Industriekauffrau wird Maschinenbau-Ingenieurin: „Die technischen Fächer fand ich besonders interessant“

Sarah Tewiele studierte Wirtschaftsingenieurwesen und anschließend Maschinenbau
Porträt S. Tewiele

Nach dem Realschulabschluss machte Sarah Tewiele ihr Fachabitur an einer kaufmännischen Berufsschule und absolvierte eine Ausbildung zur Industriekauffrau bei einem Automobilzulieferer. Anschließend arbeitete sie dort in der Personalabteilung. Nach gut zwei Jahren im Beruf entschloss sie sich, Wirtschaftsingenieurwesen an der Westfälischen Hochschule in Bocholt zu studieren. Das Bachelor-Studium schloss sie 2011 mit der Gesamtnote 1,5 erfolgreich ab. Anschließend begann sie an der Universität Duisburg-Essen ein Master-Studium in Maschinenbau, Fachrichtung Mechatronik, das sie 2013 mit der Note 1,4 beendete. Seit 2013 ist Sarah Tewiele an der Uni Duisburg-Essen als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Mechatronik tätig. Ihr nächstes Ziel ist die Promotion.

Frau Tewiele, Sie haben Ingenieurwissenschaften studiert, Ihre Ausbildung war dagegen noch nicht technisch orientiert.
In der Realschule hatte ich eigentlich in allen Fächern recht gute Noten. Weil ich zu der Zeit mehr an Sprachen interessiert war, machte ich zunächst mein Fachabitur an einer sprachlich orientierten kaufmännischen Berufsschule. Ein Berufsschullehrer fragte mich damals schon, ob ich nicht studieren wollte. Meine Eltern haben aber beide nicht studiert, daher war mir das Thema noch nicht nahe. Ich wollte zunächst eine Ausbildung machen und fand einen Ausbildungsplatz zur Industriekauffrau bei einem Automobilzulieferer in Bocholt.

Wie ging es nach der Ausbildung weiter?

Ich erhielt eine Stelle in der Personalabteilung und wurde von meiner Chefin sehr gut gefördert. Ich bekam aber auch mit, dass im Personalbereich oft Entscheidungen getroffen werden mussten, die von den Mitarbeitern nicht gerade begrüßt wurden. Deshalb wollte ich keine Karriere ausschließlich im Personalwesen machen. Zu der Zeit war bereits der Gedanke da, vielleicht doch noch zu studieren. Ich machte zunächst eine Weiterbildung zu den Themen Lohnbuchhaltung und Personalrecht. Dabei stellte ich fest, dass mir das Lernen nach der Schule gefehlt hatte und mir sehr viel Spaß machte. Danach entschied ich mich, ein Studium zu beginnen. Das war etwa zwei Jahre nach Ende der Ausbildung.

Wie kamen Sie auf das Fach Wirtschaftsingenieurwesen?

Rein wirtschaftswissenschaftliche Fächer studierten schon sehr viele. Mein Bruder studierte Maschinenbau und empfahl mir, etwas ‚Richtiges‘ zu studieren (lacht). Ich informierte mich weiter über verschiedene Fächer und schrieb mich schließlich für das Fach Wirtschaftsingenieurwesen an der Westfälischen Hochschule in Bocholt ein, um sowohl den kaufmännischen als auch den technischen Bereich abzudecken.

War das Studium stärker kaufmännisch oder technisch orientiert?

Das konnten die Studenten individuell gestalten. Im ersten Semester merkte ich schnell, dass ich die technischen Fächer viel interessanter fand. In den wirtschaftlichen Fächern kannte ich aufgrund meiner kaufmännischen Ausbildung vieles schon. Deshalb belegte ich ausschließlich Wahlfächer im technischen Bereich. Um mir die Möglichkeit eines Master-Studiums in Maschinenbau offenzuhalten, fragte ich außerdem die Professoren, welche Fächer ich hierfür auswählen sollte. Ich belegte aber auch noch weitere Kurse, die mich besonders interessierten.

Das klingt, als wäre Ihnen der Start ins Studium leichtgefallen.
Ganz im Gegenteil: Es war nicht einfach, aber ich war sehr ehrgeizig. Gerade in Mathematik und Physik hatte ich viel größere Lücken als meine Kommilitonen, die direkt vom Gymnasium an die Hochschule gekommen waren. Und die Studenten, die vorher eine technische Ausbildung gemacht hatten, brachten oft schon mehr Vorwissen in Elektrotechnik mit. Ich musste also viel aufholen. Das war arbeitsintensiv, aber auch zu schaffen.

