Vom Industriemechaniker zum Ingenieur: Interview mit Yasin Yüksel

Der Stipendiat Yasin Yüksel ist in Esslingen geboren und wohnt im nordschwäbischen Abstatt. Nach dem Besuch der Hauptschule hatte er Gelegenheit zu einer Ausbildung zum Industriemechaniker bei der Bosch GmbH. Mit bestandener Prüfung wurde er vom Unternehmen als Facharbeiter in der Montage übernommen. Aufgrund seines hervorragenden Ausbildungsabschlusses erhielt Yasin Yüksel zudem über die IHK Stuttgart ein Weiterbildungsstipendium. Die Förderung nutzte er für eine berufsbegleitende Qualifizierung zum staatlich geprüften Techniker. Der Abschluss als Techniker ermöglichte den nächsten Schritt, das berufsbegleitende Maschinenbaustudium, für das Yasin Yüksel sich um ein Aufstiegsstipendium bewarb und 2008 als einer der ersten Stipendiaten aufgenommen wurde. Heute ist Yasin Yüksel Ingenieur und hat neue, verantwortungsvolle Aufgaben.

SBB: Warum haben Sie sich nach mehreren Jahren im Beruf entschieden, noch ein Studium zu wagen?

Y.Y.: Das hat sich bei mir Schritt für Schritt entwickelt: Nach meiner Ausbildung bei Bosch, bin ich in die Montage gekommen. Nach einiger Zeit wollte ich auch verantwortungsvollere Aufgaben übernehmen. Um dahin zu kommen, musste ich mich natürlich weiterbilden. Ich habe dann parallel zur Arbeit den Lehrgang zum staatlich geprüften Techniker gemacht. Über die IHK habe ich dafür das Weiterbildungsstipendium erhalten, das hat bei den Kosten sehr geholfen. Noch während des Technikerlehrgangs konnte ich bei Bosch die Abteilung wechseln und schon viele Arbeiten eines Technikers ausführen. Schon da hatte ich die Idee, nach dem Technikerabschluss auch ein berufsbegleitendes Studium anzuschließen. Ich wollte bei Projekten nicht nur mitwirken, sondern auch mitgestalten und etwas entwickeln. Zwischen der Ausbildung, dem Techniker und dem Studium war alles ein fließender Übergang. Ich war einfach gewohnt, nach der Arbeit noch zu lernen.

SBB: Was haben Sie sich zu Beginn von Ihrem Studium versprochen und sind Ihre Erwartungen erfüllt worden?

Y.Y.: Vom Studium habe ich mir versprochen, einen tieferen Einblick in die Technik zu bekommen. Ich habe Maschinenbau studiert. In der Technik kann man eigentlich nie auslernen. Das Studium hat mich soweit gebracht, dass ich in die Materie richtig reingehen kann und diese verstehe. Da sind meine Erwartungen auf jeden Fall erfüllt worden.

SBB: Was war beim Beginn des Studiums besonders schwierig und wie haben Sie die Schwierigkeiten gemeistert?

Y.Y.: Bei meinem Studium handelte es sich um ein Fernstudium an der HTW Berlin. Das ist nicht gerade um die Ecke von meinem Wohnort Stuttgart. Pro Semester musste man 12 Präsenzveranstaltungen besuchen. Das bedeutete für mich, ich musste im Monat jede zweite Woche nach Berlin fahren. Das war schon sehr anstrengend: Freitags nach der Arbeit um 15 Uhr ins Auto und 7 Stunden fahren und Samstag abend nach den Seminaren die ganze Strecke wieder zurück. In Berlin kann man zum Glück sehr günstig übernachten und in einer Art Jugendherberge habe ich noch einige andere Fernstudenten kennengelernt.

Weil ich den Techniker schon vorher hatte, tat ich mich in den praxisorientierten Fächern nicht schwer, zum Beispiel in der technischen Mechanik. Hier konnte ich mich durch meine Erfahrung viel schneller als andere hineindenken. Aber Mathe und Physik waren im Studium sehr schwierige Fächer.  Da hat mir unsere selbst organisierte Lerngruppe von Studenten aus dem Stuttgarter Raum sehr geholfen. Wenn nicht diese gegenseitige Unterstützung gewesen wäre, hätten wir das Studium nicht durchziehen können. Wir sind auch jetzt nach Ende des Studiums immer noch in Kontakt, das ist echt toll.

SBB: Inwieweit hat das Studium Sie persönlich und beruflich weitergebracht?

Y.Y.: Mich hat das persönlich erst einmal zu einem sehr guten Organisator gemacht, weil ich Familie, Beruf und Studium zusammenbringen musste. Gegen Ende des Studiums bin ich auch noch Vater geworden, da wollte ich ja auch möglichst viel Zeit mit meiner Familie verbringen – und trotzdem die Leistung im Beruf und im Studium erbringen.

Beruflich hat mich das Studium sehr viel weiter gebracht. Meine Firma, die Bosch Engineering GmbH und damit auch meine Vorgesetzten, haben mich während des Studiums sehr gut unterstützt, z.B. mit flexiblen Arbeitszeiten und Urlaubstagen. Ich konnte auch schon während des Studiums in den Ingenieursbereich hineinwachsen. Seit Anfang dieses Jahres bin ich für die gesamte Toolkoordination bei der Bosch Engineering GmbH verantwortlich.

SBB: Welche Tipps möchten Sie Studienanfängern mit auf den Weg geben?

Y.Y.: Wer sich für ein berufsbegleitendes Studium entscheidet, muss sich bewusst sein, dass nur wenig Freizeit übrig bleibt. Daher sollte man sich vorher auch sehr gründlich über das Studienfach informieren und sich voll damit identifizieren können.

Ganz wichtig ist es bei einem berufsbegleitenden Studium, sich andere Studierende aus der Region zu suchen und dann regelmäßig in einer Arbeitsgruppe zu treffen. Das hilft sehr, sehr viel, denn man kann sich gegenseitig helfen und auch schwere Zeiten überstehen, wenn zum Beispiel Projektarbeiten anstehen.

SBB: Ihr Vater und Ihr Bruder arbeiten beide bei der Daimler AG. Können die beiden damit leben, dass Sie zu Bosch gegangen sind?

Y.Y.: Mein Vater war zuerst sehr skeptisch, denn er kannte nur Daimler. Er ist Mitte der siebziger Jahre aus der Türkei hierher gekommen und die Arbeit bei Daimler ist einfach seine Welt. Jetzt ist er natürlich sehr stolz auf mich. Mein Bruder war schon von Beginn an offen für meinen Weg. Nun haben wir beide Karriere gemacht, er bei der Daimler AG und ich bei Bosch.

SBB: Hat beim Studium irgendwann der sogenannte "Migrationshintergrund" eine Rolle gespielt oder nicht?

Y.Y.:Während des Studiums und auch im Beruf hatte ich wegen meines Migrationshintergrunds keine Nachteile, aber auch keinen Bonus. Von meiner Brille aus gesehen bringt der Migrationshintergrund aber manchmal Vorteile, weil ich Dinge auch mit einem anderen Blickwinkel sehen kann. Bei Bosch als internationalem Unternehmen ist „Diversity“ gerade ein wichtiges Thema.
Wenn ich ganz zurückdenke, an die Schulzeit, war es oft schwierig - besonders in der Hauptschule. Da gab es eben oft Sprachbarrieren. Aber in der Ausbildung, im Beruf und im Studium gab es keine Probleme mehr.

SBB: Herr Yüksel, wir danken Ihnen für das Gespräch.