Interview mit Johanna Himmelberg
„Der Meister eröffnet mir ganz neue Wege“
Johanna Himmelberg absolvierte nach ihrem Abitur eine Ausbildung zur Orthopädietechnik-Mechanikerin. Anschließend nahm sie an den Deutschen Meisterschaften im Handwerk teil und begann – unterstützt durch das Weiterbildungsstipendium – ihre Meister-Weiterbildung. Im Interview erzählt sie, was für sie das Besondere an ihrem Beruf ist, wie sie dabei Menschen mit Beeinträchtigung begleitet und warum sie die Meister-Weiterbildung direkt nach ihrer erfolgreichen Ausbildung begonnen hat.
Frau Himmelberg, Sie haben eine Ausbildung zur Orthopädietechnik-Mechanikerin absolviert. Was hat Sie zu diesem Beruf geführt?
Aufgewachsen bin ich mit einem älteren Bruder, der von Geburt an beeinträchtigt ist und im Alltag eine gewisse Unterstützung benötigt. Dadurch war für mich recht früh klar, dass ich einen sozialen Beruf ergreifen und Menschen mit jeglichen Einschränkungen unterstützen möchte. Hinzu kam, dass ich mich schon von klein auf für die Paralympics begeistern konnte und es unglaublich faszinierend fand und immer noch finde, wie schnell man beispielsweise mit einer Prothese sprinten kann. Aufgrund dessen habe ich mich dann erkundigt, wie eine Prothese gebaut wird, und schnell festgestellt, dass die Kombination aus einer handwerklichen Tätigkeit und dem Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen und Charakteren definitiv etwas für mich ist und eine schöne Abwechslung bietet..
Wie haben Sie Ihre Ausbildungsstelle gefunden?
Bereits während meiner Schulzeit habe ich in den Sommerferien ein Praktikum in meinem späteren Ausbildungsbetrieb in Stockum-Püschen im Westerwald absolviert. Dort stellte ich schnell fest, dass der Beruf des Orthopädietechnikers genau das Richtige für mich ist. Auch in den darauf folgenden Jahren durfte ich in den Sommerferien immer wieder ein bis zwei Wochen im Betrieb vorbeikommen und weitere Einblicke in den Arbeitsalltag sammeln. Nach meinem Abitur konnte ich dann meine Ausbildung beginnen und an meine bereits gesammelten Erfahrungen anknüpfen. Durch mein Abitur wollte ich mir die Möglichkeit offenhalten, zu einem späteren Zeitpunkt gegebenenfalls ein Studium in meinem Berufsfeld zu beginnen. Diese Idee habe ich aber inzwischen verworfen.
Wie haben Sie die Ausbildung erlebt?
Mein Beruf ist sehr abwechslungsreich und umfasst grundsätzlich drei Bereiche: Neben der Prothetik und Orthetik gehört auch die Rehatechnik dazu. Ich habe mich ganz bewusst dazu entschieden, in einem Betrieb zu lernen, der ausschließlich die Prothetik bedient: Diese Entscheidung bot mir von Beginn an die Möglichkeit, mich zu spezialisieren. Die Bestandteile der Orthetik und Rehatechnik habe ich eher theoretisch im Rahmen der Berufsschule gelernt. Langweilig wurde es trotz der Spezialisierung dennoch nicht. Ich durfte schon früh recht eigenständig arbeiten und eigene Erfahrungen im Bereich der Versorgung von Kunden sammeln sowie die unterschiedlichsten Passteile verbauen und einstellen.
Was macht den Beruf für Sie aus?
Neben der Vielfalt an Tätigkeiten und Aufgabenbereichen gehören die ersten Anproben einer Prothese zu meinen liebsten Momenten. Viele Kunden rufen uns im Anschluss an ihre Amputation an und lassen sich beraten, wie die Versorgung mit einer Prothese abläuft, und wenden sich mit ihrer ganz persönlichen Geschichte an uns. Der Verlust einer Gliedmaße ist nicht immer leicht zu verarbeiten. Umso schöner ist es, wenn ich mit meiner Arbeit einen Teil dazu beitragen kann, dass meine Kunden, im wahrsten Sinne des Wortes, wieder mit beiden Beinen im Leben stehen können und ihren Alltag bewältigen können. Die erste Anprobe einer Prothese ist somit oftmals recht emotional und der Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Im weiteren Verlauf der Versorgung sind immer wieder Anpassungen notwendig, um die Prothese an sich verändernde körperliche Gegebenheiten anzupassen. Über die Zeit entwickelt sich hier ein starkes Vertrauensverhältnis.
