„Sich auch trauen“ – Krankenpflegerin Özlem Yetim über ihr Bachelor-Studium

Özlem Yetim wuchs in Berlin auf und absolvierte nach ihrem Realschulabschluss eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin. Nach vier Jahren Berufserfahrung begann sie ein Studium der Patholinguistik an der Universität Potsdam, bei dem das Aufstiegsstipendium sie unterstützte. 2012 schloss sie das Studium erfolgreich ab und studierte darauf im Master-Studiengang „Neuroscience“ am Queensland Brain Institute in Brisbane (Australien). Dabei wurde sie durch ein Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes und des DAAD gefördert. Zurückgekehrt nach Berlin eröffnete Özlem Yetim eine Praxis für Sprachtherapie. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Therapie mehrsprachiger Patienten.

Frau Yetim, als Sie sich zu einem Studium entschlossen, hatten Sie mehrere Jahre Berufserfahrung als Krankenschwester. Wie waren Sie in den Gesundheitsbereich gekommen?

Das kam relativ spontan. Ich hatte nach der Schulzeit ein freiwilliges soziales Jahr absolviert, das ich sehr ansprechend fand. Eine enge Familienfreundin, die in einem Krankenhaus arbeitete, schlug mir deshalb vor, mich dort um eine Ausbildungsstelle zu bewerben. In diesem Krankenhaus habe ich dann meine Ausbildung gemacht und anschließend auch gearbeitet.

Sie haben das Gymnasium mit der Mittleren Reife verlassen. Unter welchen Bedingungen wäre für Sie das Abitur möglich gewesen?

Als ich von der Schule abgegangen war, stand das erst mal nicht zur Debatte. Das hatte wahrscheinlich viele Gründe. Ich war auf einem humanistischen Gymnasium, was vielleicht nicht das Richtige für mich war, dazu kamen ein Teil Pubertät, ein Teil Schule und die Umgebung. Die Einsicht kam später. Als ich mich entschloss zu studieren, habe ich mir überlegt, das Abitur nachzuholen. Da das Studium inzwischen auch über meine berufliche Qualifikation möglich war, bin ich aber direkt auf die Uni gegangen.

Was war der wichtigste Grund zu studieren?

Ich merkte relativ schnell, dass ich als Krankenschwester an verschiedene Grenzen stieß und nicht bis zum Rentenalter in dem Beruf arbeiten wollte. Ich interessierte mich früh die sprachtherapeutische Richtung und überlegte mir, ob ich mich über eine zweite Ausbildung oder ein Studium weiterbilden wollte. Als mir klar war, dass ein Studium mir mehr Möglichkeiten eröffnete, habe ich mich um einen Studienplatz beworben und nach der Zusage meine unbefristete Stelle gekündigt. Das war natürlich ein Schritt, den man sich dreimal überlegt.

Sie haben Patholinguistik studiert. Worum geht es in dem Studium?

Es ist eine akademisierte Sprachtherapie, die viel Wert darauf legt, dass die Methoden wissenschaftlich fundiert sind. Den Studenten wird auch vermittelt, wie sie evidenzbasiert oder in der Forschung arbeiten können. Mit Abschluss des Studiums war ich aber auch von den Krankenkassen anerkannte Sprachtherapeutin. Logopädin darf ich mich mit dem Abschluss in Patholinguistik nicht nennen, das ist ein eigener Studiengang.

Wie war der Einstieg ins Studium?

Bevor es losging, hat es mir schon schlaflose Nächte bereitet. Ich befürchtete, dort nur 18-jährige frische Abiturienten zu treffen und mit ihrem Wissen nicht mithalten zu können. Das war aber eine relativ kurze Phase. Ich hatte auch das Glück, schnell einige Kommilitonen in meinem Alter kennenzulernen. Als ich es geschafft hatte, mich selbst zu öffnen, überwog die Freude am Lernen. Die erste Klausurphase war noch einmal schwer, weil ich mich wieder ans Lernen gewöhnen musste. Das verlernt man im Berufsleben recht schnell.

Wie waren Sie auf das Aufstiegsstipendium aufmerksam geworden?

