„Ich musste weite Umwege gehen, bis ich studieren konnte“ – Ingenieurin Dariga Kordic über ihr Studium

Dariga Kordic kam mit 16 Jahren aus Thailand nach Deutschland. Die Hauptschule schloss sie nach einem Jahr in Deutschland als Zweitbeste ihrer Klasse ab, verbesserte anschließend in einem Berufsvorbereitungsjahr ihre Sprachkenntnisse und absolvierte eine Ausbildung zur Kraftfahrzeugelektrikerin bei einem großen deutschen Autohersteller im Werk Neckarsulm. An der Abendschule holte sie während ihrer Ausbildung die Mittlere Reife und nach der Ausbildung das Fachabitur nach. Nach zehnjähriger Berufstätigkeit, zuletzt als Entwicklungsfachkraft, nahm sie das Bachelor-Studium „Elektronik und Informationstechnik“ an der Hochschule Heilbronn auf. Das Studium schloss sie im Februar 2014 mit der Gesamtnote 1,7 ab und kehrte als Ingenieurin zu ihrem früheren Arbeitgeber zurück.

Frau Kordic, nach Ihrem Hauptschulabschluss und einem Berufsvorbereitungsjahr absolvierten Sie eine Ausbildung zur Kraftfahrzeugelektrikerin bei einem großen Fahrzeughersteller. Wie entwickelte sich Ihr technisches Interesse?
Ich interessierte mich schon immer mehr für die technische als die kaufmännische Richtung. Meine Lieblingsfächer waren Mathe und Physik. Selbst zu Hause stellte ich mir gerne vor, wie ich am Haus die Elektronik optimieren könnte, etwa die Steuerung der Lichtanlagen oder Jalousien.

Jobs bei den großen Automobilherstellern sind begehrt. Wie haben Sie es geschafft, dort einen Ausbildungsplatz zu bekommen?
Auf jeden Fall nicht wegen meiner Deutschkenntnisse. Ich war erst zwei Jahre vorher nach Deutschland gekommen und meine Deutschkenntnisse waren noch nicht besonders gut. Aber es gab Einstellungstests mit Matheaufgaben oder Aufgaben zum logischen Denken. Den Ausbildungsplatz habe ich wohl dank meiner Geschicklichkeit und meines logischen Denkvermögens bekommen.

Sie sind mit 16 Jahren aus Thailand nach Deutschland gekommen. Was war der Grund?
Meine Eltern dachten wie viele Asiaten, dass die Lebensqualität und Perspektiven in den USA oder in der EU besser seien, vor allem für ihr Kind. In Thailand hätte ich nur noch zwei Jahre bis zum Abitur gehabt und dann studieren können. In Deutschland wurde ich dann, noch ohne die Sprache zu können, in die neunte Klasse der Hauptschule eingestuft. Das war ziemlich hart und ich musste weite Umwege gehen, bis ich schließlich studieren konnte.

Wie fanden Sie sich im deutschen Schulsystem zurecht?
In Thailand gibt es nur eine Schulform, kein getrenntes Schulsystem wie in Deutschland. Man steigt dort nach dem neunten Schuljahr aus oder macht nach zwölf Jahren das Abitur und kann studieren. An der Hauptschule in Deutschland war ich etwas schockiert über das niedrigere Niveau, vor allem in Mathematik. Was ich dort in der neunten Klasse an Stoff hatte, hatte ich in Thailand schon in der fünften oder sechsten Klasse gelernt. Deshalb finde ich es so schade, dass in Deutschland ein Kind, das anfangs nicht so gut in der Schule war, so früh auf die Hauptschule festgelegt wird. Menschen ändern sich vielleicht später und entwickeln sich weiter. Mit dem Hauptschulabschluss müssen sie dann aber weite Wege gehen, um sich verbessern zu können, während andere mit Anfang 20 schon ihren Bachelor haben.

Während der Ausbildung holten Sie an der Abendschule die Mittlere Reife nach und später auch das Fachabitur. Wie konnten Sie Schulabschlüsse und Beruf miteinander vereinbaren?
Das Fachabitur am Abendgymnasium zu machen, war sehr anstrengend. Ich nutzte oft die Zeit in der Mittagspause, um zu lernen oder mich auf Klassenarbeiten vorzubereiten. Wir hatten fünf Tage in der Woche Unterricht, fuhren immer direkt von der Arbeit zur Schule und hatten dann Unterricht bis zehn Uhr abends. ‚Wir‘ sage ich, weil man Mann und ich gemeinsam denselben Weg gegangen sind.

