Vom Straßenbauer zum Bauingenieur: „Gemeinsam zu lernen hat beim Studium sehr geholfen“

Foto Lars Erbach

Lars Erbach absolvierte nach der mittleren Reife eine dreijährige Ausbildung zum Straßenbauer. Nach einem weiteren Berufsjahr bildete er sich an der IHK Erfurt zum Geprüften Polier – Fachrichtung Tiefbau weiter. Die Weiterbildung schloss er mit der Note 1,0 ab. Nachdem er von der Fördermöglichkeit durch das Aufstiegsstipendium erfahren hatte, informierte er sich über den Studiengang Bauingenieurwesen und begann sein Studium an der Fachhochschule Erfurt. Im März 2016 beendete Lars Erbach das Studium erfolgreich mit der Gesamtnote 1,8.

Herr Erbach, Sie haben eine Ausbildung zum Straßenbauer absolviert. Was gehört denn alles zu den Aufgaben in diesem Beruf?
Erste Aufgabe ist, den künftigen Unterbau und die Oberflächen fachgerecht herzustellen. Dazu gehört etwa, die Fugen- und Sichtlinien bei Plattenbelägen einzuhalten. Beim Straßenbau- und Stadtbahnbau müssen natürlich die Deckschichten ausreichend tragfähig sein und die Arbeiten die sicherheitstechnischen Standards erfüllen. Wichtig ist auch, bereits in der Phase der Ausschreibung zu erkennen, wenn der Auftraggeber Anforderungen stellt, die nicht zu erfüllen sind. Das kann etwa der Fall sein, wenn der geplante Frostschutz zu gering für die zu erwartende Belastung ist. Dann wird zum Beispiel ein Gehweg nicht lange halten. Es geht also nicht nur um die eigentliche Bautätigkeit, sondern auch um die Verantwortung für die gesamte Vorbereitung.

Wie kamen Sie auf den Beruf?
Ich war schon zu Schulzeiten handwerklich begabt und hatte ein Faible dafür, Dinge zu erstellen, die dauerhaft sind. Außerdem habe ich mich immer für Baumaschinen und Großgeräte interessiert. Deshalb passte der Beruf einfach und ich habe mir eine entsprechende Ausbildungsstelle gesucht. Ich freue mich heute noch, wenn ich irgendwo vorbeikomme und etwas sehe, was ich gebaut habe.

Wie ging es nach der Ausbildung weiter?
Ich arbeitete zunächst in der Firma weiter, in der ich die Ausbildung gemacht hatte. Als ich insgesamt vier Jahre als Straßenbauer gearbeitet hatte, überlegte ich, wie ich mich weiterentwickeln könnte. Ich begann dann die Weiterbildung zum Vorarbeiter, also zum Geprüften Polier. Anschließend wechselte ich zu einem Bauunternehmen im hessischen Korbach, weil es meist nicht bei allen Kollegen gut ankommt, wenn ein jüngerer Mitarbeiter, mit dem sie vorher noch auf einer Stufe zusammengearbeitet hatten, auf einmal Vorarbeiter ist. Bei meinem neuen Arbeitgeber konnte ich direkt eine eigene Baustelle betreuen. In diesem Bauunternehmen blieb ich zwei Jahre, bis zum Beginn meines Studiums.

Wie kamen Sie auf die Idee zu studieren?

Meine Krankenkasse informierte in ihrer Mitgliederzeitschrift darüber, wie der Bund mit dem Aufstiegsstipendium das Studium begabter Berufstätiger fördert. Ich habe dann erst einmal im Internet weiter recherchiert und mich intensiver mit dem Thema beschäftigt. Mein nächster beruflicher Schritt wäre die Bauleitung gewesen. Um dorthin zu kommen, muss man Geprüfter Techniker oder Ingenieur sein. Ich erkundigte mich bei einigen Ingenieurbüros, die ich durch unsere Baumaßnahmen kannte. Die empfahlen mir durchweg ein Studium. Da ich durch das Aufstiegsstipendium tatsächlich die Option für ein Studium hatte, bewarb ich mich um das Stipendium und um einen Studienplatz an der FH Erfurt.

