„Der Wunsch, mich weiterzuentwickeln, war immer da“

Fanny Soppa absolvierte nach der Mittleren Reife in Mecklenburg-Vorpommern eine insgesamt fünfjährige Ausbildung zur Erzieherin. Anschließend erlangte sie die Fachhochschulreife und arbeitete zwei weitere Jahren in ihrem Beruf. Gefördert durch das Aufstiegsstipendium studierte sie „Internationale Soziale Arbeit“ an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg. Zu dem Bachelor-Studium gehörten ein Praxissemester und ein Auslandssemester in Uganda. Das Studium schloss sie mit der Gesamtnote 1,2 ab. An der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd schloss sie das Master-Studium „Interkulturalität und Integration“ an (Abschlussnote 1,6). Heute arbeitet Fanny Soppa in einer Erstaufnahmeeinrichtung als Fachbereichsleiterin in der Asylrechtsberatung.

Frau Soppa, Sie sind ausgebildete Erzieherin. War das Ihr Wunschberuf?
Das schon. Allerdings dauert die Ausbildung in Mecklenburg-Vorpommern zusammen mit einer vorgeschalteten Ausbildung zur Sozialassistentin insgesamt fünf Jahre und wird nicht bezahlt. Deshalb begann ich nach der Mittleren Reife eine Ausbildung zur Fachkraft für Lebensmitteltechnik. Der Beruf war aber nicht so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Nach einem Jahr brach ich die Ausbildung ab und ich kehrte zu meinem ursprünglichen Berufswunsch Erzieherin zurück.

Diese Ausbildung passte besser zu Ihnen?
Die Ausbildung als Erzieherin fand ich unheimlich interessant und trug sehr zu meiner persönlichen Reife bei. Sich mit kausalen Zusammenhängen und Zielen in der Erziehung zu beschäftigen, zwingt dazu, auch über sich selbst zu reflektieren.

Wie ging es nach Ausbildung weiter?

Ich erlangte zunächst die Fachhochschulreife, weil ich schon damals gerne weiterkommen wollte. Ein Studium kam aus finanziellen Gründen aber noch nicht infrage. Ich suchte deshalb eine feste Stelle. Das war recht schwierig, weil in Mecklenburg-Vorpommern nur wenige Jobs angeboten wurden und ich in anderen Regionen vor dem Problem stand, dass sich die Ausbildungswege in den Bundesländern stark unterschieden. Ich zog dann aus privaten Gründen nach Baden-Württemberg, war dort zunächst ein halbes Jahr arbeitslos und fand dann doch noch eine Stelle. Die Konditionen waren nicht besonders gut. Aber ich war glücklich, dass ich einen Fuß im Berufsleben hatte.

Studiert haben Sie dann doch noch.

Der Beruf machte mir sehr viel Spaß, aber der Wunsch, mich weiterzuentwickeln, war immer da. Ich wollte gerne im sozialen Bereich bleiben, aber auch international arbeiten. Das war nur mit einem Studium möglich. Deshalb recherchierte ich nach einem Stipendium, das mir ein Studium ermöglichen konnte. Von einer Freundin erfuhr ich vom Aufstiegsstipendium und bewarb mich. Nachdem ich in das Programm aufgenommen worden war, begann ich das Studium.

Wie wählten Sie Ihren Studiengang aus?
Mich interessierte besonders der Studiengang ‚Internationale Soziale Arbeit' an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg. Dafür gab es aber nur acht freie Plätze. Weil der Studiengang in das Studium ‚Soziale Arbeit‘ integriert war, schrieb ich mich zunächst für dieses Fach ein, belegte aber alle Seminare, die für den internationalen Studiengang vorgesehen waren, und absolvierte auch das dafür verpflichtende Auslandssemester. Als einige Studenten aus dem internationalen Studiengang absprangen, konnte ich den Studiengang wechseln. Für das Aufstiegsstipendium musste ich nachweisen, dass ich die erforderlichen Studienleistungen für den internationalen Studiengang erbracht hatte und sich das Studium durch den Wechsel nicht verlängern würde. Dann war der Wechsel aber kein Problem.

Worum geht es in dem Studiengang?
Es geht darum, einen internationalen Blick auf gesellschaftliche Strukturen und soziale Problemlagen zu gewinnen. Das hilft etwa zu verstehen, wie es Migranten in verschiedenen Situationen geht. Um die unterschiedlichen sozialen Lebenslagen nachzuvollziehen, sind die Auslandsaufenthalte wichtig.

Hätten Sie auch ohne Aufstiegsstipendium studieren können?