Das war gegen Ende des ersten Semesters. Die Mutter einer Freundin hatte etwas über das Stipendium gelesen und machte mich darauf aufmerksam. Ich habe mich dann für das Aufstiegsstipendium beworben und Schritt für Schritt das Auswahlverfahren mitgemacht.

Wie empfanden Sie das Auswahlverfahren?

Der Online-Test hatte mir zunächst Angst gemacht. Er ist zeitlich begrenzt, man kann ihn nur einmal absenden und ich wusste nicht, wie die persönlichen Antworten interpretiert werden. Als ich den Test geschafft hatte und zu den Auswahlgesprächen eingeladen wurde, war ich nicht mehr ganz so nervös. Die Atmosphäre in den Gesprächen war sehr nett, fair und offen.

Wie hat das Stipendium Ihnen beim Studium geholfen?

Ich arbeitete in einer Teilzeitstelle auf einer Intensivstation und konnte durch die Förderung die Arbeitszeit reduzieren. Am Anfang waren es noch 16 Stunden in der Woche. Außerdem bietet das Stipendium mehr Sicherheit für die Zukunft als etwa das Bafög, weil ich das Studium nicht mit Schulden abschließen musste. Das Stipendium nimmt einem schon eine Last von den Schultern. Man kann sich einfach besser auf das Studium konzentrieren.

Sie studierten anschließend Neuroscience in Australien. Hatten Sie nach dem Bachelor-Studium das Gefühl, noch nicht ausgelernt zu haben?

Ich hatte im Bachelor-Studium schnell gemerkt, dass es genau das ist, was mir Spaß macht: mir neues Wissen aneignen und forschen. Als Bachelor in die Forschung zu gehen, ist aber gerade in Deutschland kaum möglich. Deshalb war klar, dass ich auch einen Master machen wollte. Um mich beruflich nicht zu sehr einzuschränken, sollte es aber kein rein fachlicher Master sein. Deshalb bot sich Neuroscience an. Dass ich nach Australien ging, hatte private Gründe. Mein Partner hatte Aussicht auf einen Job in Australien und wir mussten uns entscheiden, ob wir das wagen wollten.

Was ist der größte Unterschied zwischen einem Studium in Deutschland und in Australien?

Das ist schwer zu vergleichen, weil ich in Deutschland in einem Bachelor-Studium war und hier in einem sehr ausgefeilten Master-Studiengang studiere. Die Unis sind viel besser ausgestattet und es gibt eine ganz andere Betreuung. Ich habe zum Beispiel seit dem ersten Semester einen eigenen Schreibtisch und einen persönlichen Supervisor. Das Studium kostet dafür aber auch sehr viel Geld und der Leistungsdruck ist höher.

Nun sind Sie nach erfolgreichem Masterabschluss in Australien wieder in Berlin und haben sich mit einer Praxis für Sprachtherapie selbstständig gemacht. Was ist da der Schwerpunkt Ihrer Arbeit?

Ich setze derzeit zwei Schwerpunkte: Zum einen ist das die Arbeit mit mehrsprachigen Menschen, weil dieses Thema mir persönlich auch durch meine eignen Erfahrungen am Herzen liegt. Der andere Schwerpunkt sind neurologische Störungen.

Was raten Sie Menschen in den Pflegeberufen, die sich beruflich weiterentwickeln möchten?

Das kommt darauf an, was sie gerne machen möchten. Ich habe viele ehemalige Kollegen, die im Pflegebereich oder operativen Geschäft bleiben wollten. Für sie war es genau das Richtige, sich in einer Weiterbildung zu spezialisieren. Wenn man in die Lehre oder Forschung gehen will, ist dagegen ein Studium sehr empfehlenswert, weil man dort Methoden kennenlernt, die man in der Ausbildung oder einer Fortbildung nicht so an die Hand bekommt. Aber ich rate jedem, der sich weiterentwickeln möchte, sich auch zu trauen. Am Anfang stellt man sich es meist schwieriger vor, als es am Ende ist.



(Das Interview führte Heinz Peter Krieger)