Landwirtschaft ist Leidenschaft - Interview mit Johannes Erz

Johannes Erz stammt aus dem Landkreis Esslingen und lebt heute in Brandenburg. Nach seinem Hauptschulabschluss absolvierte er erfolgreich die Ausbildung zum Landwirt. Parallel zu seiner anschließenden Berufstätigkeit als Betriebshelfer und Angestellter auf einem Versuchsgut schaffte er den Abschluss zum Staatlich geprüften Techniker. Nach seinem erfolgreichen Studium „Ökolandbau und Vermarktung“ an der Hochschule Eberswalde arbeitet er heute in der Saatgutwirtschaft.

SBB: Warum haben Sie sich nach zwei Jahren Berufserfahrung noch einmal entschieden, ein Studium zu beginnen?

J. E.: Bei mir hat sich das Stück für Stück entwickelt, zu Beginn der Lehre war nicht klar, dass ich den Techniker mache oder gar studiere. Erst 2009, nach dem Techniker, habe ich entschieden, an die Hochschule zu gehen.

Ich habe erst den Hauptschulabschluss auf der Waldorfschule in Nürtingen gemacht. Zur Landwirtschaft kam ich durch das Berufsorientierungspraktikum, das wir in der zehnten Klasse machen mussten. Ich lernte in dieser Zeit einen Betrieb kennen, auf dem ich dann die Lehre gemacht habe. Danach war ich berufstätig und habe parallel zur Arbeit den Techniker für Landwirtschaft an der Akademie für Landbau in Nürtingen gemacht. Damit hatte ich auch die Fachhochschulreife.

SBB: Wo haben Sie nach der Ausbildung gearbeitet?

J. E.: Nach der Ausbildung war ich Betriebshelfer, außerdem habe ich auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in Australien gearbeitet und war auf dem Versuchsbetrieb der Hochschule Nürtingen angestellt. Jetzt, beim Berufseinstieg nach dem Studium, erleichtert mir die große praktische Erfahrung ungeheuer den Zugang zu den Verantwortlichen auf den Betrieben: Man begegnet sich auf Augenhöhe.

SBB: Wie haben Sie Ihren Studienort und den Studiengang ausgewählt?

J. E.: Ich kenne ja den konventionellen Landbau und wollte mehr über den Ökolandbau wissen. Vor allem weil ich glaubte, dass diese Produktionsrichtung für Betriebe in Baden-Württemberg - aus unternehmerischer Sicht - eine Option sein könnte. Ich habe dann gezielt geschaut, wo diese Studienrichtung vertreten ist. Dazu habe ich mir genau die Studien- und Prüfungsordnungen der verschiedenen Studienangebote angeschaut. Übrig blieb für mich die Uni in Kassel-Witzenhausen oder die Hochschule in Eberswalde. Das Studium in Eberswalde hat über die gesamte Studienzeit einen großen Bezug zur Praxis, was zu meiner eher praktischen Neigung einfach besser passt. Ich habe gewusst, dass ich Eberswalde schaffen würde..

Klar, es hätte nahe gelegen, in Nürtingen zu studieren, die Professoren haben mir das auch vorgeschlagen. Die Technikerschule in Nürtingen ist ja in die Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen eingegliedert. Aber ich wollte raus, andere Leute und Gegenden kennenlernen. Den Umzug hier in den Osten habe ich keinen Moment bereut.

SBB: Was war zu Beginn des Studiums schwierig? Wie haben Sie die Hürden gemeistert?

J. E.: Das erste Semester war nicht leicht, ich hatte ja kein Abitur. In den Grundlagenfächern wie Biologie, Chemie und Mathe war es schwierig. Auch die Technikerqualifikation hat mir da nicht so viel geholfen. Ich habe mich deshalb intensiv und zeitaufwändig auf die Prüfungen vorbereitet, viel gelernt. Meine Devise war: Erst mal durchkommen. Die Noten waren zweitrangig, ich wollte bestehen. Denn wenn man einmal Prüfungen nicht bestanden hat, dann muss man in der nächsten Prüfungsphase mehr Prüfungen schreiben, die Prüfungsvorbereitung wird dann umfangreicher und schwieriger, man fängt an zu verschieben und kommt aus dem Takt. Das wollte ich nicht. Es ist dann von Semester zu Semester mit dem Lernen besser gegangen.

SBB: Hatten Sie durch die Ausbildung Vorteile?

J. E.: Ja, vor allem später, im fünften und sechsten Semester, wo es dann wirklich um Landwirtschaft ging, da hat sich das Blatt gewendet. Ich hatte den praktischen Hintergrund und konnte aufspielen, vor allem in mündlichen Prüfungen.

SBB: Was war besonders in Ihrem Studienverlauf?

J. E.: Ich hatte mir vorgenommen, mich in der Hochschule zu engagieren. Im ersten Semester war ich schon Semestersprecher. Dann im zweiten und dritten Studiensemester wurde ich in den Senat der Hochschule gewählt. Die Arbeit dort war sehr lehrreich. Es hat zwar Zeit gekostet, aber ich konnte Verhandlungserfahrungen sammeln, zum Beispiel, meine Meinung zum richtigen Zeitpunkt zu sagen. Das war gut.

SBB: Haben sich Ihre Erwartungen an das Studium erfüllt?

J. E.: Ja, auf alle Fälle. Mit dem Techniker stand ich immer zwischen der Praxis und dem Ingenieur, jetzt habe ich die Möglichkeit, eine Leitungsfunktion zu übernehmen, mein fachlicher Hintergrund ist besser. Ich kann mich auf mehr Stellen bewerben und natürlich sind die Verdienstmöglichkeiten besser.

SBB: Hat Sie das Studium persönlich weitergebracht?
    
J. E.: Ich bin reifer geworden. Das eigenständige Lernen war wichtig für meine persönliche Weiterentwicklung. In Diskussionen und Verhandlungsführung bin ich sicherer geworden. Ich bin auch kritischer geworden.

SBB: Was würden Sie anderen Stipendiatinnen und Stipendiaten für das Studium raten?

  • Setzt euch kleine, machbare Ziele und dann bleibt dran.
  • Steckt Zeit ins Lernen, nehmt das Studium nicht auf die leichte Kappe.
  • Arbeitet die Vorlesungen nach, vor allem am Anfang, im ersten und zweiten Semester.
  • Engagiert euch an der Hochschule, das ist wichtig und bringt was. Man bekommt einen Bezug zu den Professoren, zur Hochschulverwaltung. Oder arbeitet als studentische Hilfskraft, dann lernt man auch die Professoren kennen und das schafft ein anderes Vertrauensverhältnis. Man profitiert vor allem im Berufsleben davon, und auch später, nach der Hochschule, kann man den Kontakt zur Hochschule viel besser halten.
  • Und für die Praktiker einen Tipp: Lasst euch nicht von den Abiturienten rausbringen, die spielen gerade am Anfang in einer anderen Liga, für uns Praktiker geht es aber oft um den Klassenerhalt. Aber wenn man sich machbare Ziele setzt, funktioniert’s.

SBB: Herr Erz, wir danken Ihnen für das Gespräch.