Es wäre immer mein Wunsch geblieben zu studieren. Aber ich weiß nicht, ob ich ihn hätte in die Tat umsetzen können. Dank des Aufstiegsstipendiums war ich nicht gezwungen, während des Studiums zu jobben, und konnte mich ganz auf das Studium konzentrieren. Ohne das Stipendium hätte ich mir auch nicht die Studiensemester in Uganda leisten können.

Wer organisierte die Auslandsaufenthalte?

Ich schaute mir im Internet auf dem ‚National NGO Board‘ von Uganda die verschiedenen Organisationen und ihre Partnerorganisationen an. Auf diese Weise suchte ich mir zunächst einen Praktikumsplatz für die Semesterferien und absolvierte anschließend mein Praxissemester. Das Praxissemester gefiel mir so gut, dass ich von Uganda aus mit dem International Office meiner Hochschule in Deutschland ein zweites Auslandssemester vereinbarte. Das belegte ich an der Makerere-Universität in Kampala. Die Kurse konnten für mein Studium in Deutschland angerechnet werden.

Wo arbeiteten Sie während des Praxissemesters?

Bei der Hilfsorganisation African Youth Initiative. Sie kümmert sich im Norden Ugandas um Kriegsopfer, die während des Bürgerkriegs von Rebellentruppen misshandelt wurden. Die Organisation unterstützt auch ein Projekt für rekonstruktive Medizin für Frauen, die verstümmelt wurden. Ich hatte dort organisatorische Aufgaben, betrieb Feldforschung und führte Interviews, um den Bedarf für die Hilfsmaßnahmen zu ermitteln. Zum Teil begleitete ich die Frauen auch ins Krankenhaus.

Ihre Erfahrungen aus Uganda konnten Sie für Ihre Bachelor-Arbeit nutzen?

Das ergab sich aus privaten Kontakten. Zu meinem Bekanntenkreis gehörte ein homosexueller Mann, der mir von seiner Situation berichtete. Homosexualität ist in Uganda verboten und wird verfolgt. Meine Bachelor-Arbeit schrieb ich über Organisationen, die in Uganda Homosexuelle unterstützen. Die Initiativen müssen sich dort als Menschenrechtsorganisationen tarnen oder im Verborgenen arbeiten. Die Interviews musste ich deshalb geheim und unter oft abenteuerlichen Bedingungen führen. Ich wollte aber die Motive beider Seiten verstehen, auch derjenigen, die die Diskriminierung ausübt. Ich interviewte deshalb nicht nur Vertreter der Hilfsorganisationen, sondern auch der staatlichen Institutionen und der Kirchen. Es ging mir darum ein Grundwissen zu schaffen, das für Verhandlungen der verschiedenen Seiten nötig ist.

Wie ging es nach dem Bachelor weiter?
Mich interessierte der gesamte Bereich so sehr, dass ich ein Master-Studium anschloss. Ich wollte aber nicht hauptberuflich in die Forschung, sondern mit einem wissenschaftlichen Hintergrund praktisch arbeiten. Deshalb entschied ich mich für den Studiengang ‚Interkulturalität und Integration‘ an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd, der entsprechend ausgerichtet war.

Wenn Sie auf Ihre Zeit in Uganda und auf die aktuelle Situation in Deutschland blicken: Was ist für Sie Voraussetzung für eine gelingende Integration, zum Beispiel von Flüchtlingen?
Ich bin zurzeit Fachbereichsleiterin in der Asylrechtsberatung in einer Erstaufnahmeeinrichtung. Für Integration sind ganz viele Dinge wichtig. Es ist natürlich ein zentraler Punkt, die Sprache zu lernen. Aber dazu müssen auch die Voraussetzungen geschaffen werden. Der Hintergrund und der Bildungsstand der Flüchtlinge sind völlig unterschiedlich. Mit der Forderung nach einer einfachen Anpassung an unsere Lebenswelt ist es nicht getan. Es wird auch darauf ankommen, wie wir mit solch einer Diversität zurechtkommen und wie viel Diversität wir als Gesellschaft aushalten. Migration gab es schon immer, so ist auch unsere Gesellschaft entstanden.

Was sind Ihre weiteren Pläne?
Ich kann mir gut vorstellen, später bildungspolitisch oder kommunalpolitisch tätig zu werden. Meine jetzige Stelle in der Flüchtlingsarbeit ist für mich ein erster Schritt. Den sehe ich aber als große Chance, weil ich es wichtig finde, vorher auch an den Wurzeln gearbeitet zu haben.

(Das Interview führte Heinz Peter Krieger)