„Ein Studium hatte mir niemand zugetraut“

Christoph Kümpel absolvierte nach der mittleren Reife eine Ausbildung zum Papiermacher (heute: Papiertechnologe) und schloss die Ausbildung als Jahrgangsbester ab. Anschließend arbeitete er zehn Jahre in einer Papierfabrik in der Nähe von Fulda. Nach einem Sportunfall konnte er nicht mehr in seinem erlernten Beruf arbeiten. Er orientierte sich neu, begann das Studium „Papier- und Verpackungstechnik“ an der Hochschule München – und bewarb sich erfolgreich um ein Aufstiegsstipendium. In dieser Zeit absolvierte er ein Praxissemester in Australien und ein Auslandssemester in den USA und engagierte sich in der Fachschaft und im Fakultätsrat. Das Bachelor-Studium schloss Christoph Kümpel 2017 mit der Gesamtnote 1,5 ab. Im Sommersemester 2017 begann er an der Hochschule München das Master-Studium „Paper Technology“, ebenfalls gefördert durch das Aufstiegsstipendium.

Herr Kümpel, Sie haben eine Ausbildung zum Papiertechnologen absolviert. Was kann man sich unter diesem Beruf vorstellen?
Während meiner Ausbildung hieß der Beruf noch Papiermacher. Die Bezeichnung fand ich auch treffender. Es geht um die verschiedenen Wege, Papier herzustellen, um die dabei verwendeten Rohstoffe, den chemischen Aufbau einer Zellulosefaser, den gesamten Prozess an der Papiermaschine und die Endprodukte. Besonders spannend fand ich, dass sich die Ausbildung praktisch in der gesamten Fabrik abspielte, von der Schlosserei über Elektrowerkstatt, Kläranlage, Kraftwerke, Altpapieranlieferung bis zur Papiermaschine.

Wie verlief die Ausbildung?
Der Beruf ist recht selten, deshalb ist die Ausbildung in Deutschland nur an zwei Berufsschulen möglichen. Ich war an der Papiermacherschule Gernsbach im Schwarzwald, in zwei Ausbildungsblöcken von jeweils sieben Wochen pro Ausbildungsjahr. Dort traf ich Auszubildende aus ganz Deutschland und zum Teil auch aus Österreich und der Schweiz. Das fand ich sehr bereichernd.

Und im Betrieb?
Dort merkte man noch, dass es ein älterer, konservativerer Beruf ist, in dem der Ton manchmal rauer ausfällt. Man lernt aber auch, diszipliniert zu arbeiten und Anweisungen umzusetzen. Bei mir wurde die Ausbildung wegen meiner guten Noten in der Zwischenprüfung auf zweieinhalb Jahre verkürzt. Für meinen Abschluss wurde ich von der IHK dann als einer der Besten des Jahrgangs ausgezeichnet.

Dachten Sie nach dem guten Abschluss bereits über ein Studium nach?
Mein Klassenlehrer an der Berufsschule hielt mich für talentiert und sagte: ‚Kümpel, geh nach München!‘ Damit meinte er die Hochschule München. Der Gedanke an ein Studium war dadurch schon da, ging im Alltag aber wieder verloren. Ich war in Schichtarbeit, verdiente Geld, lernte anfangs viel Neues kennen und war an das System gewöhnt. Nach zwei, drei Jahren kam dann der Drang, mich weiterzuentwickeln, und ich wollte den Meister machen. Der Betrieb wollte das aber leider nicht fördern. Das nahm ich erst einmal hin.

Später begannen Sie dann aber doch ein Studium.
Der Wunsch, mich weiterzuentwickeln, wurde immer größer. Der endgültige Auslöser war, dass ein Sportunfall mein linkes Knie zerstörte und ich berufsunfähig wurde. Die Rentenversicherung hätte mir daraufhin eine Weiterbildung zum Techniker bezahlt. Mein Arbeitgeber konnte aber keine entsprechende Stelle einrichten. Ab dem Punkt war für mich klar, dass ich ein Studium beginne, wenn mich der Techniker ohnehin nicht weiterbringt. Für Praktiker mit Berufserfahrung gab es in dieser Form damals nur den Studiengang an der Hochschule München. Deshalb hatte mir mein Berufsschullehrer bereits diesen Weg empfohlen.

