"Man wächst mit seinen Aufgaben" - Studieren mit Kind: Interview mit Susanne Staab

Susanne Staab hat ihr Biologiestudium an der Ruhruniversität Bochum geschafft – und das ohne die klassische Hochschulzugangsberechtigung und mit ihrem Sohn, der während des Studiums zur Welt kam. Das Studium hat dann zwar etwas länger gedauert, aber dank gutem Zeitmanagement und Unterstützung der Familie hat sie den Bachelor of Science nun in der Tasche. Es war ein großer Schritt, das Studium zu wagen, aber es hat sich gelohnt; die Zeit an der Universität war ein prägender Lebensabschnitt.

Welche Stationen haben Sie auf Ihrem Bildungsweg bis zur Universität durchlaufen?

Nach der Mittleren Reife habe ich die Ausbildung zur Zahnarzthelferin gemacht und einige Jahre später auch die Weiterbildung zur Prophylaxeassistentin. Damit hatte ich in der beruflichen Bildung in diesem Bereich alles ausgereizt und der Wunsch, zu studieren wuchs. Würde ich es irgendwann bereuen, wenn ich das Studium nicht beginnen würde? Diese Frage habe ich mit „ja“ beantwortet und dann gehandelt. Ich suchte nach einem Studienfach, das meinen Interessen am nächsten kam. Das war Biologie.

Wie haben Sie den Sprung an die Universität gemeistert?

Die große Hürde war, dass ich kein Abitur hatte. Deshalb musste ich nach einer Hochschule suchen, an der ich trotzdem studieren konnte. Ich hatte Glück, denn an meiner Wunschuniversität war ein Studium ohne Abitur, jedoch mit einer Zugangsprüfung, möglich. Zuerst kam die schriftliche Bewerbung, in der ich Berufserfahrung und Fortbildungen nachgewiesen habe. Dies war die Voraussetzung für die mündliche Zugangsprüfung. Darauf bereitete ich mich ein halbes Jahr vor. Daneben habe ich in Vollzeit gearbeitet. Die Prüfung habe ich bestanden und damit hatte ich den Hochschulzugang erreicht.

Was wurde in der Zugangsprüfung gefordert?

Es  wurde der Abiturstoff im Fach Biologie, aber auch physikalische und mathematische Grundlagen abgefragt. Die Prüfer haben darüber hinaus eingeschätzt, ob ich das nötige Durchhaltevermögen habe. Natürlich gab es Lücken, die in der Vorbereitungszeit nicht geschlossen wurden, insbesondere in Mathematik und in Chemie. Heute weiß ich, dass diese Vorbereitung über ein halbes Jahr gut war, weil sie aufs Lernen im Studium eingestimmt hat.

Wie haben Sie sich im Studium auf die Prüfungen vorbereitet?

Oft genug musste innerhalb einer kurzen Zeit unheimlich viel Stoff erarbeitet werden. Dafür braucht man Disziplin und Durchhaltevermögen. Disziplin heißt auch, Freizeit zu opfern.  Wenn man dazu nicht bereit ist, hängt man schnell hintendran.

Ich habe schnell ein Gespür für meine Schwächen entwickelt und Nachhilfe genommen, um Defizite auszugleichen. Die Tutoren habe ich an der Uni gesucht, z.B. Aushänge an schwarzen Brettern gelesen oder es gab Empfehlungen aus der Lerngruppe heraus. Überhaupt die Lerngruppe, die war unersetzlich, da haben wir uns gegenseitig sehr geholfen. Lernen muss man ja allein, aber die psychische Unterstützung war einfach wichtig. Das alles hat gut harmoniert, so dass ich zielorientiert und effektiv gelernt habe.
 
Wie war Ihre Lerngruppe zusammengesetzt?

Wir waren zu dritt, die Mädels hatten alle Abitur gemacht, waren also auf dem „klassischen Weg“ zum Studium gekommen. Aber das war dann beim Lernen nicht mehr wichtig. Es gab Altersunterschiede, aber die spielten eigentlich keine Rolle, wir saßen ja in einem Boot und wir haben uns sehr gut ergänzt.

Was haben Sie sich zu Beginn von Ihrem Studium versprochen? Sind Ihre Erwartungen erfüllt worden?

Ich hatte mich intensiv mit dem Studienverlauf beschäftigt. Trotzdem weiß man nicht so genau, was auf einen zukommt. Das Studium war, und das hatte ich erwartet, sehr abwechslungsreich. Wir haben ein sehr breites und an der Praxis ausgerichtetes Wissen vermittelt bekommen. Rückblickend bin ich sehr zufrieden, das Studium war toll.

Wie verlief das Studium dann mit Ihrem Sohn?

Ja, die Geburt meines Sohns hat meine Studienpläne ganz gehörig durcheinander gebracht. Aber das Ziel, mein Studium zu beenden, war ungebrochen. Ich habe viel organisiert, Familie und Tagesmutter sprangen ein, das hat auch funktioniert. Mir hat es sehr geholfen, dass die Familie mich unterstützt hat, ohne diese Hilfe wäre es auch nicht gegangen. Es ist gut und wichtig, wenn alle hinter der Entscheidung stehen. Trotzdem war es eine Herausforderung und es kostete Kraft, allen Anforderungen gerecht zu werden.

Welche Rolle hat das Aufstiegsstipendium gespielt?

Ich wollte das Studium auf alle Fälle machen und hatte mir über alternative Finanzierungen auch schon Gedanken gemacht. Ich habe vom Aufstiegsstipendium erfahren, mich beworben und war natürlich froh, als ich die Zusage erhielt. Das war ein zusätzlicher Motivationsschub. Die Förderung hat das Studium sehr erleichtert, auch wenn ich im letzten Studienjahr ohne finanzielle Unterstützung klar gekommen  bin. Für mich war es ein großes Privileg, mich nur auf das Studium konzentrieren zu dürfen.

Wie hat das Studium Sie persönlich weitergebracht?

Das Selbstbewusstsein für eigene Stärken wächst. Man ist zu mehr in der Lage, als man glaubt, man wächst eben mit seinen Aufgaben. Wichtig ist, dass man mit den nötigen Einsatz ran geht.

Was würden Sie anderen Stipendiatinnen und Stipendiaten für das Studium raten?

Man sollte ganz hinter dem Studium stehen. Es muss Bereitschaft da sein, viel fürs Studium zurückzustellen, das Studium hat in dieser Lebensphase die oberste Priorität. Zeitmanagement ist natürlich auch wichtig, aber wenn man schon gearbeitet hat, kennt man das ja. Und wenn unvorhergesehene Dinge eintreten, dann muss man sich denen stellen. Meine Erfahrung ist: Man wächst mit seinen Aufgaben.