Interview mit Patrick Brendle
„Das Aufstiegsstipendium hat alles einfacher gemacht“
Nach seiner Mittleren Reife und einer Ausbildung zum Werkzeugmechaniker arbeitete Patrick Brendle zunächst mehrere Jahre im Prototypenbau eines bekannten Automobilherstellers. Über ein Studium hatte er schon länger nachgedacht. Er erlangte an einer Abendschule die Hochschulreife, studierte mit Unterstützung des Aufstiegsstipendiums Maschinenbau an der Universität Konstanz und konnte als Entwicklungsingenieur zu seinem Arbeitgeber zurückkehren. Im Interview erzählt Patrick Brendle, wie das Aufstiegsstipendium ihn dabei unterstützte und wie er im Berufsalltag von seinem Studium profitiert.
Herr Brendle, nach Ihrer Mittleren Reife haben Sie eine Ausbildung zum Werkzeugmechaniker absolviert. Wie waren Sie auf den Beruf gekommen?
Während der Zeit an der Realschule absolvierten wir einige Pflichtpraktika. Bei uns in der Stuttgarter Region gibt es viele Unternehmen aus der Metallverarbeitung. Ich habe zwei Praktika bei Unternehmen aus der Branche absolviert und bin so auf den Beruf gestoßen.
Wie haben Sie Ihre Ausbildungsstelle gefunden?
Die Ausbildung habe ich bei einem bekannten Automobilhersteller im Werk in Sindelfingen absolviert. Für ein Praktikum während der Schulzeit war dies zu weit von meinem Wohnort entfernt. Aber weil mich die Automobilbranche und die Marke immer begeistert hatten, habe ich mich dort um eine Ausbildungsstelle beworben und es funktionierte glücklicherweise.
Wie gefiel Ihnen die Ausbildung?
Ich hatte mich vorher gut informiert, was auf mich zukommen würde. Es war ziemlich genau das, was ich erwartet hatte – ein Mix aus Praxis und spannender Theorie, die an der Berufsschule in Sindelfingen auch gut vermittelt wurde. Die Lerninhalte waren sehr hochwertig.
Sind Sie nach der Ausbildung in dem Unternehmen geblieben?
Ja, meine Ausbildung habe ich 2017 beendet und danach drei Jahre in der Werkstatt für den Prototypenbau gearbeitet – also für die Fahrzeuge, die manchmal getarnt auf der Straße zu sehen sind. Im zweiten und dritten Jahr nach der Ausbildung habe ich außerdem an einer Abendschule die Hochschulreife und damit die Studienzulassung erlangt. Das hat mein Arbeitgeber sehr flexibel unterstützt, etwa wenn ich Urlaub genommen oder Überstunden ausgeglichen habe, um an Kursen oder Prüfungen teilnehmen zu können. Anschließend habe ich vier Jahre studiert und bin jetzt als Entwicklungsingenieur in dem Unternehmen tätig. Mein Arbeitgeber hatte mich für das Studium freigestellt, mit einer Wiedereinstellungszusage. Da habe ich wirklich ich vollen Support erhalten.
Seit wann dachten Sie darüber nach zu studieren?
Das war schon während der Ausbildung. Mein Cousin begann zu dieser Zeit, Maschinenbau zu studieren. Er hatte einen ähnlichen Weg gewählt wie ich, also ebenfalls zunächst eine Ausbildung absolviert. Zum Ende meiner Ausbildung kam ich außerdem in Kontakt zu dualen Studenten. Ich wollte erst einmal Berufserfahrungen sammeln und so eine Basis schaffen, um diese später in einem Studium in der Theorie zu vertiefen. Aber die Überlegung war schon da.
Wie haben Sie den Studiengang und die Hochschule ausgewählt?
Als ich schaute, was man wo studieren kann, fiel mir Konstanz als Universitätsstadt auf. Da war meine Entscheidung recht schnell klar, dort Maschinenbau zu studieren. Ich hatte mal an einem Schulausflug nach Konstanz unternommen, die Stadt war nicht allzu weit weg von zu Hause und es ist eine schöne Location am Bodensee. Mein Cousin studierte auch dort. Ich überlegte auch, in Richtung Fahrzeugtechnik zu gehen. Maschinenbau ist aber allgemeiner gefasst. So bin ich breiter aufgestellt und weniger an eine Branche gebunden.
Wie war für Sie der Wechsel an die Uni?
