„Ich habe mich nie von meinem Weg abbringen lassen“

Antje Walke hatte 13 Jahre in ihrem Beruf als zahnmedizinische Fachangestellte gearbeitet, als sie ihr Zahnmedizin-Studium begann. Im Interview erzählt die Stipendiatin des Aufstiegsstipendiums, wie sie das Studium als alleinerziehende Mutter schaffte.

Frau Walke, nach der Ihrer Schulzeit haben Sie eine Ausbildung zur zahnmedizinischen Fachangestellten absolviert. Wie kamen Sie auf den Beruf?
Den Ausbildungsplatz hatte ich schon vor meinen Abiturprüfungen sicher. Gesucht hatte ich eigentlich nach einem Ausbildungsplatz zur Krankenschwester oder Polizistin, Ende der 1990er-Jahre waren die Ausbildungsstellen jedoch knapp. Durch das Arbeitsamt erfuhr ich dann von einem Ausbildungsplatz zur zahnmedizinischen Fachangestellten bei einem Zahnarzt in München, bewarb mich und erhielt die Stelle schon während des Vorstellungsgesprächs. Durch die Abiturprüfungen fiel ich dann durch, weil ich viel zu wenig gelernt hatte. Ich war damals in meiner Sturm-und-Drang-Phase, wollte das Schuljahr nicht wiederholen und begann wie geplant die Ausbildung in München. Diese empfand ich dann als sehr leicht und konnte sie auch um ein halbes Jahr abkürzen. Das restliche halbe Jahr blieb ich noch in der Ausbildungspraxis, kehrte anschließend in meine Heimat nach Sachsen zurück und begann in einer Zahnarztpraxis in Hainichen als Prophylaxehelferin.

Warum gerade als Prophylaxehelferin?
In der Praxis hatte eine Prophylaxehelferin aufgehört, die Funktion wurde also benötigt. Ich musste dafür die entsprechenden Fortbildungen besuchen. Die Aufgabe machte mir großen Spaß. Ich hatte ein eigenes Behandlungszimmer, mein eigenes Bestellbuch und konnte sehr selbstständig mit den Patienten arbeiten. Mein Chef finanzierte mir schließlich die Aufstiegsfortbildung zur Zahnmedizinischen Prophylaxeassistentin bei der Landeszahnärztekammer Sachsen (LZKS). Dazu fuhr ich ein Jahr lang einmal in der Woche nach Dresden in die LZKS und die Uniklinik.

Wie ging es beruflich weiter?

In der Praxis blieb ich insgesamt sechs Jahre, wechselte dann aus privaten Gründen und landete schließlich in einer Praxis in Chemnitz. Die Art der zahnärztlichen Versorgung gefiel mir jedoch gar nicht. Damals fand ich zum ersten Mal, dass ich den Patienten besser helfen könnte, wenn ich sie selbst zahnärztlich behandeln würde. An ein Studium hatte ich zuvor zwar schon ein paarmal gedacht, aber ich war mit meiner Arbeit als Prophylaxeassistentin zufrieden und fand, dass ich ein Studium eigentlich nicht brauchte. Das änderte sich nun in der neuen Praxis und ich meldete mich am Abendgymnasium an. Mir fehlte ja das Abitur.

Wie konnten Sie Berufstätigkeit und Abendschule miteinander vereinbaren?
Das funktionierte gut. Ich wusste ja, wofür ich es mache. Ich arbeitete jeden Tag bis 15 Uhr und ging von 16 bis 22 Uhr auf das Abendgymnasium. Da ich schon einmal bis zur Abiturprüfung gekommen war, musste ich lediglich die Sekundarstufe II absolvieren. Bis zum Abitur dauerte es also zwei Jahre. Das Lernen fiel mir leicht und ich konnte das Abi als eine der Besten des Jahrgangs mit der Note 1,7 abschließen. Zehn Jahre nach Ende der Ausbildung begann ich dann mein Studium.

War Ihre Arbeitgeberin damit einverstanden, dass Sie das Abitur nachholten?

Nein, sie legte mir den Wechsel der Stelle nahe, wenn ich das Abitur machen wollte. Ich fand eine andere Zahnärztin in Chemnitz, die dringend eine Mitarbeiterin suchte. Dort konnte ich direkt anfangen und sie unterstützte mich auch bei meinem Plan, das Abi zu machen und zu studieren.

Wie haben Sie Ihren Studienplatz gefunden?