Wie läuft die Anpassung einer Prothese ab?
Nach der Amputation und einer abgeschlossenen Wundheilung beginnt man mit einer Kompressionstherapie und anschließend mit einer Maßnahme, um einen ersten Schaft zu bauen. Dieser stellt die Verbindung des Stumpfes mit den restlichen Bestandteilen einer Prothese dar. Die Passform ist hierbei existenziell. Hergestellt wird der Schaft entweder auf Basis eines Gipsbadrucks oder etwa bei Oberschenkelprothesen auf der Grundlage von ausgemessenen knöchernen und weichteiligen Maßen. Im weiteren Verlauf wird die Passform des Schaftes dann im Rahmen von mehreren Anproben optimiert und angepasst. Ebenso werden unterschiedliche Passteile getestet, um die bestmögliche Versorgung des jeweiligen Kunden sicher zu stellen. Amputationsursache sind zumeist Diabetes und arterielle Verschlusskrankheiten. Es gehören aber auch Unfälle oder Tumore zu den Ursachen einer Amputation.
Bereitet die Ausbildung auf die psychologische Komponente des Berufs vor?
Das wird in der Ausbildung leider etwas stiefmütterlich behandelt und findet eher im Ausbildungsbetrieb statt, wo man langsam daran herangeführt wird. Im Berufsschulunterricht wird es kaum thematisiert.
Nach der Ausbildung haben Sie an den Deutschen Meisterschaften im Handwerk teilgenommen. Wie haben Sie sich dafür qualifiziert?
Angemeldet habe ich mich hierzu bei der Handwerkskammer. Die Handwerksmeisterschaften werden dann über drei Ebenen ausgetragen: zunächst über den Innungskreis durch die Handwerkskammer und dann auf Landesebene durch das Land Rheinland-Pfalz. Auf diesen beiden Ebenen wurden die Noten aus der Gesellenprüfung bewertet und ich habe mit meinen 100 Punkten in der praktischen Prüfung beide gewonnen. Der Bundesentscheid fand in Dortmund an der Bundesfachschule für Orthopädie-Technik statt. Dort wurde eine praktische Aufgabe gestellt. Abgeschlossen habe ich diese Ebene irgendwo zwischen Platz vier und vierzehn; die Plätze wurden nicht weiter aufgedröselt.
Wie ging es nach der Ausbildung für Sie weiter?
Ich bin in meinem Ausbildungsbetrieb geblieben und hatte von Anfang an vor, bald mit der Meister-Weiterbildung zu beginnen. Da ich das Abitur hatte, konnte ich während meiner Ausbildung an der Berufsschule schon den betriebswirtschaftlichen Teil der Meister-Weiterbildung abdecken. Im Anschluss an die Ausbildung habe ich direkt den Ausbilderschein gemacht und die Prüfung, nach einem Vorbereitungskurs in Ulmen, an der IHK Koblenz in Altenkirchen absolviert. Die Meister-Weiterbildung wollte ich nicht in Vollzeit absolvieren, weil ich fand, dass mir dafür noch praktische Erfahrungen fehlten. Deshalb mache ich die Weiterbildung seit knapp zwei Jahren im Teilzeitmodell an der Bundesfachschule für Orthopädie-Technik in Dortmund. An manchen Fachschulen hätte ich jedes Wochenende anreisen müssen. Die Bundesfachschule in Dortmund bietet dagegen ein Modul-Modell mit zweiwöchigen Blöcken zu einzelnen Themenfeldern an, die man buchen kann. So lässt sich die Weiterbildung flexibel planen und ich habe weiter möglichst viel Zeit im Betrieb und für die Versorgung der Kunden.
