Weiterbildung zur Industriemeisterin: „Mir war früh klar, dass ich genau das weitermachen wollte“

Laura Freidank arbeitet in einer großen Chemieanlage (Foto: Andreas Burmann).

Als Laura Freidank nach ihrem Abitur ein Chemie-Studium begann, merkte sie schnell, dass ihr die praktische Arbeit fehlte. Sie entschied sich um und absolvierte eine Ausbildung zur Chemikantin. Bald danach begann sie – gefördert durch das Weiterbildungsstipendium und parallel zu ihrem Schichtdienst – die Weiterbildung zur Industriemeisterin Chemie.

Frau Freidank, nach Ihrem Abitur absolvierten Sie eine Ausbildung zur Chemikantin – für viele ein typischer Männerberuf.
Das empfand ich nicht so. Chemie hatte mich während meiner Schulzeit schon immer interessiert. Nach meinem Abitur begann ich, Chemie zu studieren, merkte aber schnell, dass mir das Studium zu trocken und nicht praktisch genug war. Nach dem ersten Semester sondierte ich deshalb, welche Ausbildungsberufe und -möglichkeiten es in der näheren Umgebung gab. Dabei stieß ich auf die Ausbildungsstelle zur Chemikantin bei einem Chemieunternehmen in Wilhelmshaven, das Polyvinylchlorid, also PVC herstellt. Was ich über das Berufsbild erfuhr, gefiel mir sehr gut, und es klappte dann auch mit dem Ausbildungsplatz.

Was gehört alles zu dem Berufsbild?
Viele denken, dass sich die Tätigkeit hauptsächlich im Labor abspielt. Tatsächlich arbeiten Chemikanten in der chemischen Industrie draußen in großtechnischen Anlagen. Dort kontrollieren wir die Prozesse, führen Probenahmen durch und fahren Produktionsanlagen an und ab. In der Messwarte werden über die Prozessleittechnik unter anderem die Temperaturen, Drücke und Flüsse überwacht und geregelt. Gegebenenfalls müssen wir draußen eingreifen. Nach der Ausbildung hat man im Berufsalltag häufiger mit den technischen als mit den chemischen Aspekten zu tun.

Brachte die Ausbildung die gewünschte Veränderung zum Studium?

Das tat sie. Ich musste natürlich weiterhin viel lernen und verbrachte Wochen im Ausbildungsraum. Im Betrieb durchlief ich aber mehrere verschiedene Abteilungen wie die Mess- und Regel- oder die Mechanikabteilung. Die Eindrücke, die man dort bekommt, helfen später, den Produktionsprozess zu verstehen und die Arbeiten richtig durchführen zu können. Theorie und Praxis sind dabei wirklich eng miteinander verzahnt. Es geht zum Beispiel darum, Fehlersuche zu betreiben, wenn eine Messung Probleme macht, um den Instandhaltern die Arbeit zu erleichtern.

Wie viele Frauen arbeiten in dem Beruf?

Der Anteil wird immer größer. In den Lehrjahren vor meiner Zeit gab es immer mal wieder Frauen in der Ausbildung, die aber nicht lange blieben, sondern zum Beispiel anschließend studierten. Unter circa 100 Mitarbeitern waren vor mir gerade mal zwei Frauen auf Schicht. Mittlerweile sind immer eine oder mehrere Frauen unter den sechs bis zehn Auszubildenden in einem Lehrjahr. Viele Frauen schrecken noch davor zurück, in eine scheinbare Männerindustrie zu gehen. Ich hatte nie das Gefühl, als Frau in meinem Beruf besonders aufzufallen, und ich bekam auch keine merkwürdigen Kommentare zu hören. Ich glaube, da hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Andere haben bereits den Grundstein für die Etablierung von Frauen in solchen Berufen gelegt.

Wie ging es nach der Ausbildung für Sie weiter?
Nach der Ausbildung erhielt ich einen unbefristeten Vertrag bei meinem Ausbildungsunternehmen. Nach einem halben Jahr begann ich – nebenberuflich neben dem vollen Schichtdienst – die Weiterbildung zur Industriemeisterin Chemie. Der Ausbildereignungsschein gehört ebenfalls dazu. Diesen habe ich schon vor Beginn der Weiterbildung erworben.