Ich war ja schon etwas älter und kam nicht direkt von der Schule an die Uni. Auf manche Fächer wie Mathematik oder Technische Mechanik waren die Kommilitonen mit Abitur besser vorbereitet. Mit etwas größerem Lernaufwand in der Anfangsphase ließ sich das aber ausgleichen. Eine Herausforderung war die Corona-Pandemie. Als alles remote stattfand, man nur 80 leere Kacheln vor sich und niemanden gesehen hatte, war das für mich die größere Hürde. Inhaltlich war mit einer gewissen Anstrengung alles zu bewältigen. Ab dem dritten Semester fanden die Semester in Präsenz statt, da wurde es deutlich leichter.
Hat Ihnen im Studium Ihre praktische Berufserfahrung geholfen?
Anerkannt wurde relativ wenig. Sehr geholfen haben meine Berufserfahrungen aber bei den praktischen Gruppenarbeiten, zum Beispiel wenn wir ein Getriebe auslegen mussten oder in Seminaren zur Produktentwicklung. Hier konnte ich meine Stärken ausspielen, etwa wenn es darum ging, wie sich ein Bauteil gestalten und anschließend realistisch fertigen lässt oder wie Toleranzen festgelegt werden. Da konnte ich auf zeitintensive Recherchen verzichten, weil ich in der Lage war, vieles relativ schnell aus Erfahrung zu entscheiden.
Bei Ihrem Studium wurden Sie durch das Aufstiegsstipendium gefördert. Wie hatten Sie von dem Stipendium erfahren?
Ehrlich gesagt dachte ich, ich käme für ein Stipendium nicht infrage. Ein Kommilitone meines Mitbewohners hatte sich aber um das Aufstiegsstipendium beworben und er fragte mich, ob das nicht auch etwas für mich wäre. Ich informierte mich, die Voraussetzungen passten und so bewarb ich mich und durchlief den Auswahlprozess. Als es klappte, war ich natürlich sehr happy. Das war schon während des ersten Semesters, ab dem zweiten wurde ich gefördert.
Wie sehr hat das Stipendium Ihnen das Studium erleichtert?
In den drei Jahren nach der Ausbildung, in denen ich gearbeitet hatte, konnte ich ein gewisses Budget ansparen. Ich hatte einkalkuliert, dieses aufzubrauchen und Neben- und Ferienjobs zu übernehmen, um das Studium zu finanzieren. Das Aufstiegsstipendium hat alles einfacher gemacht. Es hat die Sorge um die Finanzierung genommen und ich wusste, dass ich mich durch die regelmäßige Förderung voll auf das Studium konzentrieren konnte. Ich konnte Inhalte besser vor- und nachbereiten und mehr Zeit in das Studium investieren.
Haben Sie Angebote aus der „ideellen Förderung“ des Aufstiegsstipendiums wahrnehmen können?
Zu den Seminaren hatte es terminlich leider nie gepasst. Ich habe aber auf einem Stipendientag an der Uni Konstanz die SBB vertreten und in einem Vortrag das Aufstiegsstipendium vorgestellt.
Das Bachelor-Studium haben Sie mit der Note 1,6 abgeschlossen. Hatten Sie über ein Master-Studium nachgedacht?
Nach meinem Bachelor hatte ich Rücksprache mit meinem Arbeitgeber gehalten und bin in den Betrieb zurückgekehrt. Ich habe direkt die Stelle als Entwicklungsingenieur bekommen. Ein Master-Studium plane ich bislang nicht. Nach meinem Maschinenbau-Studium und dem Einstieg als Ingenieur würde ein Master mir beruflich derzeit nicht weiterhelfen. Ich bin seit einem halben Jahr wieder im Unternehmen und lege erst einmal den Fokus darauf, auf der neuen Position voll Fuß zu fassen.
Wie hilft Ihnen das Studium nach Ihrer Rückkehr ins Unternehmen?
Am meisten profitiere ich davon, wenn ich vor neuen Herausforderungen stehe und einen Lösungsansatz finden muss. Wenn ich mit einem Bündel neuer Aufgaben konfrontiert bin, muss ich strukturiert an sie herangehen und mich in neue Themen einlesen – da hat mich das Studium sehr vorangebracht.
Wann finden Sie es sinnvoll, aus dem Beruf herauszugehen und ein Studium zu beginnen?
Wenn man es nur macht, um später mehr zu verdienen, ist es aus meiner Sicht der falsche Schritt oder man sollte ihn zumindest gut überdenken. Er ist richtig für Personen, die merken: Das war es noch nicht für mich und ich möchte mehr Verantwortung übernehmen. Wenn die intrinsische Motivation vorhanden ist, würde ich ein Studium jederzeit empfehlen.
Interview: Heinz Peter Krieger