Sie werden durch das Weiterbildungsstipendium gefördert. Wie haben Sie davon erfahren?
Ein Kollege aus einem anderen Standort unseres Unternehmens, der ebenfalls den Meister gemacht hat, erhielt das Weiterbildungsstipendium und erzählte davon. Ich habe mich dann bei meiner Handwerkskammer in Koblenz erkundigt. Diese hat mich über alles informiert und ich hatte das Glück, dass ich im Sommer 2024 noch an einer Auswahlrunde teilnehmen konnte. Das lief alles sehr unkompliziert ab. Ich bewarb mich und wurde in das Weiterbildungsstipendium aufgenommen.
Wie weit sind Sie in Ihrer Meister-Weiterbildung?
Ich habe sämtliche theoretischen Prüfungen und die Arbeitsproben absolviert. Für die zweiwöchigen Module an der Bundesfachschule habe ich in weiten Teilen unbezahlten Urlaub genommen; das ließ sich, nicht zuletzt durch das Weiterbildungsstipendium, recht gut organisieren. Jetzt möchte ich noch mal ein halbes Jahr im Betrieb arbeiten und dann die praktischen Prüfungen angehen.
Wie wichtig ist das Weiterbildungsstipendium für Ihre berufliche Entwicklung?
Für mich ist es ein großer Schritt, den Meister zu machen. Ohne die Unterstützung durch das Weiterbildungsstipendium wäre ich vermutlich einen anderen Weg gegangen, auch aus finanziellen Gründen. Die Weiterbildungen sind nicht gerade günstig, das Stipendium habe ich komplett für die Meister-Weiterbildung genutzt. Vermutlich hätte ich sonst zunächst eine Weile als Gesellin im Betrieb gearbeitet und später den Meister in einem Vollzeit-Lehrgang gemacht. Durch die Förderung konnte ich die Kurse so verteilen, dass ich in Verbindung mit der praktischen Arbeit im Betrieb fachlich und inhaltlich möglichst viel mitnehmen konnte. So hat mich das Weiterbildungsstipendium immens weitergebracht. Der Meister eröffnet mir ganz neue Wege.
Wie sehen Ihre beruflichen Pläne nach der Weiterbildung aus?
Ich würde im Unternehmen gerne weitere Aufgaben übernehmen, etwa im Bereich der Ausbildung. Ich finde es schön, die Erfahrungen an die nächste Generation weiterzugeben. Darüber hinaus möchte ich den Bereich der Armprothetik für mich vertiefen und weitere Erfahrungen sammeln. Langfristig kann ich mir gut vorstellen, als Betriebsleiterin einen eigenen Standort zu übernehmen.
Sie haben Ihre Weiterbildung kurz nach der Ausbildung begonnen. Ist das für Sie der ideale Moment?
Ich glaube, das ist ganz individuell. Für mich war es der bessere Weg, mit der Weiterbildung zu beginnen, während ich sowieso noch im Lernprozess bin. Als Frau plant man vielleicht auch anders. Sollte ich später tatsächlich einen Kinderwunsch haben, würde ich zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich nicht noch den Meister machen wollen. So konnte ich mir etwas Druck nehmen und lernen werde ich sowieso ein Leben lang. Ich verstehe aber genauso, wenn jemand erst Erfahrungen sammeln und sich dann weiterbilden möchte. Das muss jeder für sich entscheiden.
Vor Kurzem haben Sie am Jubiläumsfestakt „30 Jahre SBB“ in der Bonner Beethovenhalle teilgenommen. Was bedeutet die Stiftung für Sie?
Dort eingeladen zu sein und an der Podiumsrunde teilnehmen zu können, war eine große Wertschätzung und für mich überhaupt nicht selbstverständlich. Es war schön, so viele Menschen mit ganz unterschiedlichen Geschichten und Arbeitswegen kennenzulernen, und vielleicht habe ich dazu beigetragen, mein Berufsfeld ein bisschen bekannter und für andere ebenfalls attraktiv zu machen.
Interview: Heinz Peter Krieger