musste schon an der Erwachsenenschule schauen, wie ich es schaffe, alles zu managen. An der Universität achtet darauf dann niemand mehr. Man erbringt seine Leistung oder erbringt sie nicht. Wie man dahin kommt, kontrolliert keiner. Da ist sehr viel Selbstmanagement gefragt. In Jura hatte das noch nicht so gut geklappt, weil mir auch das Miteinander fehlte. Beim Public-Health-Studium wusste ich schon besser, worauf ich mich einließ. Meine Kommilitonen waren eine bunt gemischte Truppe mit einem gemeinsamen Ziel – teils zehn Jahre jünger, teils zehn Jahre älter als ich. Ich bin auch heute noch mit allen gut befreundet.

Im zweiten Semester bewarben Sie sich um das Aufstiegsstipendium. Wie hatten Sie davon erfahren?
Die Tochter meiner Vorgesetzten in der Seniorenresidenz war Stipendiatin des Aufstiegsstipendiums. Meine Chefin erzählte mir während meines Jura-Studiums davon. Als ich mein Public-Health-Studium begonnen hatte, bewarb sich meine zehn Jahre ältere Kommilitonin um das Stipendium. Das war der Anlass, mich näher mit dem Aufstiegsstipendium zu befassen, und ich bewarb mich ebenfalls. Es ging von Runde zu Runde weiter, und schließlich kamen wir beide in die Förderung.

Wie sehr hat das Stipendium Ihnen das weitere Studium erleichtert?

Zuvor hatte ich elternunabhängiges BAföG erhalten und weiterhin meinen 450-Euro-Job. In der Pflege ist es aber schwierig, unter der 450-Euro-Grenze zu bleiben, schon wegen der Zulagen. Deshalb musste ich immer wieder BAföG zurückzahlen, wenn ich die Grenze überschritten hatte. Als ich statt des BAföGs das Aufstiegsstipendium erhielt, konnte ich ganz anders planen, zumal das Stipendium nicht zurückgezahlt werden muss und man am Ende des Studiums keinen Schuldenberg vor sich hat. Den Nebenjob habe ich dann reduziert und konnte mich, ohne Geldsorgen, viel besser auf das Studium konzentrieren.

Ihr Bachelor-Studium haben Sie vor Kurzem in der Regelstudienzeit abgeschlossen. Was folgte danach?
Ich habe das Master-Studium Epidemiologie begonnen, ebenfalls an der Uni Bremen. Epidemiologie ist eine Teildisziplin von Public Health. Sie hat viel mit Statistik, Datenerhebung und -aufbereitung zu tun. Wichtig ist, die Ergebnisse so aufbereiten und formulieren zu können, dass sie jeder versteht, nicht nur Wissenschaftler. Es geht also auch um Aufklärungsarbeit. Das Thema fand ich von Anfang an sehr spannend, hatte es mir aber zunächst nicht zugetraut.

Warum hatten Sie gezweifelt?
Ich hatte immer mit mir gehadert und Versagensängste. Nachdem ich meine Bachelor-Arbeit zu dem Thema geschrieben hatte, gab ich mir den Ruck und sagte mir: Jetzt trau dich was, du kannst das schaffen. Dabei hat mir auch das Aufstiegsstipendium sehr geholfen.

Inwiefern das Aufstiegsstipendium?
Ich habe viele Veranstaltungen aus der ideellen Förderung besucht, etwa das Seminar ‚Mehr als nur Zitieren: Schreibprozesse im Studium meistern‘. In das Seminar bin ich mit ganz vielen Ideen für meine Bachelor-Arbeit gegangen und als ich herauskam, wusste ich, wie die Gliederung aussehen musste. Das hat mich unheimlich motiviert. Mich hat es auch immer sehr beflügelt, andere Stipendiaten kennenzulernen, die einen ähnlichen Weg hinter sich haben. Deshalb helfe ich auch gerne bei den Auswahlgesprächen für das Aufstiegsstipendium.

Was ist Ihr berufliches Ziel?

Nach dem Master-Studium möchte ich promovieren und zu gleichen Teilen in Forschung und Lehre arbeiten. Also Studien erheben, Texte publizieren und das, was ich als Epidemiologin herausfinde, an andere weitergeben.

Interview: Heinz Peter Krieger