„Viel Kraft gekostet, aber auch Spaß gemacht“ – Julia Kasper über ihr Studium und den Schritt in die Selbstständigkeit

Julia Kasper absolvierte nach ihrem Abitur eine Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau und erhielt dafür die Besten-Auszeichnung der IHK Köln. Anschließend arbeitete sie mehrere Jahre für die Kölnmesse, unter anderem in China. Mit Unterstützung des Aufstiegsstipendiums begann sie ihr BWL-Studium an der WHU – Otto Beisheim School of Management in Vallendar bei Koblenz, das sie derzeit abschließt. Angeregt durch eine Studienkonferenz des Aufstiegsstipendiums wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit und startete kürzlich den Online-Shop „Holzgespür“.


Frau Kasper, Sie beenden gerade Ihr BWL-Studium an der WHU in Vallendar und haben kürzlich ein neues Online-Portal mit der Tischlerei ihrer Familie entwickelt. Wollten Sie mit dem Studium neue Ideen in den Familienbetrieb bringen?

Nein, nicht direkt. Ich hatte schon während meiner Ausbildung vor, später zu studieren. Dann bekam ich aber während der Ausbildung ein so attraktives Jobangebot, dass ich das Studium um einige Jahre verschob. Meine Eltern sind noch jung und werden noch lange in dem Betrieb arbeiten. Deshalb habe ich nicht primär mit dem Ziel studiert, später in unserem Familienbetrieb zu arbeiten.

Welchen Job hatten Sie vor dem Studium?

Ich habe für die Kölnmesse viereinhalb Jahre den Deutschen Pavillon auf der Expo in Schanghai mit vorbereitet und durchgeführt. Dabei war ich auch selbst für ein Jahr in China.

Warum zog es sie danach an die Uni?

Ich wollte ein Studium beginnen, in dem ich stark konzeptionell denken und arbeiten würde sowie einfach Zeit für mich habe, um zu lernen. Da bot sich die WHU in Vallendar an, zumal sie in der Nähe meines Heimat- und Arbeitsorts Rhens liegt.

Haben sich Ihre Erwartungen an das Studium erfüllt?

Auf jeden Fall. Es hat mich zu einem ressourcenorientierten Denken gebracht: Was kann ich gut, was kann ich daraus machen? Bezogen auf den Betrieb meiner Eltern aber auch: Was sind die Stärken des Handwerks, das ja sehr traditionell verwurzelt ist, was sind auf der anderen Seite die Bedürfnisse der Kunden, und wie kann man beides zu einem innovativen Konzept verbinden? Ohne mein Studium hätte ich nicht den Mut gehabt, das Portal „Holzgespür“ zu entwickeln und zu starten.

Welches Konzept steckt dahinter?

Es handelt sich um einen 3-D-Möbelkonfigurator. Die Kunden können sich online ein Möbelstück völlig individuell zusammenstellen. Die 3-D-Darstellung vermittelt aber dennoch die Hochwertigkeit der Möbel und macht deutlich, dass es sich um Qualität „made in Germany“ handelt – denn wir verwenden ausschließlich heimische Hölzer und produzieren nur regional.

Wann kamen Sie auf die Idee?

Die Idee hatte ich schon länger. Aber die entscheidende Inspiration, mit dem Online-Shop den Schritt in die Selbstständigkeit zu gehen, war eine Studienkonferenz des Aufstiegsstipendiums zum Thema Existenzgründung im vergangenen Herbst. Hier habe ich an dem Workshop „Von der Lust, ein Entrepreneur zu sein“ teilgenommen.

Julia Kasper bespricht im Familienbetrieb neue Möbelentwürfe

Wie haben Sie vom Aufstiegsstipendium erfahren?

Ich hatte nach passenden Fördermöglichkeiten gesucht und online recherchiert, weil ich in Vollzeit studieren wollte und ich das Studium deshalb nicht durch eine hauptberufliche Tätigkeit finanzieren konnte. Das Aufstiegsstipendium passte durch meine Berufserfahrung und Ausbildung einfach. Ohne die Unterstützung wäre das Studium sehr schwierig geworden.

Mit einigen Jahren Berufserfahrung ein Studium zu beginnen, war keine Umstellung?

Doch, die Umstellung war sogar sehr groß. Da die meisten WHU-Studenten frische Abiturienten waren und viele sogar Schulklassen übersprungen hatten, war ich die älteste Studentin, sogar älter als manche Doktoranden. Als ich anfing zu studieren, waren meine Kommilitonen zum Teil noch in der Fahrschule. Dazu fordert ein Studium mit Vorlesungen und eigenständigem Lernen einen anderen Tagesablauf als ein Job.

Wie haben Sie die Anpassungsschwierigkeiten überwunden?

Zum einen haben die Kommilitonen einen wahnsinnigen Sprung gemacht, wenn sie etwa von ihrem ersten Praktikum zurück an die Uni kamen. Außerdem hatte ich zwei, drei feste Bezugspersonen, mit denen ich privat viel unternommen und Lerngruppen gebildet habe. Und ich habe gelernt, wie wichtig es ist, Wurzeln zu Hause zu haben. Das war schon eine Rückbesinnung und hat mit dazu geführt, dass ich nun versuche, die innovativen Konzepte aus dem Studium mit der Tradition des Handwerks zu verbinden. Es hat viel Kraft gekostet, aber auch Spaß gemacht.

Zum Studium gehörte auch ein Auslandssemester.

Ja, das habe ich in Glasgow verbracht. Da ich für die Kölnmesse schon ein Jahr in China war, war für mich klar, dass es eine europäische Uni sein sollte. Eigentlich wollte ich an der Uni auch meine englische Aussprache trainieren. Da war ich etwas ahnungslos, weil ich den schottischen Akzent völlig unterschätzt hatte und die ersten Tage im Land wirklich nichts verstanden habe.

Wie fanden Sie das Studium in Glasgow im Vergleich zu Ihrer Heimatuni?

Ich habe die ganz andere Atmosphäre genossen. Das Studium war auf drei Fächer begrenzt und ich musste nicht wie in Vallendar 14 bis 18 Klausuren pro Semester schreiben. Dazu kamen sehr kleine Lerngruppen und Tutorials. Andererseits war es ein viel anonymeres Studentenleben, weil in Glasgow an die 100.000 Menschen studieren. Das ist natürlich etwas anderes als das kleine Vallendar mit seinen etwa 1.300 Studenten.

Welche Fragen sollten sich Berufstätige stellen, die überlegen, ein Studium zu beginnen?

Habe ich genug Wissenshunger? Habe ich Lust auf etwas Neues? Und habe ich die Flexibilität, in viele Richtungen zu denken? Dass aus dem, was ich schon mitbrachte, und dem, was ich im Studium kennengelernt habe, etwas ganz Neues entsteht, ist für mich die wichtigste Erfahrung.

(Das Interview führte Heinz Peter Krieger)