Mit Aufstiegsstipendium zur Zahnärztin: „Mein Chef riet mir, dass ich das Abitur nachmachen und studieren solle“

Foto von J. Grah

Julia Grah absolvierte nach der Mittleren Reife eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin in einer Zahnarztpraxis in Eschweiler. In der Praxis arbeitete sie drei weitere Jahre. In dieser Zeit erhielt sie das Weiterbildungsstipendium des Bundesbildungsministeriums zur Förderung einer Weiterbildung als Prophylaxehelferin und machte am Euregio-Kolleg in Würselen das Abitur.

2011 begann sie ihr Studium der Zahnmedizin an der Universität Tübingen, für das sie ab 2012 durch das Aufstiegsstipendium unterstützt wurde. Das Studium schloss Julia Grah mit der Gesamtnote 1 ab. Nach ihrer Promotion möchte sie in einer Zahnarztpraxis einsteigen.

Frau Grah, nach der Mittleren Reife begannen Sie eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Ich hatte zwei Schulpraktika in einem Kosmetikladen und in einem Kindergarten gemacht. Daraufhin wusste ich zumindest, dass ich das nicht machen wollte. Meine Freundin hatte eine Ausbildung zur Arzthelferin begonnen, ich entschied ich dann für die Ausbildung in einer Zahnarztpraxis. Ich komme aus einer Familie, in der zuvor niemand studiert hatte. Das Abi oder ein Studium standen damals noch gar nicht zur Debatte.

Wie fanden Sie den Beruf?
Ich brauchte etwas, um mich an das Praxisleben zu gewöhnen. Aber danach gefiel es mir sehr gut. Ich hatte einen Chef, der mir viele Kompetenzen übertrug. So hatte ich immer etwas zu tun und war gefordert. Ein Problem an dem Beruf ist das geringe Gehalt. Wenn man sich nicht auf einen Partner verlassen möchte, wird es mit Wohnung und Auto schon eng.

Haben Sie deshalb ein Studium begonnen?
Nicht nur, aber es war ein Aspekt. In der Ausbildung hatte ich einen Einser-Abschluss und ich fand, dass es damit noch nicht zu Ende sein sollte. Ich erhielt dann das Weiterbildungsstipendium und finanzierte damit eine Weiterbildung zur Prophylaxehelferin. Ich wollte mich aber gerne noch weiter entwickeln. Mein damaliger Chef riet mir, dass ich das Abitur nachmachen und studieren solle. Er glaubte, dass ich das schaffen würde. Meine Berufsschullehrerin, die selbst Zahnärztin war, empfahl mir das ebenfalls. Ohne den Zuspruch von außen hätte ich wahrscheinlich gar nicht über ein Studium nachgedacht.

Dann haben Sie das Abitur gemacht?
Ja, am Euregio-Kolleg in Würselen. Das bot das Projekt ‚Abitur-Online‘ an. Die Teilnehmer mussten nur an zwei Abenden pro Woche in die Schule, lernten ansonsten zu Hause am PC und schickten auch die Hausaufgaben online ein. Das gefiel mir sehr gut, weil ich mir die Zeit selbst einteilen konnte und an vier Tagen in der Woche weiter arbeiten konnte. Montag war mein Lerntag.

Das klingt nach einem ordentlichen Pensum.
Das war es auch. Das selbstorganisierte Lernen im Abitur bereitete mich aber schon gut auf das Studium vor.

Sie haben in Tübingen studiert. Wurde Ihnen der Studienplatz zugeteilt?
Genau. Ich hatte einen Abi-Schnitt von 1,9. Der war etwas zu schlecht, um über das direkte Auswahlverfahren einen Studienplatz zu bekommen. Tübingen war als Studienstadt aber toll. Die Stadt ist ja recht klein und hat sehr viele Studenten, sodass dort alle irgendwie neu sind und sich schnell zusammenfinden. Ich kam direkt gut zurecht.

