Stefan Schult: „Bis zum Medizinstudium war es ein langer Weg“

Stefan Schult absolvierte nach der mittleren Reife eine Ausbildung zum Steuerfachangestellten. Beim Deutschen Roten Kreuz ließ er sich außerdem zum Rettungssanitäter und Rettungsassistenten ausbilden. Nach Abschluss der Ausbildung im Jahr 2000 arbeitete er acht Jahre in einer großen Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in Frankfurt am Main und nebenberuflich als Rettungsassistent. 2005 erlangte er über die Hochschulzugangsprüfung an der Universität Frankfurt die Berechtigung für ein Medizinstudium in Hessen. Nach fünfjähriger Wartezeit konnte er sein Studium 2010 in Frankfurt beginnen und schloss es 2016 erfolgreich mit dem Staatexamen ab. Seitdem arbeitet Stefan Schult als Arzt in einer Kinderklinik in Hanau.

Herr Schult, Sie haben eine Ausbildung zum Steuerfachangestellten absolviert, sind später aber Rettungsassistent geworden. Zwei ganz unterschiedliche Berufsbilder also. Wie kam es zu dem Wechsel?
Eigentlich wollte ich schon als Schüler Medizin studieren. Es wäre aber schwierig gewesen, das Studium zu finanzieren, weil meine Eltern Arbeiter waren und mein Bruder erkrankte. Deshalb entschied ich mich für eine Ausbildung und bewarb mich um eine Ausbildungsstelle zum Steuerfachangestellten. Während der Ausbildung habe ich mich außerdem beim Deutschen Roten Kreuz für den Katastrophenschutz verpflichtet. Dadurch musste ich keinen Wehr- oder Zivildienst leisten. Parallel zur Ausbildung zum Steuerfachangestellten habe ich beim DRK die Ausbildung zum Rettungssanitäter und später zum Rettungsassistenten absolviert.

Steuerfachangestellter war also nicht Ihr Wunschberuf. Wie verlief die Ausbildung?
Da habe ich mich ins Zeug gelegt und die Ausbildung auch relativ gut abgeschlossen. Anschließend wechselte ich zu einer großen Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in Frankfurt. Die Ausbildung zum Rettungsassistenten konnte ich parallel machen, weil es, anders als beim heutigen Notfallsanitäter, keine Ausbildung nach dem Berufsausbildungsförderungsgesetz über drei Jahre war, sondern auf dem Rettungssanitäter aufbaute. Ich absolvierte über mehrere Jahre verschiedene Ausbildungsblöcke mit mehr als 2.800 Stunden. Dabei hat mich mein Arbeitgeber auch gut unterstützt.

Wie kamen Sie zum Medizinstudium?
Seitdem ich als Rettungsassistent arbeitete, war für mich klar, dass ich später doch noch Medizin studieren wollte. Ich informierte mich deshalb, wie ich die Hochschulzulassung erlangen konnte. Dazu musste ich neben einer staatlich anerkannten Berufsausbildung, das war bei mir der Steuerfachangestellte, eine für das Fach einschlägige Weiterbildung vorweisen, in meinem Fall den Rettungsassistenten. Damit konnte ich an einer Prüfung an der Universität Frankfurt teilnehmen, mit der ich die Hochschulzugangsberechtigung für die Fächer Humanmedizin und Humanbiologie erhielt.

Woraus bestand die Prüfung?
Es waren schriftliche Prüfungen in Physik, Anatomie und Physiologie sowie eine mündliche Prüfung. Das Ergebnis der Prüfung wurde mit dem NC gleichgesetzt. Für mich begann damit die Wartezeit auf den Studienplatz. Dabei hatte ich die Prüfung 2005 als einer der Besten mit einer Zwei vor dem Komma geschafft. Mit jedem Halbjahr hatte ich ein Wartesemester mehr und schließlich 2010 den Studienplatz. Bis zum Medizinstudium war es ein langer Weg – da musste ich einfach Geduld beweisen.

In der Zeit arbeiteten Sie weiter als Steuerfachangestellter?

