„Ich bin im Studium richtig ich geworden“

Sandra Jauernig arbeitete als zahnmedizinische Fachangestellte und hatte bereits verschiedene Weiterbildungen absolviert, als sie sich entschied, an der Westfälischen Hochschule den Studiengang Physikalische Technik mit Schwerpunkt Medizintechnik zu studieren. Im Interview erzählt sie, welche Unterstützung sie sich für das Studium holte und wie sie heute vom Studium profitiert.

Frau Jauernig, nach der Mittleren Reife absolvierten Sie eine Ausbildung zur zahnmedizinische Fachangestellten. Was gefiel Ihnen an dem Beruf?
Durch einige Praktika während der Schulzeit hatte ich die Arbeit in Arztpraxen kennengelernt. Seitdem wollte ich einen Beruf, der etwas mit Medizin zu hat. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass es in der Zahnmedizin gute Weiterbildungsmöglichkeiten gibt. Deshalb entschied ich mich für diesen Bereich und machte meine Ausbildung bei einem Zahnarzt in Konstanz.

Hatten Sie dann entsprechende Möglichkeiten, sich fortzubilden?
Die gab es. Ich habe eine Weiterbildung zur zahnmedizinischen Prophylaxeassistentin und einige andere Workshops und Fortbildungen absolviert.

Seit wann dachten Sie daran zu studieren?
Mir fiel schon die Ausbildung recht leicht und mir war immer wichtig, eine Herausforderung zu haben. Da ich von zu Hause recht wenig Unterstützung bekam, wollte ich aber zunächst finanziell auf sicheren Füßen stehen. Außerdem fehlte mir für ein Studium die Hochschulreife. Deshalb war ein Studium für mich zunächst kein Thema. Nach vier Jahren im Beruf konnte ich mithilfe des Schüler-BAföGs am Berufskolleg in Ludwigsburg die Fachhochschulreife nachholen. Dann nahm ich meinen Mut zusammen und startete ins Studium.

Wie haben Sie Ihren Studiengang ausgewählt?

Der Liebe wegen habe ich mich an Hochschulen in Nordrhein-Westfalen um einen Studienplatz beworben. Ich entschied mich für den Studiengang ‚Physikalische Technik‘ mit dem Schwerpunkt Medizintechnik an der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen. Dieser knüpfte gut an meinen Berufserfahrungen an. Ein medizinisches Studium hätte mich auch interessiert, aber dazu hätte ich statt der Fachhochschulreife das Abitur nachholen müssen. Das hätte länger gedauert und erschien mir zu aufwendig.

Konnten Sie im Studium an Ihren Weiterbildungen anknüpfen?
Zuerst war alles ganz neu, weil die ersten beiden Semester nur aus Ingenieurfächern bestanden, mit Physik, Mechanik und Elektrotechnik. Dass ich mich mit Physik oder Mathe beschäftigt hatte, war schon einige Jahre her, und von Elektrotechnik hatte ich überhaupt keine Ahnung. (lacht) Problematisch fand ich das aber nicht, weil ich gerne und schnell lerne. Ich hatte auch bald einen tollen neuen Freundeskreis, in dem wir einander gut unterstützen konnten. Und Mathe fiel mir leicht, weil ich eher ein Zahlenmensch bin. Im dritten und vierten Semester wurde ich sogar Tutorin in Mathematik für die Erstsemester.

Sie arbeiteten an einem Lehrstuhl?
Ja, als wissenschaftliche Hilfskraft. Dabei gab ich Kurse in Mathematik und in Schlüsselkompetenzen. In der Fachschaft habe ich mich ebenfalls engagiert.

Wie erfuhren Sie vom Aufstiegsstipendium?
Als ich mich um einen Studienplatz bewarb, entdeckte ich auf der Website der Westfälischen Hochschule, dass es dort einen Talentscout gab, der Studierende beim Einstieg ins Studium unterstützt. Ich konnte an dem Programm ‚Meine Talentförderung‘ teilnehmen und erfuhr dort von der möglichen Förderung durch das Aufstiegsstipendium. Während meines ersten Semesters bewarb ich mich bei der SBB und erhielt die Zusage für das Stipendium.

Studieren wollten Sie also auf jeden Fall.
Ich wollte es unbedingt und hätte es auf jeden Fall versucht. Aber das Studium nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Von 77 Studierenden, mit denen ich das Studium begonnen hatte, haben es nur sieben in der Regelstudienzeit geschafft, und ich gehörte dazu. Außerdem habe ich an der Hochschule an der Zusatzqualifikation ‚Ingenieur plus Lehramt‘ teilgenommen. Mit einigen zusätzlichen praktischen Stunden hätte ich hiermit auch die Option, Lehrerin an einem Berufskolleg zu werden. Hätte ich noch einen Nebenjob aufnehmen müssen, hätte ich das nicht alles schaffen können und für das Studium wesentlich länger gebraucht. Das Aufstiegsstipendium war deshalb eine riesengroße Hilfe.

Das Studium haben Sie 2017 mit dem Bachelor abgeschlossen. Wie ging es seitdem beruflich für Sie weiter?
Ich bin zur Zahnmedizin zurückgekehrt. Ich arbeite jetzt nicht mehr in einer Arztpraxis, sondern im Vertrieb eines Zahnmedizin- und Medizintechnik-Unternehmens. Ich betreue die Zahnärzte in den Praxen, führe Workshops und Seminare durch und gehe auch an die Uni, um den Zahnmedizinstudenten zu demonstrieren, wie die Geräte funktionieren. Ich bin ein sehr offener und kommunikativer Typ, deshalb liegen mir die Aufgaben im Vertrieb. Ich könnte schlecht in einem stillen Kämmerlein in der Forschung arbeiten.

Wie profitieren Sie beruflich von Ihrem Studium?
Es ist auch ohne Studium möglich, im Vertrieb zu arbeiten. Allein mit meiner Ausbildung und meiner Berufserfahrung könnte ich aber nur schwer in dem komplexen Bereich der Medizintechnik beraten. Und durch die Zusatzqualifikation für das Lehramt hätte ich auch die Option, an einem Berufskolleg zu unterrichten. Das Studium hat mir also viel mehr berufliche Möglichkeiten eröffnet.

Was raten Sie Menschen, die überlegen, aus dem Berufsleben heraus ein Studium zu beginnen?
Machen Sie es – es bringt einen nur weiter! Das Studium fordert geistig heraus und man entwickelt sich durch die vielen neuen Möglichkeiten enorm weiter. Und ich habe durch das Studium tolle neue Freunde mit ähnlichen Interessen und Zielen gefunden. Manchmal denke ich: Ich bin im Studium richtig ich geworden.

Interview: Heinz Peter Krieger

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