Interview mit Veronika Patzler
„Besonders motivierend war, dass jemand an mich glaubt“
Nach ihrem Abitur wollte Veronika Patzler etwas Praktisches tun und entschied sich nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr in einer Klinik für eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin. Während der Ausbildung entstand in ihr der Wunsch, selbst in den Bereich der Lehre zu gehen. Unterstützt durch das Weiterbildungsstipendium und mit mehreren Jobs studierte sie berufsbegleitend Medizinpädagogik an der Deutschen Hochschule für Gesundheit und Sport in Ismaning und bildet an einer Berufsfachschule für Pflege nun selbst Pflegekräfte aus.
Frau Patzler, Sie haben eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin absolviert. Wie waren Sie auf diesen Beruf gekommen?
Nach dem Abitur, das von vielen Jahren intensiven Lernens geprägt war, verspürte ich den Wunsch, etwas Praktisches zu tun und direkte Erfahrungen zu sammeln. In meiner Abiturprüfung, der sogenannten fünften Prüfungskomponente in Berlin, beschäftigte ich mich im Fach Biologie mit der Frage, ob Glyphosat für den Menschen giftig ist. Dieses Thema weckte mein Interesse daran, wie der menschliche Körper funktioniert und wie der Gesundheitssektor aufgebaut ist. Um Einblicke in die Praxis zu gewinnen, absolvierte ich ein Freiwilliges Soziales Jahr im Humboldt-Klinikum in Berlin. Dort merkte ich schnell, dass ich im medizinisch-pflegerischen Bereich bleiben wollte. So entschied ich mich für die Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin.
Hatten Sie auch über ein Studium nachgedacht?
Mir war wichtig, finanziell von Anfang an auf eigenen Beinen zu stehen und in einem Beruf tätig zu sein, der unmittelbaren Kontakt zu Menschen bietet. Besonders geschätzt habe ich, dass sich in der Ausbildung von Anfang an Theorie und Praxis miteinander verbinden ließen. Mein schulischer Weg zuvor war allerdings alles andere als gradlinig.
Wie sah Ihre Schulzeit aus?
Im Verlauf meiner Schulzeit besuchte ich vier verschiedene Schulformen und wechselte insgesamt dreimal die Schule. Diese Zeit war von vielen Umbrüchen und neuen Anfängen geprägt. Erst mit dem Wechsel an ein Oberstufenzentrum fand ich die für mich passende Lernumgebung. Dort konnte ich meine Leistungen von einem Durchschnitt von etwa 4,5 auf die Abschlussnote 1,0 im mittleren Schulabschluss steigern.
Was war der Grund für den Sprung bei Ihren schulischen Leistungen?
Ein Oberstufenzentrum nimmt Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Bildungswegen auf und bietet ihnen die Möglichkeit, unter anderem den mittleren Schulabschluss zu erwerben. Für mich öffnete sich dadurch der Weg zum Gymnasium, und zum ersten Mal begann ich wieder, an mich selbst zu glauben. Mein Abitur schloss ich schließlich mit der Note 1,3 ab. Ich musste zuvor erst lernen, wie man richtig lernt.
Wo haben Sie Ihre Ausbildung absolviert?
Nach dem FSJ suchte ich wieder einen Neuanfang und habe mich um eine Ausbildungsstelle am Uniklinikum in Leipzig beworben und diese auch bekommen. Dort konnte ich schnell gute Leistungen zeigen, weil ich während meines Freiwilligendienstes bereits pflegerische und medizinische Erfahrung sammeln konnte und mich in meiner Freizeit schon in vieles eingelesen hatte. Ich wurde relativ früh in hoch spezialisierten Bereichen eingesetzt, etwa in der Interventionellen Radiologie, der Knochentransplanteinheit oder der Interdisziplinären Intensivstation.
In der Ausbildung waren Sie also gleich gefordert.
Die Ausbildung hat mich sowohl fachlich als auch menschlich tief geprägt. In einer Klinik liegen Geburt, Leben und Tod oft nah beieinander; das verändert den Blick auf das Leben. Zugleich hat mir diese Zeit die Augen dafür geöffnet, wie bedeutsam Forschung ist: In einer Universitätsklinik erhalten Patientinnen und Patienten Therapien, die andernorts nicht durchführbar sind.