Ich nahm an der zentralen Zulassung teil. Wartezeiten konnte ich keine vorweisen, weil ich ja Neuabiturientin war. Aufgrund meiner vielen Berufsjahre wurden mir beim Leistungsschnitt einige Punkte zuerkannt. Den Studienplatz bekam ich dann über das Auswahlverfahren der TU Dresden, die mein großer Favorit war. Ich war froh, dass ich den Studienplatz ohne Wartezeit erhielt, weil ich dadurch direkt BAföG bekam und ich außerdem zu dem Zeitpunkt schwanger war, also auch nicht mehr viel länger hätte arbeiten können.

Später wurden Sie durch das Aufstiegsstipendium gefördert. Wie hatten Sie davon erfahren?
Ich hatte im Internet recherchiert und stieß dabei auf die Webseite der SBB. Ich bewarb mich, erhielt zum Ende des ersten Semesters die Zusage und ab dem zweiten Semester das Stipendium. Das war eine große Erleichterung, weil ich durch das Aufstiegsstipendium nicht mehr vom BAföG abhängig war und mir keine Gedanken um die spätere Rückzahlung machen musste. Das Büchergeld half mir, zahlreiche Materialien zu beschaffen, die im Zahnmedizinstudium notwendig sind. Ohne das Aufstiegsstipendium hätte ich nicht gewusst, wie ich das Studium finanziell hätte stemmen sollen. Um nebenher zu arbeiten, war keine Zeit, schon gar nicht mit Kind.

Den Einstieg ins Studium haben Sie mit Kind bewältigt?
Ja, aber es war nicht einfach. Ich habe das Studium schwanger begonnen, nach zwei Monaten mein Kind bekommen und war alleinerziehend. Eine Woche nach der Entbindung war ich schon wieder beim nächsten Seminar. Ein Babyjahr als Auszeit war so kurz nach dem Einstieg ins Studium für mich keine Option. Ich zog ins Haus meiner Eltern zurück, die sich um mein Kind kümmerten, wenn ich lange an der Uni bleiben musste. Das war eine große Hilfe, auch weil ich jeden Tag 170 Kilometer pendelte. So richtig habe ich über die Belastung aber gar nicht nachgedacht. Sonst hätte ich das Studium vielleicht gar nicht geschafft.

Wie verlief der Start fachlich?

Der Anfang war extrem holprig und ich bin durch die ersten Klausuren gefallen. Die Wiederholungsklausuren habe ich dann bestanden, da ich meine Lernstrategie komplett umgestellt hatte. Es war ein ganz anderes Lernen, das ich von der Schule so nicht kannte. Vor allem die Menge an Lernstoff war enorm, die in den 21 Prüfungen innerhalb der 16 Wochen des Staatsexamens nochmals kumulierte. Nachdem ich meine letzte Prüfung in Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde bestanden hatte, habe ich mit meinen Kommilitonen erst mal Sekt getrunken. Das Studium beendete ich mit der Note 2,0.

Hat Ihnen im Studium Ihre Berufserfahrung geholfen?
In den fünf Semestern Vorklinik mit Fächern wie Biochemie oder Physiologie überhaupt nicht. Als es zu Patientenbehandlungen in die Klinik ging, profitierte ich aber sehr davon, dass ich schon viele Jahre mit Patienten gearbeitet hatte. Mir half auch, dass ich mich nicht schnell aus der Ruhe bringen ließ. Ich war ja schon einige Jahre älter als meine Kommilitonen. In jüngeren Jahren hätte ich das Studium wahrscheinlich nicht durchgezogen.

Wie ging es nach dem Staatsexamen für Sie weiter?
Nachdem ich das Studium abgeschlossen hatte, habe ich zwei Monate pausiert, um vor allem Zeit mit meinem Kind zu verbringen, das während der Phase des Staatsexamens oft zu kurz gekommen war. Danach begann ich als Assistenzzahnärztin in einer Gemeinschaftspraxis in Hainichen. Wenn ich in zwei Jahren meine Zeit als Assistenzzahnärztin beendet habe, wollen die Praxisinhaber sich zur Ruhe setzen und ich übernehme die Praxis. Rückblickend kann ich sagen: Es gab viele Zweifler, die mir vom späten Studium abgeraten haben, aber jetzt bin ich Zahnärztin. Ich habe mich nie von meinem Weg abbringen lassen und bin stolz auf das, was ich erreicht habe, getreu meinem Motto: ‚Sei realistisch, versuch das Unmögliche!‘

Interview: Heinz Peter Krieger

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