Also kurz nach Ihrer eigenen Ausbildung.
Unsere Ausbilderin wies früh auf die Möglichkeit der Industriemeister-Weiterbildung hin. Während der Ausbildung bekamen wir außerdem bereits mit, dass in den kommenden Jahren viele Meister das Rentenalter erreichen und dann im Betrieb fehlen werden. Außerdem baut die Weiterbildung zum Industriemeister Chemie eng auf der Ausbildung auf. Von daher war mir schon früh klar, dass ich genau das weitermachen wollte.

Wussten Sie da schon vom Weiterbildungsstipendium?

Meine Ausbilderin hatte auch auf die mögliche Förderung durch das Weiterbildungsstipendium hingewiesen. Die Oldenburgische Industrie- und Handelskammer sandte mir nach Ende der Ausbildung ebenfalls Infos zum Stipendium. Vor Beginn der Weiterbildung bewarb ich mich bei der IHK und bekam dann beim zweiten Anlauf, ein Jahr später, die Zusage.

Wie können Sie die Weiterbildung mit dem Schichtdienst vereinbaren?

Die Weiterbildung findet zweimal in der Woche in einer Technischen Abendschule in Wilhelmshaven statt. Wenn meine Schicht in diese Zeiten fällt, kann ich leider nicht an den Kursen teilnehmen, da das Unternehmen im vollkontinuierlichen Schichtdienst arbeitet – also auch nachts und an den Wochenenden. Einige meiner Kollegen machen aber dieselbe Weiterbildung. So ergibt es sich, dass eigentlich immer jemand im Kurs ist und wir die Unterlagen untereinander weitergeben können.

Schichtdienst auch in der Weiterbildung …
Ganz genau.

Was sind Ihre Pläne nach der Industriemeister-Weiterbildung?

Ich werde zunächst in meinem Beruf als Chemikantin weiterarbeiten. Der Produktionsprozess in unserem Unternehmen ist sehr umfassend. Man muss erst einmal alles verstanden und Praxiserfahrung gesammelt haben. Wenn ich mich dann selbst in der Lage sehe, anderen Mitarbeitern zu erklären, wie sie ihre Arbeit zu machen haben und warum, wäre ein möglicher Schritt, Schichtmeisterin zu werden. Je nachdem, was sich im Betrieb ergibt, kann ich mir auch eine Tätigkeit außerhalb des Schichtdienstes als Tagdienstmeisterin oder Ausbilderin vorstellen. Da bin ich noch ganz offen.

Die Weiterbildung zur Industriemeisterin ist also der richtige Schritt, um beruflich weiterzukommen?
Auf jeden Fall. Zum Beispiel versteht man dadurch auch die rechtlichen und anderen formellen Hintergründe des Berufs. Gerade in der Industrie gibt es sehr viele Vorschriften. Da ich die Förderung durch das Weiterbildungsstipendium nicht ganz ausgeschöpft habe, werde ich auch überlegen, wie ich diese anschließend noch nutzen kann. Aber zuerst möchte ich die Weiterbildung zur Industriemeisterin abschließen, weil das neben der Schichtarbeit doch recht aufwendig ist.

Wie sollten Berufstätige ihre Weiterbildungen planen?
In einer Weiterbildung sucht man sich meist keine ganz neue Richtung. Deshalb sollte man sich überlegen, welche Bereiche und Schwerpunkte einem in der Ausbildung am besten gefallen und am meisten gelegen haben, um auf diesen Punkten aufbauen zu können. Nach der Zusage zum Weiterbildungsstipendium gab es auch eine große Infoveranstaltung, auf der die IHK in Oldenburg darüber informierte, welche verschiedenen Weiterbildungsmöglichkeiten es gibt und wofür man das Stipendium nutzen kann. Solche Gelegenheiten zu nutzen, ist auf jeden Fall sinnvoll, auch ohne Stipendium.

Interview: Heinz Peter Krieger