Johannes Eisbrenner: Kenntnisse aus Handwerk und Studium verbinden

Johannes Eisbrenner absolvierte nach der mittleren Reife zunächst eine Ausbildung zum Karosseriebauer. Nach einjähriger Berufstätigkeit und dem Wehrdienst konnte er im selben Ausbildungsbetrieb zusätzlich eine Ausbildung zum Fahrzeuglackierer beginnen, die er als Innungssieger abschloss. Nach einer Weiterbildung zum Staatlich geprüften Farb- und Lacktechniker und Fahrzeuglackierermeister arbeite er zwei Jahre im Technischen Vertrieb eines Lackherstellers. Im Alter von 28 Jahren begann er 2009 das Studium „Integrated Design“ an der Fachhochschule Köln (heute Technische Hochschule Köln), das er 2013 erfolgreich als Bachelor of Arts mit der Gesamtnote 1,4 abschloss. Heute arbeitet er erfolgreich als Designer und Prototypenbauer für ein Unternehmen in Freiberg am Neckar und ist als Dozent für die Handwerkskammer Region Stuttgart tätig.

Herr Eisbrenner, angeblich wählen Jungen gerne Ausbildungsberufe, die mit Autos zu tun haben. War das auch Ihre Motivation, Karosseriebauer und Fahrzeuglackierer zu lernen?
Ich hatte durch meine Brüder, die beide zunächst Kfz-Mechaniker gelernt hatten, einen Bezug zum Thema Auto. Für mich waren jedoch die Karosserien interessanter als die Motoren. Die von Hand gemachte Formgebung, gerade bei der Restauration von Oldtimern, machte mir besonders Spaß. Aus heutiger Sicht habe ich mich damals aber wenig mit meiner Berufswahl auseinandergesetzt. Das Abitur zählte zum Beispiel gar nicht zu meinen vorstellbaren Optionen.

Wieso begannen Sie eine zweite Ausbildung?

Den Beruf des Karosseriebauers und die Ausbildung zum Fahrzeuglackierer gehörten für mich zusammen. Die zweite Ausbildung konnte ich im selben Lehrbetrieb machen und auf anderthalb Jahre verkürzen. In meinem Ausbildungsjahrgang wurde ich sogar Innungssieger.

Anschließend haben Sie sich zum staatlich geprüften Techniker weitergebildet. Was war Ihr Ziel?
Während der zweiten Ausbildung zeigte uns ein Berufsschullehrer einen Film, in dem ein Diplom-Designer Wandapplikationen herstellte. Das war für mich ein Anreiz, mich mit dem entsprechenden Berufsbild auseinanderzusetzen. Damals hatte ich zugegebenermaßen noch eine sehr ‚romantische‘ Sicht auf diesen Beruf. Entscheidend war aber die Erkenntnis, dass die Weiterbildung zum Techniker eine Hochschulzugangsberechtigung mit sich bringen würde. Sie eröffnete mir also mehrere Optionen, auch für ein Studium.

Nach der Techniker-Weiterbildung blieben Sie zunächst im Berufsleben.
Während der Weiterbildung erhielt ich mehrere Jobangebote. Ich entschied ich mich für einen Job im technischen Vertrieb bei einem Lackhersteller mit einem angemessenen Gehalt und Firmenwagen. Ich hatte Spaß an der technischen Beratung und dabei, Menschen bei der Lösung ihrer Probleme zu helfen. Das Anpreisen von Produkten und ‚Umgarnen‘ der Kunden, was ebenfalls zu meinem Aufgabengebiet gehörte, missfielen mir allerdings mehr und mehr. Zu der Zeit lebte ich auf einem umgestalteten Bauernhof mit angrenzender Schreinerei, die ich voll nutzen durfte. Dort fand ich meinen Ausgleich.

Wie kamen Sie auf das Studium an der TH Köln?
Eine WG-Mitbewohnerin aus Köln machte mich auf den Studiengang ‚Integrated Design‘ an der KISD (Köln International School of Design) der TH Köln aufmerksam. Das Studium ist interdisziplinär und für heutige Verhältnisse sehr selbstbestimmt. Der Studiengang bildet in zwölf unterschiedlichen Lehrgebieten alle Facetten des Designs ab, von Produkt- und Grafikdesign bis Ökologie und Gender Design. Ein Grundstudium gibt es nicht, es werden semesterübergreifende kurz-, mittel- und langfristige Projekte gewählt. Zudem gibt es ein großes Angebot an Seminaren und Kursen. Somit haben die Studierenden schon nach dem ersten Semester ganz unterschiedliche Studienverläufe.

