„Mit jedem Erfolgserlebnis ein wenig mehr Selbstvertrauen“ - Interview mit Patrick Jahnke

Patrick Jahnke besuchte nach der Hauptschule in Nussloch zwei Jahre lang die Wirtschaftsschule in Heidelberg, um dort seine Mittlere Reife zu erlangen. Danach machte er eine Ausbildung zum IT Systemkaufmann in Waldorf und arbeitete fast zehn Jahre in Karlsruhe als Softwareentwickler. Um beruflich weiter zu kommen, entschloss er sich dazu, seinen Job aufzugeben und stattdessen ein Vollzeitstudium Informatik an der Technischen Universität Darmstadt aufzunehmen. Diese hat speziell für Jahnkes Schwerpunktgebiet „Aspektorientierte Programmierung“ ein sehr gutes Renommee. Dort hat er den Bachelor erfolgreich absolviert. Nun folgt das Masterstudium.   

Warum haben Sie sich nach mehreren Jahren im Beruf dazu entschlossen, Ihre Anstellung zu kündigen und ein Vollzeitstudium aufzunehmen? Was haben Sie sich davon versprochen?

Um ehrlich zu sein, reifte der Gedanke ein Studium zu beginnen schon recht früh. Ich habe nach meiner Ausbildung insgesamt drei Arbeitsstellen gehabt. Davon waren zwei Wechsel nicht gewollt und der wirtschaftlichen Situation meiner Arbeitgeber geschuldet. Bei allen Vorstellungsgesprächen, die ich hatte, gab es immer ein- und dasselbe Handicap: Ich hatte keinen Hochschulabschluss vorzuweisen. Bei den Gesprächen schwang das immer unterschwellig als Ausschlusskriterium mit. Ich habe das damals nicht immer ganz nachvollziehen können, aber jetzt, nachdem ich das Bachelorstudium beendet habe, tue ich es.

Der Hauptgrund, der mich dazu bewogen hat, zur Uni zu gehen, war vor allem der, dass ich mir einfach mehr theoretisches Wissen aneignen wollte – die Praxis kannte ich ja schon. Das war mir ganz wichtig! Ein weiterer Grund war natürlich der, dass man mit einem Hochschulabschluss auf dem Arbeitsmarkt in meinem Bereich weitaus bessere Chancen hat.


Sind denn Ihre Erwartungen an das Studium erfüllt worden?

Ja, vor allem im Punkto Wissenszuwachs hat es meine Erwartungen mehr als übertroffen. Ich habe sehr viele neue Aspekte kennengelernt, gerade was die theoretischen Grundlagen der Informatik betrifft. Da hat sich das Studium mehr als nur gelohnt! Aber es hat mich nicht nur fachlich, sondern auch menschlich sehr viel weiter gebracht.

Was war zu Beginn des Studiums besonders schwierig und wie haben Sie diese Schwierigkeiten überwunden?

Wie eingangs gesagt, habe ich kein Abitur. Das heißt, mir haben eigentlich ganz rudimentäre Dinge gefehlt, die ich alle nacharbeiten musste - insbesondere im Bereich Mathematik. In Darmstadt gibt es ein spezielles Mathematik-Lernzentrum, das von der Universität betrieben wird. Dort werden Mathematikdoktoranden quasi dazu „verdonnert“, Nachhilfe zu geben. Das habe ich unter anderem in Anspruch genommen. Die Mathematik war eigentlich der größte Stolperstein. Dazu empfiehlt es sich, gerade auch als Studienanfänger, Brückenkurse zu besuchen oder zumindest die dazugehörigen Skripte intensiv durchzuarbeiten.

Last but no least hat mir aber auch noch etwas anderes sehr weitergeholfen: Ich habe im dritten Semester über das SBB StipNet, der Kommunikationsplattform für uns Stipendiaten, einen Kommilitonen gefunden, mit dem ich bis heute in sehr, sehr engem Kontakt stehe. Der SBB Stipendiat Simon Hofmann und ich studieren beide Informatik im gleichen Semester an der Technischen Universität Darmstadt, besuchen viele Kurse gemeinsam und unterstützen uns gegenseitig im Unialltag. Wir haben beide die Berufserfahrung und sind beide etwas älter – das verbindet. Wir haben ein anderes Verständnis füreinander und ich bin sehr glücklich, dass ich ihn gefunden habe. Wir bewältigen das Semesterpensum quasi als Team.
             
Hatten Sie durch Ihre vorige Ausbildung Vorteile im Studium?

In einigen Fächern ja, zum Beispiel in „Grundlagen der Informatik“. Dort kannte ich das Programmierparadigma. Vor allem auch für die Praktika, die wir während des Studiums absolvieren mussten, waren die Erfahrungen aus der vorigen Ausbildung von Vorteil. Insbesondere was Termin- und Fristeinhaltungen angeht, aber auch was die eigene Organisation betrifft. Das hat in der Praxis eine sehr hohe Gewichtung. Mit der Berufs- und Lebenserfahrung hat man natürlich auch eine größere Reife gegenüber den anderen und ist sich sicherer in dem, was man möchte und worauf es einem ankommt. Die Zielstrebigkeit ist deutlich ausgeprägter.
    
