„Gelernt habe ich vor allem im Zug“: Oksana Finkel über ihr Studium der Betrieblichen Steuerlehre

Oksana Finkel (Foto: Jörg Heupel)

Oksana Finkel besuchte die Oberschule in Odessa. 1999 verließ sie mit ihrem Mann die Ukraine und siedelte nach Deutschland über. Nach drei Jahren, in denen sie ihr erstes Kind betreute und Deutsch lernte, absolvierte sie eine Ausbildung zur Steuerfachangestellten und schloss die Ausbildung mit der Note 1,9 ab. Nach sieben Jahren Berufserfahrung und der Geburt ihres zweiten Kindes studierte sie Betriebliche Steuerlehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Stuttgart. Das Studium beendete sie erfolgreich mit der Abschlussnote 1,7.

 

Frau Finkel, als Sie 1999 aus der Ukraine nach Deutschland kamen, waren Sie 20 Jahre alt. Was waren die Gründe für Ihre Übersiedlung?
Es gab in der Ukraine keine Perspektive. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, in der noch niemand studiert hatte, und meine Eltern waren arm. Ich hatte ein Studium an einer staatlichen Wirtschaftsuni begonnen, aber die Studiengebühren sind für normale Familien kaum zu bezahlen. Und um nach dem Studium eine gute Position zu bekommen, hätte ich ebenfalls zahlen müssen – also korrupt sein. Da mein Mann jüdisch ist, hatten wir die Möglichkeit, nach Deutschland auszureisen, und entschlossen uns, unser Heimatland zu verlassen.

Wie ging es in Deutschland weiter?
Ich blieb zunächst zu Hause, weil unsere Tochter erst ein Jahr alt war. Um die Sprache zu lernen, machte ich mit einem Deutsch-Lehrbuch die Hausaufgaben aus dem Deutschkurs meines Mannes mit. Als unsere Tochter drei Jahre alt war und in einen Kindergarten ging, habe ich selbst einen Intensiv-Sprachkurs bei der Arbeiterwohlfahrt belegt und mich um eine Ausbildungsstelle als Steuerfachangestellte bemüht.

Wie war die Stellensuche?
Die war nicht einfach. Die Arbeitsagentur übernahm die Kosten für 120 Bewerbungen. Ich schrieb tatsächlich 120 Bewerbungen und bekam nur Absagen. Danach sagte ich mir: Einen Versuch starte ich noch, und wenn das nicht klappt, probiere ich etwas anderes. Mit dieser Bewerbung habe ich tatsächlich meine Ausbildungsstelle bekommen.

Mit der 121. Bewerbung also?
Genau. Ich war erst drei Jahre in Deutschland und trug damals noch nicht den Nachnamen meines Ehemanns, sondern meinen ukrainischen Nachnamen. Deshalb dachten wohl viele Arbeitgeber, dass ich noch nicht weit genug sei, um in Deutschland in den Beruf einzusteigen. Das stimmte eigentlich auch, mein Deutsch war zu dieser Zeit noch nicht so gut. Der Firmeninhaber, der mich trotzdem einstellte, hatte aber keine Bedenken und setzte mich zuerst in der Zentrale ein. Dort sollte ich auch das Telefon übernehmen, dann würde ich die Sprache schon lernen, meinte er.

Funktionierte das gut?
Zuerst hatte ich wirklich Angst. Ich sollte am Telefon das Aushängeschild der Firma sein und konnte noch nicht einmal richtig Deutsch. Aber es klappte und ich habe die Ausbildung geschafft.

Warum wollten Sie Steuerfachangestellte werden?

Mathematik und alles, was mit Rechnen und Zahlen zu tun hatte, war immer mein Hobby. Meine Eltern konnten sich das gar nicht erklären. In Deutschland wollte ich deshalb zunächst Software-Entwicklerin werden. Aber ich hatte Bedenken, ob ich mich als Frau in dem Beruf durchsetzen würde. Die Ausbildung zur Steuerfachangestellten war für mich eine Alternative, um im Beruf mit Zahlen arbeiten zu können.

Wie konnten Sie Familie und Ausbildung miteinander verbinden?

