Mit Studium zum Neueinstieg: Interview mit Yvonne Dünnebier

Yvonne Dünnebier hat „Inklusive Pädagogik“ an der Universität Bremen studiert und wird nach Ihrem Referendariat als Lehrerin und Inklusionspädagogin an öffentlichen Schulen arbeiten. Ungewöhnlich ist vor allem Ihr Weg ins Studium: Frau Dünnebier hat nach dem Realschulabschluss eine Lehre als Damenmaßschneiderin und eine Ausbildung zur Staatlich geprüften Technikerin, Fachrichtung Bekleidungstechnik absolviert und bis zur Gründung Ihrer Familie auch in diesem Bereich gearbeitet. Nach der Elternzeit stand sie vor der Herausforderung, den Neueinstieg in den Beruf mit ihrer Familie zu vereinbaren. Yvonne Dünnebier ergriff die Initiative: Es kam es zum Orientierungswechsel und zum Studium.

Wie kam es zu Ihrer Entscheidung, nach Ausbildung und Beruf noch ein Studium zu beginnen?

Ich bin in der ehemaligen DDR groß geworden und die Aussichten, tatsächlich den Studienplatz zu bekommen, den man wollte, waren damals relativ gering. Deswegen bin ich, obwohl ich nach der Realschule ein gutes Abschlusszeugnis hatte, in die Lehre gegangen. Dann kam die Wende und ich habe nach der Ausbildung in Weißenburg, südlich von Nürnberg, in der Produktion gearbeitet. Den Abschluss zum Techniker habe ich in Baden-Württemberg gemacht und noch einige Jahre in Metzingen als Bekleidungstechnikerin verbracht. Dann kam die Liebe und ich habe mich mit meinem Mann in Bremen niedergelassen, wo ich eine Anstellung im Bekleidungssektor gefunden hatte. Nach der Geburt der beiden Kinder war in meinem bisherigen Unternehmen leider keine Teilzeitarbeit möglich. Ich suchte nach Betreuungsmöglichkeiten und setzte mich mit unserer Kirchengemeinde in Verbindung. Wir entwickelten die Idee, eine Betreuung für GrundschülerIinnen anzubieten. Diese Einrichtung habe ich mit aufgebaut. Ich konzipierte und etablierte eine Hausaufgabenbetreuung, die sich seitdem großer Beliebtheit im Stadtteil erfreut. Mit dieser Aufgabe reifte der Wunsch, professionell mit Kindern zu arbeiten. Während der Arbeit mit den Eltern und den Kindern habe ich mir gedacht: Eigentlich will ich gar keine Hausaufgaben betreuen, sondern würde gerne selber welche aufgeben. So ist die Idee zum Studium entstanden.

Wie kam Ihre Zulassung zum Studium ohne Abitur zustande?

Das Abitur an einer Abendschule nachzuholen, wäre für mich zeitlich und organisatorisch nicht möglich gewesen. Ich habe mich also an der Universität Bremen erkundigt, welche Voraussetzungen ich brauche, um ohne Abitur zu studieren. Da ich einen fachspezifischen Technikerabschluss hatte, wurde dieser als fach- und ortsgebundene Hochschulreife anerkannt. Mit dieser Voraussetzung konnte ich mit einem einjähriges Probestudium beginnen. Ich musste innerhalb eines Jahres nachweisen, dass ich fähig bin, zu studieren. Das bedeutete: Alle Prüfungen mitschreiben, alle Scheine machen. Ich habe dieses erste Jahr erfolgreich überstanden und konnte dann - nun mit großer Matrikel - weiter studieren.

Wurden Ihre Erwartungen an das Studium erfüllt?

Ja. Es war klar, das wird hart. Erst die Theorie, dann die vielen Praktika. Das war anstrengend, weil man keine Semesterferien hatte, man hat entweder für Klausuren gelernt, sich in Gruppen getroffen oder man war in diesen Schulpraktika. Aber das zahlt sich aus. Ich habe sehr positive Rückmeldungen bekommen. Durch die Praktika weiß man einfach: Ist es das oder ist es das nicht.

Hatten Sie im Studium mit besonderen Problemen zu kämpfen und wie haben Sie diese gelöst?

