„Wer über eine Weiterbildung nachdenkt, sollte nicht damit zögern“

Muhammed Emin Demiryürek absolvierte nach seinem Abitur eine Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker und ist seitdem Dreher in einem großen Industrieunternehmen. Ein Jahr nach Abschluss der Ausbildung begann er – gefördert durch das Weiterbildungsstipendium – ein berufsbegleitendes Maschinenbau-Studium. Gleichzeitig arbeitet er in Vollzeit im Drei-Schicht-Betrieb. Wie unser Stipendiat das schafft, erzählt er im Interview.

Herr Demiryürek, nach Ihrem Abitur haben Sie eine Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker absolviert. Wie waren Sie auf diesen Beruf gekommen?
Als ich das Abitur machte, war ich nicht sicher, ob ich studieren oder eine Ausbildung machen sollte. Das lag unter anderem daran, dass ich Kunst und Englisch als Leistungskurse gewählt hatte. Zum Maschinenbau-Studium, das mich interessierte, passte eigentlich nur mein drittes Abifach Mathematik. Ein Verwandter empfahl mir eine Ausbildung bei einem großen Maschinenbau-Unternehmen in Oberhausen, das auf Lösungen für die Energiebranche wie Turbinen spezialisiert ist. Ich bewarb mich schon ein Jahr vor meinem Abitur, machte einen Einstellungstest und konnte direkt nach der Schulzeit die Ausbildung beginnen.

Hat die Ausbildung Ihre Erwartungen erfüllt?
Auf jeden Fall. Es ist ein großes Unternehmen mit eigener Lehrwerkstatt und Werkbänken für die Auszubildenden. Dort lernten wir die verschiedenen Fertigungsverfahren kennen. Die Ausbildung war wirklich sehr umfangreich und abwechslungsreich.

Konnten Sie nach der Ausbildung im Unternehmen bleiben?
Im zweiten Lehrjahr sprach mich mein damaliger Meister an, weil er einen Mitarbeiter für die Bedienung einer Drehmaschine für bis zu 40 Tonnen schwere Werkstücke suchte. Ich schaute mir die Arbeit an und sie gefiel mir gut. Nach der Ausbildung konnte ich dort als Dreher anfangen. An der Maschine wurde ich noch ein halbes Jahr angelernt.

Seit wann spielten Sie mit dem Gedanken, doch noch zu studieren?
Kurz nach meiner Ausbildung führte das Unternehmen eine sogenannte Standortstrukturanalyse durch, mit dem Ergebnis, dass die Zahl der Mitarbeiter reduziert werden sollte. Es gab die Möglichkeit, temporär aus der Firma auszuscheiden, verbunden mit einer Motivationsprämie für eine Vollzeit-Weiterbildung und der Garantie, anschließend in das Unternehmen zurückkehren zu können. Dieses Angebot wollte ich gerne für ein Maschinenbau-Studium in Vollzeit wahrnehmen. Mein damaliger Meister lehnte das aber ab, weil er alle Mitarbeiter für die Bedienung der Drehmaschine im Drei-Schicht-Betrieb benötigte. Ich dachte deshalb über Alternativen nach, etwa eine Weiterbildung zum Techniker oder Meister. Im Internet stieß ich dann auf ein Angebot der FOM Hochschule in Essen über ein berufsbegleitendes Maschinenbau-Studium. Weil ich diesen Studiengang mit meiner Berufstätigkeit vereinbaren konnte, entschied ich mich für diese Variante und begann das Studium ein Jahr nach Ende meiner Ausbildung.

Warum haben Sie sich gegen eine Techniker- oder Meister-Weiterbildung entschieden?
Die Techniker-Weiterbildung hätte genauso lange gedauert wie das Studium. Außerdem gab es in unserem Betrieb ziemlich viele Techniker und Meister, die nach ihrer Weiterbildung Schwierigkeiten hatten, passende Stellen zu finden. Für diese wurde häufig ein Ingenieur-Studium verlangt. Deshalb entschied ich mich gleich für den Hochschulabschluss.