Was sagte Ihr persönliches Umfeld zu dieser Entscheidung?
Meine Freunde und Familie konnten das nicht nachvollziehen. Ich war der Erste in der Familie und in meinem kleinen Heimatdorf, der studierte. Dort waren alle dafür, dass ich den sicheren Weg gehe, also eine Weiterbildung zum Techniker oder eine Umschulung. Ein Studium traute mir niemand zu. Da fielen Sätze wie: ‚Das schaffst du eh nicht‘ oder ‚Sei doch zufrieden mit dem, was du hast.‘

Christoph Kümpel beim Praxissemester in Australien

Wie war der Start an der Hochschule?
Ohne Fachhochschulreife oder Meisterweiterbildung fehlten mir die Vorbildung und auch die Zulassungsberechtigung. Das war die erste Hürde. Ich musste mich erst in einer Zulassungsprüfung an der Hochschule für das Studium qualifizieren. Ich habe dafür Nachhilfe genommen und saß dort teilweise mit 14- oder 15-Jährigen zusammen und habe mit ihnen Mathe, Chemie und Physik gepaukt. Die Zulassungsprüfung habe ich schließlich als Bester bestanden und war im Studiengang der erste Student ohne Abitur oder einen ähnlichen Abschluss. Dort traf ich mit meinen 30 Jahren dann zum Teil auf 18-jährige Abiturienten und dazwischen einige Papiermacher, die einen ähnlichen Weg gingen wie ich.

Wie ging es weiter?

Neu war vor allem die Masse an Stoff und Informationen. Gerade die ersten beiden Semester waren ziemlich hart, weil mir die mathematischen und naturwissenschaftlichen Grundlagen fehlten. Höheres Rechnen kannte ich ja gar nicht.

Wie haben Sie das Studium dann geschafft?
Ich habe mir Hilfe in Tutorien geholt und diese teilweise als Semestersprecher auch selbst organisiert. Ich habe mich durchgebissen, mit viel Fleiß und Durchhaltevermögen. Deshalb ist es mir wichtig, auch andere zu ermutigen: Traut euch und versucht es!

Hat das Studium Ihre Erwartungen erfüllt?
Ich habe sehr viel gelernt. Durch den kleinen Studiengang war die Betreuung sehr gut und in den zahlreichen Praktika in Betrieben konnten wir viel ausprobieren. Dazu gab es die Möglichkeit zu Auslandssemestern in Finnland und den USA. Ich hätte mir allerdings etwas mehr Freiheiten gewünscht. Es wurde viel vorgegeben, was wir zu lernen haben, um eine gute Note zu erhalten. Und mehr praktische Projektarbeit mit Vor- und Nachbereitung wäre schön gewesen.

Waren Sie im Ausland?
Ich verbrachte ein Auslandssemester in den USA und für mein Praxissemester war ich in Australien. Das ist natürlich ein enormer Mehrwert. Es wurde sogar beides durch das Aufstiegsstipendium gesondert gefördert.

Wie hatten Sie vom Aufstiegsstipendium erfahren?
Eins der Themen im Studienberatungsgespräch an der Hochschule war die Finanzierung des Studiums. Dabei wurden auch Stipendien angesprochen. Auf das Aufstiegsstipendium stieß ich später bei meinen eigenen Recherchen. Deshalb konnte ich mich erst während meines zweiten Studiensemesters um das Stipendium bewerben.

Wie hätten Sie das Studium ohne Stipendium finanziert?
Durch die fast zehnjährige Schichtarbeit hatte ich einige Rücklagen. Und ich hätte mir vermutlich einen Nebenjob suchen müssen. Das Stipendium war deshalb eine große Entlastung und hat mir vieles erst ermöglicht. Ich hatte mehr Zeit, mir den Stoff anzueignen, an zusätzlichen Weiterbildungen teilzunehmen und mich an der Hochschule ehrenamtlich zu engagieren. Ich war in der Fachschaft aktiv, auch als Vorsitzender, und ich bin in den Fakultätsrat gewählt worden und habe dort die Interessen der Studierenden vertreten. Außerdem habe ich mich in verschiedenen NGOs wie zum Beispiel Habitat for Humanity engagiert.

Ihr Studium haben Sie vor Kurzem mit dem Bachelor abgeschlossen. Was sind Ihre weiteren beruflichen Pläne?
Ich habe gerade das erste Semester meines Master-Studiums hinter mir. Für die Zeit danach habe ich verschiedene Pläne im Kopf. Zum einen kann ich mir eine Promotion vorstellen. Dazu müsste ich aber einen Professor als Doktorvater finden, der mich unterstützt. Mich im Bereich Forschung & Entwicklung zu spezialisieren, ist für mich ebenfalls gut denkbar. Eine dritte Möglichkeit wäre, als Berufsschullehrer zu arbeiten oder mich auf andere Weise in der Bildung zu engagieren, um weiterzugeben, was ich lernen konnte.

(Das Interview führte Heinz Peter Krieger)