Hatten Sie das Gefühl, zielstrebiger zu studieren als Ihre Kommilitonen ohne Berufsausbildung?

Nicht unbedingt, weil es an der Fachhochschule recht viele Studenten gab, die schon eine Ausbildung gemacht hatten. Gerade sie waren oft sehr strebsam, bei den anderen Studierenden war es unterschiedlich. Das ist auch eine Erfahrung, die ich jetzt als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Duisburg-Essen mache, wo es mehr Studierende ohne Berufsausbildung gibt. Die Kurse sind oft viel größer als an der FH und manche Studierende wissen mit der Freiheit und Anonymität nicht so viel anzufangen.

Wie erfuhren Sie vom Aufstiegsstipendium?
Die Mutter meines damaligen Freundes und heutigen Ehemanns hatte einen Artikel über das Aufstiegsstipendium gelesen und zeigte ihn uns. Wir stellten fest, dass das Stipendium für uns beide infrage kam, und bewarben uns erfolgreich. Das war noch vor Beginn meines Studiums.

Wie sehr hat das Stipendium Ihnen das Studium erleichtert?
Das Aufstiegsstipendium hat es mir erlaubt, schuldenfrei aus dem Studium zu gehen. Ich hatte eigentlich so kalkuliert, dass ich während des Studiums jobbe und bis zum Ende des Studiums auf Ersparnisse zurückgreife. Durch das Stipendium konnte ich es mir leisten, nur Nebenjobs anzunehmen, die einen direkten Bezug zum Studium hatten, wie als wissenschaftliche Hilfskraft. Ohne das Stipendium hätte ich auch nicht so viele zusätzliche Wahlfächer belegen und das Studium trotzdem in Regelstudienzeit abschließen können.

Wurden Leistungen aus der Ausbildung als Studienleistungen anerkannt?
Ganz am Anfang meinte der Dozent im Rechnungswesen-Kurs, dass die Studenten mit Ausbildung direkt wieder gehen könnten und erst zur letzten Stunde wiederkommen müssten. Eine direkte Anrechnung gab es aber nicht. Das ist an den Hochschulen und in verschiedenen Studiengängen unterschiedlich.

Nach dem Bachelor im Wirtschaftsingenieurwesen haben sie ein Master-Studium in Maschinenbau aufgenommen. Mit welchem Ziel?
Die technischen Fächer interessierten mich so sehr, dass für mich früh klar war, dass ich sie in einem Master-Studium weiterverfolgen wollte. Da das Studium an der Westfälischen Hochschule schon auf Mechatronik ausgerichtet war entschied ich mich für ein Maschinenbau-Studium mit dieser Vertiefung. Mich fasziniert die Mischung aus Maschinenbau, Elektrotechnik und Informatik. Da ich mir die Möglichkeit erhalten wollte, in der Wissenschaft zu bleiben und zu promovieren, ging ich für das Master-Studium an eine Uni. Nach dem Studium bekam ich eine Stelle als Doktorandin am Lehrstuhl für Mechatronik der Universität Duisburg-Essen.

War es eine besondere Herausforderung, als Frau MINT-Fächer zu studieren?
Als ich mich für Wirtschaftsingenieurwesen einschrieb, fragte ich mich noch, ob das wirklich die richtige Entscheidung war. Der Frauenanteil in dem Studium war aber gar nicht so extrem niedrig und ich war sogar in einer Lerngruppe, die nur aus Frauen bestand. Interessanterweise haben prozentual gesehen viel weniger Frauen als Männer das Studium abgebrochen. Im späteren Maschinenbau-Studium war ich dagegen eine von nur zwei Frauen in der Fachrichtung Mechatronik.

Was sind Ihre weiteren beruflichen Pläne?
Seit 2013 bin ich wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl und arbeite an meiner Promotion. Bis Ende dieses Jahres möchte ich die schriftliche Arbeit einreichen und im kommenden Jahr die komplette Promotion abschließen. In den beiden vergangenen Jahren habe ich zwei Kinder bekommen, aber jetzt kann es wieder schneller vorangehen, weil mein Mann sich in der nächsten Zeit um die Kinder kümmert. Ich kann mir vorstellen, FH-Professorin zu werden. Dafür ist es notwendig, vorher in der Wirtschaft gearbeitet zu haben. Nach der Promotion möchte ich deshalb in den Bereich Fahrzeugtechnik eines Automobilherstellers oder -zulieferers gehen. Ob mich der Weg anschließend tatsächlich wieder zu einer Hochschule führt, muss ich dann sehen.

 

(Das Interview führte Heinz Peter Krieger)