Eine Zeit lang. Bis 2008 war ich noch in der Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und parallel im Rettungsdienst. Emotional gab mir der Beruf als Steuerfachangestellter aber irgendwann nichts mehr. Deshalb arbeitete ich ab 2008 nur noch als Rettungsassistent und als Aushilfe in einer Notaufnahme, auch um später durch Nachtdienste mein Studium finanzieren zu können.

Wie war nach der langen Wartezeit der Start ins Studium?

Ich musste mich erst daran gewöhnen. Aber ich war froh, endlich den Studienplatz zu haben, und ging mit großem Ehrgeiz daran. Ich nahm an allen Vorbereitungskursen teil, die angeboten wurden, auch um Kontakte an der Uni zu knüpfen. Am Anfang ist das Medizinstudium in erster Linie Fleißarbeit. Wenn man ambitioniert ist und auch etwas leidensfähig, ist es nicht so schwer. Vor allem musste ich lernen, wieder zu lernen. Aber ich hatte mich ja auch schon erfolgreich auf die Hochschulzugangsprüfung vorbereitet.

Und die Prüfungen?
Meine erste Prüfung, eine Anatomie-Prüfung, war für mich purer Stress. Es war eine Situation, in der ich mich lange nicht mehr befunden hatte, und ich wusste nicht, ob ich dem Studium gerecht würde. Es ging aber recht gut, und dann verflogen auch schnell die Ängste. Die Vorklinik im Medizinstudium ist extrem verschult. Das hat Vor- und Nachteile. Das Problem ist oft eher die Motivation als die Lerninhalte. Die größte Hürde im Studium war für mich die mündliche Prüfung im Physikum. Die habe ich aber im ersten Anlauf geschafft.

Haben Ihre Erfahrungen als Rettungsassistent geholfen?
In der Vorklinik ist das Medizinstudium so theoretisch, dass mir die Erfahrungen relativ wenig brachten. Im klinischen Studienabschnitt nach dem Physikum ist es dagegen ein großer Vorteil, bereits mit vielen kranken Menschen gearbeitet zu haben. Man hat einfach schon gelernt, mit Patienten umzugehen. Wer direkt vom Gymnasium kommt, hat dieses Feingefühl häufig noch nicht und daher meist viel mehr Berührungsängste.

Während des Studiums wurden Sie durch das Aufstiegsstipendium gefördert. Wie hatten Sie davon erfahren?
Während meines zweiten Semesters saß ich in der Uni neben einer Kommilitonin, die gerade ein Formular zum Leistungsnachweis für das Aufstiegsstipendium ausfüllte. Mit ihr unterhielt ich mich über das Stipendium und die Voraussetzungen. Ich bewarb mich noch am selben Tag und wurde zu den Auswahlgesprächen nach München eingeladen.

Wie sehr hat das Stipendium Ihnen das Studium erleichtert?

Über die Zusage habe ich mich riesig gefreut, weil ich mein Arbeitspensum deutlich reduzieren konnte. Bis dahin hatte ich eine 60-Prozent-Stelle mit sieben Nachtdiensten und einem kompletten Wochenende im Monat. Das war natürlich sehr schlauchend. Ich habe dann in geringerem Umfang weitergearbeitet und konnte mich viel mehr auf das Studium konzentrieren.

Das Medizinstudium haben Sie im vergangenen Jahr mit dem Staatsexamen abgeschlossen. Wie ging es anschließend beruflich für Sie weiter?

Ich wollte gerne in die Kinderheilkunde. Ich hatte das Glück, dass in dem Krankenhaus, in dem ich das praktische Jahr in der Kinderheilkunde absolvierte hatte, eine Kollegin schwanger wurde und ich ihre Stelle übernehmen konnte. Ich habe direkt nach dem Staatsexamen angefangen, dort zu arbeiten, und jetzt einen Weiterbildungsvertrag zum Facharzt über fünf Jahre. In diesem Jahr möchte ich meine Dissertation abschließen. Als Schwerpunkt zieht es mich in die Kinderkardiologie. In meiner Doktorarbeit geht es auch um ein verwandtes Thema aus dem herzchirurgischen, intensivmedizinischen Bereich.

(Das Interview führte Heinz Peter Krieger)