„Die Bücher auch mal einen Tag liegen lassen“ – Vincenzo Tutino über sein Ingenieur-Studium

Vincenzo Tutino wuchs in Ludwigshafen auf und absolvierte dort nach der Mittleren Reife eine Ausbildung zum „Industriemechaniker Maschinen- und Systemtechnik“, die er mit Auszeichnung bestand. Bei der IHK Pfalz in Ludwigshafen qualifizierte er sich anschließend – ebenfalls mit Auszeichnung –zum Industriemeister Metall weiter. Ab 2009 studierte er im Fernstudium Maschinenbau an der Wilhelm Büchner Hochschule und schloss das Studium 2013 mit der Gesamtnote 1,9 als Bachelor of Engineering ab. Vincenzo Tutino arbeitet heute bei einem Hersteller von Dampfturbinen, Verdichtern und Ventilatoren als Ingenieur für den Bereich Service im Bereich Konstruktion.

Herr Tutino, ein Jahr nach ihrer Ausbildung zum Industriemechaniker begannen Sie eine Weiterbildung zum Industriemeister Metall. Hatten Sie das früh so geplant?

An eine spätere Weiterbildung hatte ich ursprünglich nicht gedacht. Ein Cousin hatte mir die Ausbildungsstelle in dem Unternehmen empfohlen, in dem er arbeitete. Es war zwar ein neues Terrain, weil ich vorher eher eine kaufmännische als eine technische Ausbildung machen wollte, es machte aber von Anfang an großen Spaß. Die Noten wurden mit der Zeit immer besser und der Abschluss war viel besser als erhofft. Ein Berufsschullehrer, bei dem ich schon vorher sehr viel gelernt hatte, schlug mir schließlich vor, in Richtung Weiterbildung zu denken. Weil die Firma mich zunächst nur befristet übernehmen konnte und ich fand, dass eine Ausbildung in unsicheren Zeiten zu wenig ist, entschied ich mich für die Weiterbildung zum Industriemeister Metall. Kurz bevor die Weiterbildung begann, wechselte ich die Firma. Mein neuer Arbeitgeber wusste natürlich von dem Vorhaben.

Der Industriemeister Metall ist eine anspruchsvolle und auch kostspielige Weiterbildung. Warum entschlossen Sie sich schon nach einem weiteren Jahr für ein Bachelor-Studium?

Ein Freund und ich lernten zusammen für die letzten Meisterprüfungen, und wir fanden beide, dass es danach noch weitergehen müsse. Die Arbeitszeit zu reduzieren, konnte ich mir finanziell nicht leisten, deshalb passte das Fernstudium inhaltlich und terminlich sehr gut. Die Studenten konnten die Module so aufteilen, wie es privat und beruflich gut passte. Dadurch war es auch möglich, sich auf ein schwereres Fach wie Regelungstechnik besonders zu konzentrieren.

Wie haben Sie das neben Ihrer Berufstätigkeit geschafft?

Ich habe das Gleitzeitkonto in der Firma genutzt und auch den Urlaub dafür eingesetzt. Einen richtigen Sommerurlaub habe ich einige Jahre nicht gehabt. Gelernt habe ich meistens abends, auch vor oder nach dem Fußballtraining. Am Wochenende eher weniger, weil ich damals noch in der Landesliga spielte.

Wie war der Kontakt zu den anderen Fernstudenten?

Ich habe viel mit Kommilitonen zusammengearbeitet. Ohne gemeinsames Lernen wäre es schwierig. Es hilft sehr, sich schnell ein Netzwerk zu bilden – die gegenseitige Unterstützung ist das A und O. Da muss ich mich auch bei meiner Ehefrau, meiner Familie, meinen Freunden und den Kollegen bedanken. Ohne ihre Hilfe hätte ich es nicht geschafft. Es ist aber auch wichtig, vom Studium abschalten zu können. Man muss die Bücher auch mal einen Tag liegen lassen.

Was war im Studium die größte Umstellung?

Die höhere Mathematik und die Elektrotechnik. Anders als in der Berufsschule gibt es im Fernstudium keine Lehrer, die einem den schwierigen Stoff erklären. Außer in den Repetitorien, aber das sind eher Zusammenfassungen und man muss sich alles schon selbst erarbeitet haben. Im Sommer vor Studienbeginn hatte ich mich in Vorkursen der Hochschule und mit einem selbstgekauften Buch auf den neuen Stoff in Mathematik vorbereitet. Mein Ziel war immer ein Zweier-Schnitt, und als es gut lief, wünschte ich mir eine Eins vor dem Komma. Das habe ich dann auch geschafft.

Wie haben Sie vom Aufstiegsstipendium erfahren?

Ein früherer Kollege des Freundes, mit dem ich schon die Industriemeister-Weiterbildung absolviert hatte, war Stipendiat des Aufstiegsstipendiums und gab mir den Tipp. Ich habe mich dann im Internet informiert, und es passte alles. Das mehrstufige Auswahlverfahren zu bestehen, war fast schon eine Übung für das Studium.

Wie wichtig war die Unterstützung durch das Stipendium?

Es war wirklich sehr hilfreich, weil durch die Gebühren für Kurse, die Kosten für Bücher und Sprit sehr hohe Beträge zusammenkamen, manchmal Kosten von 300 bis 600 Euro im Monat. Es ist wirklich klasse, dass es solch ein Stipendium gibt.

Ihre Eltern stammen aus Italien. Sind sie aus beruflichen Gründen nach Deutschland gekommen?

Sie sind vor 36 Jahren nach Deutschland gekommen, um hier zu arbeiten, ursprünglich in den Stuttgarter Raum. Eigentlich hatten sie vor, nach einigen Jahren nach Sizilien zurückzukehren, sind dann aber wie viele andere hier geblieben. Deutsch habe ich eigentlich erst im Kindergarten gelernt, aber meinen Eltern schon früh geholfen, wenn etwa Briefe von Ämtern kamen. Ich glaube, dass ich dadurch früh gelernt habe, Verantwortung zu übernehmen.

Während Ihres Studiums haben Sie ein älteres Haus gekauft und renoviert – also eine Vierfachbelastung.


Ja, deshalb hatte ich ein halbes Jahr lang auch etwas weniger in das Studium investiert und die Regelstudienzeit um ein halbes Jahr überschritten. In der Zeit hatte ich mir nur einen Monat zum intensiven Lernen genommen, das war aber auch wirklich sehr anstrengend und würde ich kein zweites Mal so machen. Weihnachten vor zweieinhalb Jahren konnten wir einziehen.

Was ist der größte Gewinn durch das Studium?

Natürlich das berufliche Fortkommen, aber ich bin durch das Studium auch gereift. Man lernt, Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und sich in neue Materien einzuarbeiten. Man überlegt auch länger vor wichtigen Entscheidungen oder sieht die Verantwortung, die zum Beispiel ein Ingenieur trägt, wenn er eine Entscheidung trifft. Und man wird von außen anders wahrgenommen – auch wenn man vielleicht gar nicht etwas anderes sagt als vor dem Studium.

Fußball spielen Sie heute beim VfR Friesenheim in der Bezirksklasse. Geht es hier auch um den Aufstieg?

Leider nicht. Wir waren lange oben dabei, aber haben dann einige Big Points verpasst. Es ist oft Kopfsache – wie beim Studium.

(Das Interview führte Heinz Peter Krieger)