Besonders herausfordernd war die Corona-Zeit, die das Klinikgeschehen mit voller Wucht traf. Ich war damals auf einer onkologischen Station eingesetzt, mit vielen Patientinnen und Patienten in Chemotherapie – Menschen, die große Angst um ihr Leben hatten, weil ihr Immunsystem praktisch nicht mehr existierte. Gleichzeitig fand der Unterricht in der Ausbildung auf Distanz statt, was die Situation zusätzlich erschwerte.
Wie ging es nach der Ausbildung beruflich für Sie weiter?
Meine Ausbildung schloss ich mit der Traumnote 1,0 ab. Gerne wäre ich in Leipzig geblieben, zog jedoch aus privaten Gründen nach München. Dort erhielt ich eine Stelle im flexiblen Springerdienst am LMU-Klinikum, der Universitätsklinik München. Diese Position erwies sich als ideal, da ich zu diesem Zeitpunkt bereits über ein Studium nachdachte und mir der variable Dienstplan genügend Freiraum ließ, um dieses Vorhaben zu realisieren.
Seit wann spielten Sie mit dem Gedanken, doch noch zu studieren?
Während meiner Ausbildung beeindruckte mich, mit welcher Struktur und wie didaktisch durchdacht die Dozentinnen und Dozenten die Lerninhalte vermittelten. Dadurch entstand in mir der Wunsch, selbst in die Lehre zu gehen, da ich aus eigener Erfahrung wusste, wie herausfordernd Lernen sein kann. Eine naheliegende Möglichkeit war ein Studium der Pflege- oder Medizinpädagogik. Besonders gut passte dazu mein Einsatz im Springerdienst des Klinikums, da ich dort auf allen Stationen tätig war und vielfältige praktische Erfahrungen sammeln konnte. Ergänzend arbeitete ich beim Ärzteverband Marburger Bund, wo ich mich für bessere Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen engagierte. Beide Tätigkeiten begleiteten mich während des gesamten Studiums.
Für welchen Studiengang haben Sie sich entschieden?
Ich suchte nach einer Hochschule in der Nähe von München, die ein Studium mit Vollzeitpensum ermöglichte, damit sich die Studienzeit nicht unnötig verlängerte, das zugleich aber auch berufsbegleitend absolviert werden konnte. Zudem sollten die Studiengebühren in einem vertretbaren Rahmen liegen. All diese Kriterien erfüllte die Deutsche Hochschule für Gesundheit und Sport (DHGS) in Ismaning. Dort nahm ich schließlich mein Studium der Medizinpädagogik auf.
Sie wurden während Ihres Studiums durch das Weiterbildungsstipendium gefördert. Wie hatten Sie davon erfahren?
Nach meinem Freiwilligen Sozialen Jahr und der anschließenden Ausbildung hatte ich kaum Gelegenheit gehabt, finanzielle Rücklagen zu bilden. Deshalb informierte ich mich über mögliche Stipendien und stieß dabei auf das Weiterbildungsstipendium. Zunächst ging ich jedoch davon aus, dass ich die Altersgrenze von 24 Jahren bereits überschritten hätte. Erst im Auswahlgespräch an der Hochschule erfuhr ich von einer Professorin, dass mein Freiwilliges Soziales Jahr bei der Altersgrenze angerechnet wird – ein Detail, das ich zuvor übersehen hatte. Also reichte ich meine Bewerbung für das Weiterbildungsstipendium ein, und schon kurze Zeit später erhielt ich die Zusage. Ich war überglücklich und habe buchstäblich einen kleinen Freudentanz aufgeführt. Es war ein unbeschreiblich schönes Gefühl.
Aus diesem Grund kann ich Jugendlichen einen Bundesfreiwilligendienst empfehlen. Er wird bei Auswahlverfahren und Bewerbungen rund um Ausbildung und Studium häufig positiv berücksichtigt, lässt einen persönlich reifen und stärkt die eigene berufliche Orientierung. Zudem hat man die wertvolle Möglichkeit, der Gesellschaft etwas zurückzugeben.
Wie haben Sie Ihr Studium und die beiden Jobs miteinander vereinbaren können?
Vor dem Studium war ich der Meinung, bereits viel erreicht zu haben, doch die tatsächliche Belastung war deutlich höher, als ich erwartet hatte. Besonders herausfordernd war es, mich ständig zwischen verschiedenen Aufgaben aufzuteilen und allen Anforderungen gerecht zu werden. An der Hochschule fanden regelmäßig Präsenztage statt, und häufig standen Prüfungen am Samstag an. Unter der Woche arbeitete ich parallel beim Marburger Bund und im Schichtdienst in der Klinik. An den Abenden besuchte ich die Online-Vorlesungen, schrieb Hausarbeiten oder lernte für die Klausuren.