Die Zusage für das Stipendium hatten Sie zu dem Zeitpunkt also noch nicht.
Nein, aber das Auswahlgespräch für das Aufstiegsstipendium war sehr angenehm verlaufen und ich hatte einfach ein gutes Gefühl. Als ich dann den Brief mit der Zusage in den Händen hielt, habe ich mich riesig gefreut. Ich war ja berufstätig und hatte bereits einen gewissen Lebensstandard mit einer Immobilie und einem Auto. Dann ist es schwierig, während des Studiums ganz auf ein regelmäßiges Einkommen zu verzichten. Ohne das Aufstiegsstipendium hätte ich nicht studiert.

Ein Ingenieurstudium ist ja nicht ohne. Was hielt Ihr persönliches Umfeld davon?

Ich war der Erste in der Familie, der studierte. Von daher waren meine Eltern schon überrascht. Sie haben sich gefreut, es jedoch auch kritisch gesehen. Da müsse ich mich aber ranhalten, meinten sie. (lacht)

Wie empfanden Sie den Wechsel an die Hochschule?
Das war eine komplett neue Welt für mich. Ich hatte jahrelang ganz fachbezogen gearbeitet. Zu Beginn des Studiums ging es dagegen fast nur um die Grundlagen für ein Ingenieurstudium wie Ingenieurmathematik, Mechanik oder Chemie. Das waren alles Themen, mit denen ich mich zuletzt im zehnten Schuljahr kurz beschäftigt hatte, wenn überhaupt. Die ersten beiden Semester waren deshalb richtig hart für mich. Bei den Klausuren lag ich meist zwischen gut und befriedigend. Danach wurde es immer besser.

Immerhin. Wie konnten Sie die Anfangsschwierigkeiten denn meistern?

Ich hatte mit vier Kommilitonen eine kleine Arbeitsgruppe gebildet. Wir waren wirklich eine gute Gemeinschaft und arbeiteten den neuen Stoff immer zusammen durch. Wenn einer etwas nicht verstanden hatte, wusste es ein anderer. So kamen wir viel schneller voran, als wenn wir allein und ohne Unterstützung über dem Stoff gebrütet hätten. Gemeinsam zu lernen, hat sehr geholfen.

Halfen denn Ihre praktischen Berufserfahrungen?
Etwa ab dem vierten Semester, als es auch um Themen wie Kalkulation oder die Erstellung von Leistungsverzeichnissen ging. Spätestens da wusste ich, dass es die richtige Entscheidung war, Bauingenieurwesen zu studieren.

Ihr Studium haben Sie im vergangenen Jahr erfolgreich abgeschlossen. Wie ging es beruflich weiter?
Ich hätte bei meinem früheren Arbeitgeber als Bauleiter anfangen können. Inzwischen war ich aber Vater geworden und wollte deshalb nicht mehr wochenweise nach Korbach pendeln. Deshalb bewarb ich mich in der Nähe meines Wohnorts und erhielt nach neun Bewerbungen acht Stellenangebote. Da habe ich selbst erlebt, wie sehr Ingenieure in Deutschland gesucht werden. Allerdings stellte sich heraus, dass die Ingenieurbüros mich durchweg als Berufseinsteiger einstufen wollten, ohne meine Berufserfahrung zu berücksichtigen, obwohl diese ja auch bei der Beurteilung von Ausschreibungen hilft. Ich entschied mich deshalb für das Angebot einer Ausführungsfirma. Dort konnte ich sofort zwei Baumaßnahmen in Würzburg und Weimar als Bauleiter übernehmen. Aktuell betreue ich vier Baustellen mit einer Bausumme von jeweils zwei Millionen Euro. Das Ingenieurstudium hat sich also schon jetzt gelohnt.

Was sind Ihre weiteren beruflichen Pläne?

Ich möchte in die Oberbauleitung gehen. Dort würde ich noch mehr Verantwortung für die Kalkulation und Planung übernehmen. In der Firma ist es gerne gesehen, wenn auch ein jüngerer Mitarbeiter bereit ist, mit in die Leitung zu gehen. Ein Master-Studium ist für mich derzeit keine Option. Damit würde ich zwar die Richtung weiter vertiefen, in der ich arbeite. Bei der konkreten Ausführung der Baumaßnahmen würde es mir aber nicht wirklich weiterhelfen.

[Das Interview führte Heinz Peter Krieger)