Konnten Sie Ihre beruflichen Kenntnisse auch im Studium einsetzen?
Ja, schon ganz zu Anfang. Es wurde ein Kurs ‚Oberfläche und Lackierung im Modellbau‘ angeboten. In der zweiten Studienwoche fragte ich den Rektor, ob ich den Kurs mit meinen handwerklichen und theoretischen Kenntnissen als Lackierer nicht unterstützen könnte. Das führte dazu, dass ich den Kurs ab dem zweiten Semester leitete, als Tutor für die Werkstatt zur Verfügung stand und sie bis zum Ende meines Studiums führte. In der Fachschaft und im Fakultätsrat engagierte ich mich ebenfalls. Die Hochschule war vier Jahre mein Lebensmittelpunkt. Eigentlich habe ich dort gelebt.

Wie war der Sprung vom Handwerker zum Studenten?
Das wissenschaftliche Arbeiten war ich nicht gewohnt. Hausarbeiten zu schreiben, hatte ich auf der Realschule nicht gelernt, und viele Vorlesungen wurden auf Englisch gehalten. Das waren Herausforderungen, die mich in anderer Hinsicht wiederum prägten und weiterbrachten.  Dafür hatte ich im praktischen Bereich mehr Erfahrung. Zu Beginn des Studiums war ich 28, das durchschnittliche Einstiegsalter in dem Studiengang war Anfang 20. Mein beruflicher Hintergrund führte zeitweise dazu, dass ich stärker technisch als gestalterisch dachte. In der Konzeptphase geht es aber darum, frei zu denken, bevor es an die technische Lösungsfindung geht.

Während des Studiums wurden Sie durch das Aufstiegsstipendium unterstützt. Wie hatten Sie davon erfahren?
Nach der Weiterbildung zum Techniker hatte ich bereits Schulden durch das Meister-BAföG. Bei meinen Recherchen zur Studienfinanzierung stieß ich auf die Website der SBB. Ich stellte fest, dass ich die Anforderungen für das Aufstiegsstipendium erfüllte, und bewarb mich um das Stipendium. Während des Studiums empfahl ich das Aufstiegsstipendium zwei Kommilitonen, die es später ebenfalls erhielten. Den Auszubildenden in der Firma, in der ich heute arbeite, rate ich deshalb immer: ‚Gebt in der Ausbildung euer Bestes, es zahlt sich später aus!‘ Schließlich können die Ausbildungsnoten die Voraussetzung für eine Förderung einer Weiterbildung sein.

Sie haben sich dann weiter für das Aufstiegsstipendium engagiert.
Ich habe die Auswahlgespräche und einen Science Slam in Ismaning fotografisch dokumentiert. Für das Studium hatte ich mir eine gute Kameraausrüstung zugelegt und war so in der Lage, für die SBB technisch und gestalterisch gute Bilder zu machen.

Ihr Berufsziel war, selbstständiger Designer zu werden. Haben Sie das Ziel erreicht?
Dank meines Design-Studiums kann ich beruflich heute genau das machen, was mir am besten liegt. Allerdings definiere ich mich mittlerweile eher als Entwickler.
Im Studium stellte ich fest, dass die Gestaltung in den meisten Designbüros heute größtenteils am Computer stattfindet und stark entmaterialisiert ist. Ich wollte aber nicht nur planen, sondern auch Geplantes umsetzen. Das Unternehmen, für das ich tätig bin, ist eine Mischung aus Planungsbüro und breitgefächerter Werkstatt. Hier treffen Konstrukteure, Kaufleute, Architekten, Schreiner, Metallbauer, Theaterplastiker und weitere Gewerke auf einer Fläche von 3000 qm zusammen und arbeiten an Projekten, die weltweit ihren Einsatz finden. Mein Aufgabenschwerpunkt ist der Exponate-Bau. So entstanden beispielsweise Lichtinstallationen aus 1.800 Acrylglasstäben, Wanderausstellungen zum Thema Cabrio oder eine Fischerdorfkulisse für das CHIO-Reitturnier in Aachen. Zurzeit baue ich ein Exponat für die Oldtimermesse in Essen. Es besteht aus allen noch lieferbaren Teilen des legendären Mercedes 300 SL und wird als eine Art Explosionszeichnung dargestellt. So schließt sich der Kreis mit den Autos.

Dozent sind Sie ebenfalls geblieben.
Ich unterrichte im Kurs ‚Der Gestalter im Handwerk‘ an der Handwerkskammer Region Stuttgart. Hier kann ich Inhalte, die ich im Studium erlernt habe, in konzentrierter Form ins Handwerk bringen. Das kommt sehr gut an und ist auch für mich eine wertvolle, interessante Erfahrung.

Ihr Studium haben Sie 2013 erfolgreich mit dem Bachelor abgeschlossen. Wie haben Sie bislang beruflich davon profitiert?
Ich bin gerade an einem Punkt, an dem ich von all meinen Aus- und Weiterbildungen profitiere: von meinen handwerklichen Ausbildungen, von den technischen Kenntnissen aus meiner Weiterbildung und natürlich von meinem Studium. Diese breite Basis an Fähigkeiten lässt mich sein, was meinen Ansprüchen gerecht wird: ein gestaltender Handwerker.


Interview: Heinz Peter Krieger

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