Gerade die Präsenztage am Studienstandort empfand ich jedoch als besonders wertvoll: Die interdisziplinär zusammengesetzten Teams ermöglichten uns, unglaublich viel voneinander zu lernen. Für das Studium der Medizinpädagogik ist eine abgeschlossene Berufsausbildung im Gesundheitswesen Voraussetzung. Daher zählten zu meinen Kommilitoninnen und Kommilitonen unter anderem Fachkräfte aus der Physiotherapie und der Notfallrettung. Dieser Austausch war äußerst bereichernd, weit über den eigentlichen Studieninhalt hinaus. Richtig anspruchsvoll wurde es durch die drei pädagogischen Pflichtpraktika von jeweils 120 Stunden.
Wie waren die Pflichtpraktika organisiert?
Mein erstes Praktikum absolvierte ich an einer Mittelschule in Prien, wo ich insbesondere die Praxisklasse begleitete. Dort werden Schülerinnen und Schüler mit Lernschwierigkeiten individuell gefördert. Ihnen konnte ich aus eigener Erfahrung sagen: In eurer Situation war ich auch einmal. Glaubt an euch! Die beiden weiteren Pflichtpraktika absolvierte ich an einer Krankenpflege- und einer Krankenpflegehilfeschule in Rosenheim. Diese Zeit war ausgesprochen intensiv, zweimal 120 Stunden am Stück. Um die Praktika überhaupt absolvieren zu können, habe ich meinen gesamten Jahresurlaub eingesetzt und in meinen beiden Jobs Stunden vorgearbeitet. Aus dem zweiten Praktikum ergab sich schließlich sogar eine dritte berufliche Möglichkeit.
Welche berufliche Option war das?
Von der Krankenpflegeschule erhielt ich während meines Praktikums das Angebot, bereits gegen ein Gehalt als Dozentin tätig zu werden. Organisatorisch war das eine echte Herausforderung, zugleich aber eine ausgesprochen bereichernde Erfahrung. Dadurch, dass verschiedene Pflegeeinrichtungen die Träger der praktischen Ausbildung sind und zum Teil ihre langjährigen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ohne Berufsabschluss noch zur Ausbildung zur Pflegefachkraft motivieren, entstand ein außergewöhnlich vielfältiger und altersdiverser Teilnehmerkreis.
Was sind Ihre beruflichen Pläne nach dem Studium?
Als ich kurz davorstand, die letzten Studienmodule abzuschließen und mit meiner Bachelorarbeit begann, erfuhr ich eher zufällig von meiner absoluten Traumstelle. Heute bin ich Lehrkraft an der RoMed-Berufsfachschule für Pflege in Rosenheim. Schon während ich noch auf meine Abschlussnote wartete, konnte ich dort beginnen, mit einer zunächst auf zwei Jahre befristeten Lehrgenehmigung. Das Medizinpädagogik-Studium habe ich „mit Auszeichnung“ abgeschlossen. Inzwischen halte ich mein Bachelorzeugnis mit der Note 1,2 in den Händen.
Ich unterrichte in der Theorie und übernehme auch die Praxisbegleitung. Die Arbeit im engagierten Kollegium bereitet mir große Freude, und es ist schön zu hören, dass auch das Team von meinen Erfahrungen profitiert – insbesondere, weil ich zuvor in vielen unterschiedlichen Kliniken und Fachbereichen tätig war. Im kommenden Schuljahr werde ich erstmals eine eigene Klassenleitung übernehmen, worauf ich mich sehr freue.
Wie wichtig war das Weiterbildungsstipendium für Ihre berufliche Entwicklung?
Das Stipendium war für mich eine große Unterstützung, da ich mich während des Studiums vollständig auf meine Ausbildung konzentrieren konnte, ohne einen weiteren Nebenjob annehmen zu müssen. Besonders motivierend war für mich das Gefühl, dass jemand an mich glaubt. Gleichzeitig empfand ich eine gewisse Verpflichtung, dieses Vertrauen durch gute Leistungen zu rechtfertigen. Das Stipendium hat mich angespornt, in den Prüfungen zu den Besten zu gehören. Mein Ziel nach dem Studium ist, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Das gelingt mir am besten, indem ich dazu beitrage, hervorragend ausgebildete Pflegekräfte hervorzubringen.
Interview: Heinz Peter Krieger