Wie war der fachliche Start ins Studium?
Es war ein harter Brocken, trotz der Vorbereitung durch das Abendgymnasium. In das erste, eher praktische Semester kam ich als Zahnarzthelferin noch gut rein. Das zweite Semester mit Chemie, Physik und Biologie war dann wirklich hart für mich, weil ich in der Abendschule nie Chemie oder Physik hatte. An der Realschule hatte ich die Fächer auch lange nicht mehr gehabt. Ich musste wirklich erst wieder lernen, was überhaupt ein Atom ist. Ich habe mir eine Chemiestudentin gesucht, die mir Nachhilfe geben konnte, und habe mich durchgeboxt. Ich bin aber stolz darauf, dass ich keine Prüfung wiederholen musste. [lacht]

Wie erfuhren Sie vom Aufstiegsstipendium?
Eine Freundin von mir, die Jura studierte, hatte von dem Aufstiegsstipendium erfahren. Sie konnte sich leider nicht mehr bewerben, weil sie schon im dritten Semester war, gab mir aber den Tipp. Ich habe mich dann sofort beworben, weil ich selbst auch schon am Ende des zweiten Semesters war.

War das stressig?
Nein überhaupt nicht. Vor dem Auswahlgespräch in Bonn war ich natürlich etwas aufgeregt. Ich hatte aber nicht das Gefühl, unter strenger Beobachtung zu stehen. Es war ein wirklich freundliches Gespräch. Das hatten mir auch andere Stipendiaten gesagt, die vor Ort waren und den Kandidaten die Nervosität nahmen.

Wie hilfreich war das Stipendium?
Ich hatte zwar vorher Bafög bekommen, das dann wegfiel. Aber zum einen gab es zum Aufstiegsstipendium zusätzlich Büchergeld, das ich gut brauchen konnte, und zum anderen erleichtert es mir jetzt den Berufseinstieg, weil ich nicht so viel Bafög zurückzahlen muss. Eine Assistenzzahnärztin verdient noch nicht viel und Rücklagen konnte ich nicht bilden. Vor allem musste ich dank des Aufstiegsstipendiums während des Studiums nicht arbeiten. Das wäre in einigen Semestern sehr eng geworden, weil die Studenten oft von sieben Uhr morgens bis 18 Uhr in der Klinik sind. Und wenn wir nicht mehr in der Klinik waren, mussten wir ja noch lernen.

Benötigten Sie das Büchergeld für die Fachliteratur?

Vor allem brauchte ich es, weil Studenten der Zahnmedizin so viel zahnärztliches Material kaufen müssen. Das ist von Uni zu Uni unterschiedlich, aber 10.000 Euro kommen da locker zusammen.

Ich hätte naiv vorausgesetzt, dass die Uni das stellt. Was ist das für Material?
Das ganze zahnärztliche Equipment: das Winkelstück, mit dem man bohrt, alle möglichen Bohrer, Artikulatoren, in denen Modelle und Prothesen eingespannt werden, das zahnärztliche Besteck, Kunststoffzähne, an denen man üben muss, und so weiter. Selbst bei der Arbeit an Patienten in den letzten Semestern musste ich noch viele Dinge selbst kaufen. Inzwischen stellt die Uni teilweise Leihgeräte, aber ich musste fast alles noch selbst bezahlen. Deshalb war ich froh, dass ich das Büchergeld aus dem Aufstiegsstipendium dafür sparen konnte.

Sie haben Ihr Studium erfolgreich abgeschlossen. Wie geht es weiter?
Ich promoviere und wollte eigentlich schon ganz nach Köln zurückgekehrt sein. Leider ist gerade eine Maschine defekt, die ich für meine experimentelle Doktorarbeit benötige. Ich warte darauf, dass das Gerät in Tübingen repariert wird und ich meine Forschungen abschließen kann, während ich in meiner Wohnung in Köln die bisherigen Ergebnisse auswerte und etwas schreibe. Ich musste in Tübingen deshalb schon meinen Mietvertrag verlängern. Zwei Wohnungen kann ich mir eigentlich natürlich nicht leisten.

Und nach der Doktorarbeit?
Dann suche ich mir erst einmal eine Stelle als Assistenzzahnärztin in einer Zahnarztpraxis. Die Stellen sind meist kurzfristig ausgeschrieben und werden direkt besetzt. Im zahnmedizinischen Bereich gibt es eigentlich keine arbeitslosen Assistenzärzte. Später kann ich mir natürlich eine eigene Praxis vorstellen.

 


Das Interview führte Heinz Peter Krieger