Das war schon schwierig, weil ich jeden Tag achteinhalb Stunden in der Kanzlei arbeitete und insgesamt drei Stunden mit dem Zug unterwegs war. In der Zeit übernahm mein Mann den Haushalt und brachte unsere Tochter in den Kindergarten und holte sie dort wieder ab. Gelernt habe ich vor allem im Zug und mich dort auch auf die Klausuren vorbereitet.

Sie studierten dann Betriebliche Steuerlehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Stuttgart. Wie kam es dazu?
Der Chef meiner Steuerkanzlei war schon recht alt und nahm daher nur noch wenige Aufträge an. Nachdem ich mein zweites Kind bekommen hatte, sah ich mich deshalb nach einer anderen Möglichkeit um. Langfristig wollte ich auch mehr verdienen. Als unser zweites Kind noch klein war, begann ich zunächst auf Minijob-Basis in einer anderen Steuerkanzlei. Dort wurde ich dann fest übernommen und konnte mit meinem neuen Arbeitgeber auch das duale Studium vereinbaren.

Warum ein duales Studium?
Die Aufteilung gefiel mir sehr gut. Ich war immer blockweise drei Monate an der Hochschule und drei Monate in der Kanzlei. So blieb ich voll im Arbeitsprozess und hatte eine feste Arbeitsstelle als Perspektive.

Wie war der Start ins Studium?
Vor dem Studium hatte ich Bedenken. Ich dachte, ich treffe dort nur junge Studenten, die frisch vom Gymnasium kommen und viel vertrauter mit dem Lernen sind. An der Hochschule fühlte ich mich aber gleich wohl. Ich war mit 33 Jahren wirklich die älteste Studentin, aber das war kein Problem. Ich konnte zum Beispiel meinen Kommilitonen beim Rechnungswesen helfen, weil ich das schon gut aus der Praxis kannte.

Wie erfuhren Sie vom Aufstiegsstipendium?

Ich hatte BAföG beantragt, konnte das aber aus Altersgründen nicht bekommen. Deshalb recherchierte ich nach anderen Fördermöglichkeiten und stieß auf das Aufstiegsstipendium. Da ich meine Ausbildung mit der Note 1,9 abgeschlossen und genügend Berufserfahrung hatte, erfüllte ich die Kriterien und bewarb mich um das Stipendium.

Wie sehr erleichterte das Stipendium Ihnen das Studium?

Das Aufstiegsstipendium war eine sehr große Hilfe, weil ich während des dualen Studiums nur 50 Prozent meines normalen Gehalts bekam. Auf der anderen Seite verursachte das Studium Kosten: Allein ein Fachbuch konnte schon mal 200 Euro kosten.

Das Bachelor-Studium haben Sie inzwischen abgeschlossen. Hat Ihnen Ihr Hochschulabschluss beruflich bereits weitergeholfen?

Ja, auf jeden Fall. Ich verdiene nun besser und übernehme anspruchsvollere Aufgaben. Das heißt, ich habe jetzt Projekte, für die mir früher noch die Kompetenzen fehlten. Schön ist auch, dass ich jetzt verstehe, was mein Chef redet. (lacht) Durch mein theoretisches Wissen sprechen wir jetzt die gleiche Sprache.

Was sind Ihre weiteren beruflichen Pläne?
Ich habe mit meinem Chef vereinbart, dass ich im Oktober 2016 ein Master-Studium beginne, wieder an der Dualen Hochschule in Stuttgart. Zum Master-Studium gehört die Vorbereitung auf die Steuerberaterprüfung. Die möchte ich anschließend ebenfalls versuchen. Von meinem Arbeitgeber habe ich auch das Angebot, nach dem Studium als Partner in die Kanzlei übernommen zu werden.

Haben Sie einen Tipp für Berufstätige, die über ein Studium nachdenken?

Man soll immer alles versuchen und nicht aufhören, wenn mal eine Absage kommt. Sonst hätte ich nie so viel geschafft. Ich habe dann immer gedacht, dass es vielleicht eine andere Möglichkeit gibt, und so auch immer Menschen getroffen, die mir geholfen haben.

 

Das Interview führte Heinz Peter Krieger.