Meine beiden Hauptfächer waren Mathematik und Sachunterricht. Besonders die Anforderungen im Fach Mathematik hatte ich total unterschätzt. Mit 37 Jahren bin ich zum ersten Mal durch eine Prüfung in Mathematik gefallen, das war sehr frustrierend. Wenn der Zugang fehlt, baut sich schnell eine Angstschwelle auf. Ab diesem Punkt muss man aktiv werden und das Problem angehen. Bloß nicht anfangen, Prüfungen deswegen zu schieben oder nicht anzutreten! Hilfe sollte man durch Externe oder Kommilitonen holen. Und dafür muss man dann eben auch mal Geld investieren. Ich z. B. habe Nachhilfe in Stochastik bei einem pen-sionierten Gymnasiallehrer genommen, der mir die Dinge für mich verständlich erklärt hat. Auch die Absprache und Organisation der Übungs- und Vertiefungsgruppen waren von großer Bedeutung.

Gab es durch Altersunterschiede Probleme im Kontakt mit Ihren Kommiliton/innen?

Nein, das Alter an sich war nie ein Thema, da es in meinem Semester mehrere „ältere“ Stu-dierende gab. Der Austausch mit den Jüngeren in den Arbeitsgruppen hat sehr gut funktioniert. Das lag aber auch daran, dass meine Kinder wirklich gut betreut waren durch die Hausaufgabenbetreuung, so dass ich nicht immer sagen musste „Nein, sorry, ich kann nicht, ich habe Kinder.“ Mein „fortgeschrittenes“ Alter war für mich eher von Vorteil durch die damit verbundene Strukturierung meines Alltages. Ich konnte und musste mich gut organisieren. Was die Organisation betrifft, stellt Studieren mit Kindern besondere Anforderungen an Väter und Mütter.

Wie konnten Sie beides, Familie und Studium, überhaupt vereinbaren?

Man sollte sehr organisiert sein, wenn man mit Kindern studiert. Wenn die Kinder im Bett sind, sitze ich am Schreibtisch.
Das Studium wäre ohne die Unterstützung meines Mannes undenkbar gewesen, da an der Universität Anwesenheitspflicht bestand und die Seminare und Vorlesungszeiten alles andere als familienfreundlich sind. Da standen in einem Zeitfenster von 10.00 Uhr bis mitunter 21.00 Uhr Veranstaltungen an. Früher wollte ich alles selber hinkriegen und wollte alles 100-prozentig machen. Das mit den Kindern muss laufen und das Haus muss geputzt sein und wir kochen immer selber – davon muss man sich verabschieden.

Haben Sie das Gefühl, dass die Qualifizierung im technischen Bereich ein Mehrwert ist in Ihrem heutigen beruflichen Umfeld?

Ich bin von Haus aus ein sehr organisierter, technischer Typ, sehr analytisch und strukturiert. Nur in der Umsetzung bin ich kreativ, ich klebe nicht an starren Regeln. Das ist aber weniger meine Technikerausbildung als meine eigene Veranlagung.

Hat das Studium Sie beruflich weitergebracht?

Beruflich, klar. Es stand auch die Überlegung im Raum, ob ich noch einmal eine Lehre mache – aber was kann ich da noch erreichen, wenn ich schon mal Techniker war? Das Studium hatte ich schon immer ein bisschen im Hinterkopf. Mit der Erlangung des zweiten Staatsexamens nach dem Referendariat kann ich endlich als Lehrerin und Inklusionspädagogin an öffentlichen Schulen arbeiten.

Glauben Sie, dass das Studium Sie persönlich weitergebracht hat?

Ich habe einen sehr guten Realschulabschluss und danach immer meinen Weg gemacht, habe mir nie eine Auszeit gegönnt. Aber immer bin ich Menschen begegnet, die studiert hatten, und dann wollte ich es mir auch noch mal beweisen – ob ich das hinkriege. Ich glaube, wenn man sich auf den Weg macht nach seiner Berufsausbildung, dann bleibt man geistig in Bewegung. Egal ob man sich für die berufliche Aufstiegsqualifizierung entscheidet und den Techniker oder den Meister macht oder ob man sich ehrenamtlich engagiert oder studiert: Solange man in Bewegung bleibt, bewegt man sich auch.