Bei Ihrem Studium werden Sie durch das Weiterbildungsstipendium unterstützt. Wie hatten Sie von dem Stipendium erfahren?
Nach meiner Ausbildung mit sehr gutem Abschluss hatte ich von der IHK zu Essen erste Infos zum Weiterbildungsstipendium erhalten. Als ich über ein Studium nachdachte, meldete ich mich bei der IHK und wurde zu einer Infoveranstaltung eingeladen. Dort erläuterte ich, was ich vorhatte, und bekam die Bestätigung, dass dieses Studium durch das Weiterbildungsstipendium gefördert werden könnte. Ich bewarb mich bei der IHK und wurde ins Stipendium aufgenommen. Das war für mich eine sehr wichtige Hilfe, weil ich ja auf einer privaten Hochschule studieren wollte. Mit dem Stipendium konnte ich ungefähr die Hälfte der Studiengebühren abdecken. Die andere Hälfte finanziere ich in Raten über meine Berufstätigkeit. Ich arbeite weiterhin in Vollzeit und drei Schichten. Ohne das Weiterbildungsstipendium wäre das eine noch viel größere Belastung.

Wie schaffen Sie es, das Präsenzstudium mit Ihrer Schichtarbeit zu vereinbaren?
Es ist nicht einfach. Das berufsbegleitende Studium erfordert sehr viel Selbstdisziplin und Ausdauer. Ich muss an drei Abenden in der Woche und teilweise samstags zu den Vorlesungen und Seminaren an die Hochschule. Es gibt also eigentlich keinen Feierabend mehr. Aufgrund der Schichtarbeit kann ich auch nicht alle Termine an der Hochschule wahrnehmen. Die muss ich dann nacharbeiten. Ich habe aber eine Lerngruppe mit Kommilitonen, von denen einige keine Schichtarbeit machen. Von ihnen bekomme ich die Unterlagen von den Terminen, an denen ich nicht zur Hochschule kann. Ein berufsbegleitendes Studium ganz alleine zu schaffen, fände ich sehr schwierig. Es ist wichtig, solche Gruppen zu finden. Ich bin jetzt im siebten Semester und hoffe, das Studium im kommenden Jahr abschließen zu können.

Helfen Ihnen dabei Ihre praktischen Erfahrungen?
Sogar sehr. Bei Freunden, die in Vollzeit studierten, bekam ich mit, dass sie in den praktischen Teilen häufig Schwierigkeiten hatten, etwa wenn es darum ging, Zeichnungen zu lesen. Solche Dinge lernt man schon in der Ausbildung und helfen dann auch im Studium. Erst eine Ausbildung gemacht und später ein Studium begonnen zu haben, bereue ich deshalb gar nicht.

Was sind Ihre beruflichen Pläne als künftiger Ingenieur-Absolvent?
Festgelegt habe ich mich noch nicht. Aber ich habe im Betrieb mit Kollegen gesprochen, die in der Inbetriebnahme von Maschinen arbeiten. Das kann ich mir auch gut vorstellen. In dem Bereich ist man häufig bei den Kunden unterwegs und lernt viele neue Länder, Kulturen und Arbeitsabläufe kennen. Außerdem könnte ich dabei meine Fremdsprachenkenntnisse verbessern. Eine andere Möglichkeit wäre der Bereich Konstruktion. Wenn ich mein Studium im kommenden Jahr beende, habe ich über fünf Jahre in der Fertigung gearbeitet und könnte diese Erfahrungen gut in der Konstruktion einbringen. Das Gute am Maschinenbau-Studium ist, dass einem sehr viele Türen offenstehen, gegebenenfalls auch in anderen Branchen.

Was raten Sie Berufstätigen, die überlegen, welche Weiterbildung die richtige für sie ist?
Sich weiterzuentwickeln, ist immer gut. Man sollte sich aber darüber im Klaren sein, in welche Richtung man gehen möchte und dass eine längere berufsbegleitende Weiterbildung immer mit Abstrichen am Privatleben verbunden ist. Es heißt zwar, dass das Lernen kein Alter kenne, aber wer darüber nachdenkt, sollte auch nicht damit zögern – umso leichter fällt es, die Weiterbildung erfolgreich abzuschließen.

Interview: Heinz Peter Krieger