Welche Unterstützung hatten Sie seitens der Hochschule?
 

Die Unterstützung an der Technischen Universität Darmstadt ist für alle Studierende prinzipiell sehr gut, wenn man sie denn annimmt bzw. „einfordert“. Es gibt zum Beispiel eine Orientierungswoche zu Beginn des Studiums. In dieser wird einem erklärt, wie das Studium abläuft und man kann organisatorische Fragen stellen. Zu fast jedem Kurs gibt es außerdem Sprechstunden, die man besuchen sollte. Außerdem existiert eine Fachschaft. Nutzt das!
 
Was man an der Universität wirklich lernen muss, ist, dass man keine Scheu haben darf! Fragt so viel wie möglich, auch wenn ihr vielleicht selbst älter seid als derjenige, der gerade vorne an der Tafel steht. Man darf keine Angst haben, auch wenn man manchmal denkt, dass eine Frage vielleicht dumm klingen mag. Wenn man nicht von sich aus aktiv ist und nicht auf die Leute zugeht, wird man an der Universität sehr schnell sehr einsam.

Inwieweit hat das Studium Sie persönlich und beruflich weitergebracht?


Ich bin vor allem anderen Menschen gegenüber noch deutlich offener geworden. Ich habe an der Universität viel gesehen und erlebt, was mich in meiner persönlichen Entwicklung sehr voran gebracht hat, zumal der Umgang miteinander an der Universität ein ganz anderer ist als im Berufsleben. Beruflich hat mir das Studium natürlich auch sehr geholfen. Mittlerweile arbeite ich nebenbei als Werkstudent in der Forschungsabteilung bei der SAP und habe dort die Verantwortung für eigene Forschungsprojekte übertragen bekommen. Ohne das Studium und den Bachelor in der Tasche hätte das nie geklappt.      
Ich habe meinen  Bachelor mit einer Note abgeschlossen die ich mir zu Beginn nicht zu erträumen gewagt habe. Das hat mich so sehr „gepusht“, dass ich jetzt auch noch den Master mache. Und auch eine Promotion in der Wirtschaft schließe ich mittlerweile nicht mehr aus!     

Welche Tipps möchten Sie Studienanfängern mit auf den Weg geben?


Worauf sollten Studierende beim Informatikstudium besonders achten?
Seid proaktiv! Man muss sich regelmäßig hinterfragen und reflektieren, um auch Defizite zu erkennen und dann sollte man frühzeitig Gegenmaßnahmen ergreifen. Setzt euch immer am Ende der Woche hin, lasst diese Revue passieren und fragt euch: „Habe ich irgendwo Probleme? Muss ich nächste Woche für ein Fach mehr tun?“ etc. und dann handelt entsprechend.
Vor allem beim Informatikstudium muss man wissen, worauf man sich einlässt. Der größte Teil des Studiums besteht aus Mathematik. Wenn man einfach nur programmieren möchte, ist man gerade an der Technischen Universität falsch.

Wenn ihr erkennt, dass ihr ein Problem habt, ist es ganz wichtig, dass ihr euch einen Ansprechpartner sucht. Das kann dann zum Beispiel ein Kommilitone sein. Wie eingangs gesagt, habe ich das große Glück mit Simon Hofmann gehabt. Ich habe tatsächlich im SBB StipNet über die Mitgliedersuche nach dem Studienort, der Hochschule und dem Studienfach gesucht. Simon war derjenige, der alle Suchkriterien erfüllte und ich habe ihn dann einfach über das Netzwerk angeschrieben. Mittlerweile sind wir sehr gute Freunde und besuchen viele Kurse an der Uni gemeinsam. Wir haben quasi eine 1:1 Betreuung und ziehen uns gegenseitig mit. Das Ganze hat eine tolle Eigendynamik bekommen!

Sprecht die Assistenten der Professoren an, besucht Tutorien oder die allgemeine Sprechstunde. Außerdem empfehle ich den Besuch im Mathematik-Lernzentrum und lasst euch ggf. private Nachhilfe geben.

Ein weiterer Tipp: Ich war vor kurzem wieder auf einem Regionaltreffen von SBB Stipendiaten. Da haben sich ein Physikstudent und eine BWL-Studentin kennengelernt. Mittlerweile gibt der eine der anderen kostenlose Nachhilfe in Mathematik. Das ist toll! Es zeigt wie wichtig diese Treffen sind, vor allem, wenn gerade bei einem selbst Frust herrscht. Da können wir Stipendiaten uns gegenseitig sehr gut unterstützen und motivieren.  
 
Den meisten Rückhalt bekomme ich jedoch von meiner Frau und meinen Eltern. Ohne ihre Unterstützung wäre meine akademische Laufbahn so nicht möglich und ich bin ihnen dafür sehr dankbar. Dieser Rückhalt ist in einem Studium, das über mehrere Jahre geht, sehr wichtig und ich bin froh, dass ich ihn in dieser Form habe!