Wie kam es zu dem Wunsch zu studieren?
Ich kam beruflich nicht recht voran, da ich mit meiner Berufsausbildung nicht die Voraussetzungen für meine Wunschposition hatte. Ich wollte mehr Abwechslung und Verantwortung. Auf der Arbeit hatte ich auch täglich Kontakt zu Ingenieuren und sah, dass ich nur ihre Ideen und Vorgaben umsetzen konnte, wenn es etwa ein Problem an einem Fahrzeug gab. Ich fand, dass ich mehr Potenzial hatte, als nur als Elektrikerin in der Werkstatt zu arbeiten, und wollte selbst Probleme lösen können. Ich suchte mir deshalb dann den Studiengang ‚Elektronik und Informationstechnik‘ an der Hochschule Heilbronn aus.

Was sagte Ihr Arbeitgeber zu Ihrer Entscheidung für ein Studium?
Er gab mir eine Wiedereinstellungsgarantie für die Zeit nach dem Studium. Mein damaliger Abteilungsleiter bot mir sogar an, dass ich nach meinem Studium direkt bei ihm vorbeikommen solle, er werde einen Job für mich haben. Das war natürlich toll. Über ein Praktikum konnte ich während des Studiums Kontakt zu meinem Arbeitgeber halten. Ich schrieb auch meine Bachelor-Arbeit dort und konnte nach Abschluss meines Studiums wieder ins Unternehmen zurückkehren.

Wie erfuhren Sie vom Aufstiegsstipendium?

In einer Zeitschrift der der IG Metall gab es einen Artikel über Fördermöglichkeiten zur Weiterbildung. Dort wurde auch das Aufstiegsstipendium vorgestellt. Also informierte ich mich genauer, stellt fest, dass alle Kriterien auf mich passten und bewarb mich.

Wie wichtig war das Stipendium für Ihr Studium?

Ich hätte auch ohne das Stipendium studiert, aber die Leistungen wären nicht so gut gewesen, wie sie waren. Es wäre allein zeitlich sehr schwierig geworden, weil der Studienplan sehr straff war und ich manchmal von 8 bis 20 Uhr an der Hochschule war. Ich hätte also kaum nebenher arbeiten können. Deshalb bin ich für die Förderung wirklich sehr dankbar.

Wie empfanden Sie den Start ins Studium?

Ich hatte vorher zehn Jahre gearbeitet. Deshalb war es eine große Umstellung, relativ passiv und unselbstständig in einer Vorlesung zu sitzen. Am meisten störte mich, dass man nach einer Prüfung erst mal warten musste, bis zum Beispiel die Ergebnisse einer Prüfung kamen. Im Beruf hatte ich dagegen fast jeden Tag Erfolgserlebnisse. Das war schon eine Herausforderung für mich.

Und beim Lernen?
Manchmal dachte ich tatsächlich: Was hast du denn da ausgewählt? Größte Hürde war die Regelungstechnik, aber das scheint Tradition zu haben. Das Fach war für viele meiner Kommilitonen ein Albtraum. Aber ich habe sehr viel gelernt, ich schaffe das dann wirklich über den Fleiß. Und ich habe sehr viel gefragt, etwa die Professoren oder Tutoren – auch unter vier Augen, wenn ich etwas nicht verstanden hatte.

Das Bachelor-Studium haben Sie erfolgreich abgeschlossen. Konnten Sie bereits von Ihrem Studium profitieren?

Seit meiner Rückkehr ins Unternehmen vor einem Jahr habe ich schon zwei Jobangebote bekommen: Mein erster Job war eine tolle Ingenieurstelle, jetzt arbeite ich als Projektplanerin und organisiere die Montage von Fahrzeugmodellen im Ausland. Ohne mein Studium wäre das überhaupt nicht möglich gewesen. Ich habe die Chance, Aufgaben in ganz verschiedenen Abteilungen zu übernehmen, und kann die Welt sehen. Vor Kurzem war ich noch in Brasilien, in der kommenden Woche fliege ich nach Spanien – ich bin wirklich begeistert.


(Das Interview führte Heinz Peter Krieger)