Studium Veterinärmedizin - mit Kind: Interview mit Sarah Lena Weber

Sarah Lena Weber absolvierte nach dem Abitur eine Ausbildung zur veterinärmedizinisch-technischen Assistentin (VTMA) in Hannover und arbeitete dann zwei Jahre im kardiologischen Forschungslabor an der Universität Göttingen. Anschließend begann sie ihr Studium der Veterinärmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München und erhielt dabei Förderung durch das Aufstiegsstipendium. Während des siebten Semesters brachte Frau Weber ihre Tochter zur Welt, schaffte es aber dennoch, ihr Studium in der Regelstudienzeit abzuschließen.

Frau Weber, Politik, Verbände und Arbeitgeber unternehmen allerlei Anstrengungen, um junge Frauen für naturwissenschaftlich-technische Berufe zu begeistern. Bei Ihnen scheint das nicht nötig gewesen zu sein.

Ich komme aus einer Lehrerfamilie und hatte in diesem Umfeld eine eher geisteswissenschaftliche Prägung. Trotzdem interessierte ich mich schon früh für alles Naturwissenschaftliche und Technische. Als ich acht Jahre alt war, fand meine Mutter zum ersten Mal Mäusebabys in meinen Schubladen, und mit zehn versuchte ich, unsere Waschmaschine zu reparieren. Die war anschließend leider nicht mehr zu gebrauchen.

Sie haben eine Ausbildung zur veterinärmedizinischen Assistentin absolviert und zwei Jahre in dem Bereich gearbeitet. War das eine gute Grundlage für das Studium zur Tierärztin?

In jedem Fall. Ein besonderes Glück war, dass ich im Anschluss an meine Ausbildung im kardiologischen Forschungslabor der Uni Göttingen arbeitete und dort eigene komplexe Projekte betreuen konnte. Das naturwissenschaftliche Arbeiten wurde mir hier zur Routine. Höhepunkt war, dass ich meine Forschungsergebnisse auf einem Kardiologen-Kongress in Mannheim einem renommierten wissenschaftlichen Publikum vorstellen durfte. In dem Labor hatte ich schon so etwas wie eine Sonderposition, das war wirklich toll.

Ihren Arbeitgeber mussten Sie nicht von Ihrem Studium überzeugen?

Nein, in dem Labor wusste eigentlich jeder, dass ich noch studieren wollte. Der leitende Professor konnte sich das ebenfalls gut vorstellen und unterstützte mich. Er schrieb mir auch ein sehr positives Empfehlungsschreiben für das Aufstiegsstipendium.

Wie hatten Sie vom Aufstiegsstipendium erfahren?


Als ich den Bescheid über die Studienzulassung bekommen hatte, war ich endlich an dem Punkt, auf den ich jahrelang hingearbeitet hatte. Auf das Aufstiegsstipendium stieß ich durch eigene Recherchen. Das Stipendium war damals ganz neu, ich gehörte sogar zur ersten Auswahlrunde. Es war, als wäre das Stipendium für mich gemacht worden.

Wie groß war die Umstellung von der Arbeit als VTMA zur Studentin?

Die selbstständige und wissenschaftliche Arbeitsweise war ich schon von der Stelle an der Uni Göttingen gewohnt, deshalb fand ich die Umstellung gar nicht so groß. Das Studium entsprach zu großen Teilen meinen Erwartungen, erforderte aber viel Zeit, um mir bücherweise Inhalte auswendig anzueignen. Mit der Geburt meiner Tochter Lara im siebten Semester wurden meine zeitlichen Kapazitäten dann enorm eingeschränkt.

Wie veränderte sich das Studium durch das Kind?

Nach der Geburt meiner Tochter schien die Fertigstellung meines Studiums in Regelstudienzeit relativ aussichtslos. Selbst die Frauenbeauftragte der Uni, die auch eine meiner Dozentinnen war, konnte mir keine Unterstützung bieten. An diesem Punkt merkte ich, dass die Vereinbarkeit von Familie und Studium oder Beruf oft nur als öffentlichkeitswirksame Maßnahme in den Fokus gestellt wird. In den Praxisphasen meines Studiums wurde es mir nicht einmal möglich gemacht, die manchmal mehr als 24 Stunden dauernden Nacht- und Wochenenddienste in den Tierkliniken einzuschränken. Wenn mein Mann damals nicht ebenfalls studiert hätte und mich nicht so gut hätte unterstützen können, hätte ich mein Studium vielleicht nicht geschafft.

Sie haben es aber trotzdem in der Regelstudienzeit absolviert?

Das war für unsere wirtschaftliche Situation damals notwendig, da auch die finanzielle Unterstützung durch das Stipendium an die Regelstudienzeit gekoppelt war. Aber ich habe danach einige Zeit gebraucht, um mich zu erholen.

Studienabschluss mit Kind


Vor Ihrer Schwangerschaft hatten Sie ein Auslandsemester in Toulouse absolviert. War das ein Pflichtsemester oder ein eigener Entschluss?


Das wollte ich selbst unbedingt machen, weil ein Auslandsaufenthalt eine sehr intensive Erfahrung ist und man eine Fremdsprache dort ganz anders lernt. Das Auslandssemester ließ sich gut organisieren, weil die Ecole Nationale Vétérinaire in Toulouse eine der Partneruniversitäten der Uni München ist und deshalb auch alle Studienleistungen angerechnet wurden.

Was waren die größten Unterschiede zwischen deutschem und französischem Uni-Leben?

Zumindest das Studium der Tiermedizin war in Toulouse sehr verschult. Von der LMU war ich gewohnt, selbst nach Literatur zu suchen und umfangreich zu einem Thema zu recherchieren. Das habe ich auch immer sehr genossen, denn es bot die Möglichkeit, eigene Schwerpunkte zu setzen. In Toulouse dagegen teilten die Professoren vorgefertigte Skripte aus, nach denen die Studenten lernen sollten. Und die Bibliotheken waren schlecht ausgestattet. Das studentische Leben stand allerdings dem in Deutschland in nichts nach.

Ihr Studium haben Sie inzwischen beendet. Was sind Ihre beruflichen Pläne?

Nach dem Abschluss meines Studiums im vergangenen Februar habe ich mich erst einmal ganz meiner Tochter gewidmet, die in wenigen Wochen in den Kindergarten kommt. Ich werde dann versuchen, meine Promotion in die Wege zu leiten und anschließend als Tierärztin zu arbeiten. Die Forschung hat mir aber ebenfalls immer großen Spaß gemacht. Ich hoffe deshalb, dass sie ein zweites Standbein bleibt.

(Das Interview führte Heinz Peter Krieger)