Elektroniker promoviert in England: „Dass ich studieren wollte, wusste ich schon auf der Hauptschule“

Foto Ludwig Trotter

Nach seiner Ausbildung zum Elektroniker bildete sich Ludwig Trotter zum staatlich geprüften Techniker weiter und studierte anschließend, unterstützt durch das Aufstiegsstipendium, in Wales. Heute promoviert er zum Thema Internet der Dinge an der Lancaster University in England.

Herr Trotter, was hat Sie an der Ausbildung zum Elektroniker gereizt?
Ich hatte schon als Kind gerne Geräte auseinandergeschraubt. Nach den ersten Schulpraktika war schnell klar, dass ich Elektroniker werden wollte. Per Handschlag hatte ich eigentlich einen Ausbildungsplatz in meinem Heimatort sicher. Der Betrieb entschied sich aber kurzfristig doch für einen Abiturienten und ich stand ohne Ausbildungsstelle da. So kurz vor dem Schulabschluss war es für mich als Hauptschüler nicht leicht, etwas anderes zu finden. Über den Rektor meiner Schule wurde ich dann auf die Stellenanzeige der Ludwig-Maximilians-Universität München aufmerksam und wurde dort genommen.

Welchen Schulabschluss hatten Sie?

Ich besuchte auf der Hauptschule ab der siebten Klasse den sogenannten M-Zug, der in Bayern ermöglicht, die Mittlere Reife zu erreichen. Ich bin Legastheniker, was damals aber nicht aufgefallen oder anerkannt worden war. Das verdarb mir regelmäßig die Noten in Deutsch und anderen Fächern. Deshalb wurde mir auch davon abgeraten, die Fachoberschule zu besuchen. Das war für mich natürlich ausgesprochen demotivierend. Ich hatte sehr gute Lehrer und eine gute Förderung, aber die Hauptschule war für mich der falsche Platz.

Wie war die Ausbildung an der Uni?
Die Ausbildung machte ich zum Elektroniker mit der Fachrichtung Informations- und Telekommunikationstechnik, also zum früheren Fernmeldetechniker. Ich hatte einen unheimlich abwechslungsreichen Arbeitsalltag. Unser Team wartete die Telekommunikationsinfrastruktur an der LMU. Das Netzwerk hatte mehr als 10.000 Teilnehmer, wie eine Kleinstadt. Zusammen mit dem Leibniz-Rechenzentrum betreuten wir darüber hinaus die IT-Netzwerkinfrastruktur der Universität. In meinem Bereich war ich damals der erste und einzige Auszubildende und hatte viele Freiheiten. Ich hatte einen tollen Chef und wurde an der LMU übernommen.

Wie ging es anschließend weiter?

Ich war immer mehr an analytischen Fragen und der IT als an der handwerklichen Seite interessiert .Nach einiger Zeit merkte ich: Wenn ich jetzt nicht den Sprung wage, werde ich mich nicht weiterentwickeln. Deshalb bildete ich mich knapp drei Jahre nach meiner Ausbildung zum staatlich geprüften Techniker für Elektrotechnik weiter. Von der Weiterbildung hatte ich schon während meiner Ausbildung erfahren, weil sich die Technikerschule München im selben Gebäude wie die Berufsschule befand. Mit dem Techniker hatte ich eine sehr gute technische Ausbildung und erlangte gleichzeitig die Fachhochschulreife. In meinem Lehrgang wurde ich sogar Klassenbester und erhielt dafür den Meisterpreis der Bayerischen Staatsregierung.

Fand die Weiterbildung in Voll- oder Teilzeit statt?

Es war eine zweijährige Vollzeit-Weiterbildung mit 36 bis 38 Unterrichtsstunden pro Woche. Die LMU München hat mich für die Zeit freigestellt. Ich bekam Aufstiegs-BAföG und konnte kleinere Nebenjobs in der IT- oder Netzwerkbetreuung übernehmen.

Gingen Sie dann zurück an die LMU?
Als Techniker auf die Gesellenstelle zurückzukehren, konnte ich mir nicht vorstellen. Damit hatte an der Uni auch niemand gerechnet. Ich habe stattdessen direkt ein Studium aufgenommen. Im letzten halben Jahr der Techniker-Weiterbildung hatte ich mich intensiv mit dem Thema beschäftigt. Dass ich studieren wollte, wusste ich eigentlich schon auf der Hauptschule, und hatte es immer Hinterkopf. Nur das Zutrauen war nicht da. Während der Ausbildung an der LMU kam der Gedanke wieder auf. Und als ich mit dem Techniker die nötigen Voraussetzungen für ein Studium erlangt hatte, war die Option da. Danach ging es so schnell, dass ich die Techniker-Abschlussfeier gar nicht mehr miterlebte, weil ich schon zum Studium nach Großbritannien gereist war.

Wie kam es dazu, dass Sie in Großbritannien studierten?
An der Glyndŵr University in Wales konnte ich Studieninhalte aus meiner Techniker-Weiterbildung anerkennen lassen und dadurch das Bachelor-Studium direkt im fünften Semester beginnen. Außerdem bot mir die Hochschule die Möglichkeit, von der Elektrotechnik zur angewandten Informatik zu wechseln, weil meine Vorleistungen aus der Informations- und Kommunikationstechnik anerkannt wurden. Das britische Hochschulsystem ist da flexibler als das deutsche. Den Fachwechsel vollzog ich, weil mir klar war, dass die Telekommunikationstechnik sich immer stärker in Richtung Informatik wandeln würde. Der Studiengang ‚Applied Computing‘, den ich in Wales belegen konnte, schien mir deshalb ideal.

Wie groß war die Umstellung bei dem plötzlichen Studienstart im Ausland?

Es war ein Szenenwechsel, das wollte ich auch. Ich konnte in einer vierwöchigen Summer School starten, hatte dadurch zunächst eine Unterkunft und konnte mich einleben. Das klappte recht gut und ich habe in dieser Zeit auch meine französische Freundin kennengelernt, mit der ich nun seit fünf Jahren zusammen bin (lacht). Der Studieneinstieg selbst fiel mir recht leicht. Das geht vielen Technikern so, weil sie durch ihre Berufserfahrung und die fachliche Vorbildung anders an ein Studium herangehen als die jüngeren Kommilitonen. Der Studienumfang war mit 16 Semesterwochenstunden auch wesentlich geringer als vorher an der Technikerschule. Dafür arbeitet man viel eigenverantwortlicher. Wenn der Wille und das Engagement da sind, schafft man es auch.

Bei Ihrem Studium wurden Sie durch das Aufstiegsstipendium gefördert. Wie hatten Sie davon erfahren?
Das zuständige BAföG-Amt teilte mir vor dem Studium mit, dass ich kein elternunabhängiges BAföG erhalten würde, weil ich nicht die erforderlichen sechs Berufsjahre vorwies. Ich hatte zwar eine dreieinhalbjährige Ausbildung und eine knapp dreijährige Berufstätigkeit als Elektroniker, aber von der Ausbildung wurden mir nur drei Jahre anerkannt. Das war zwar falsch - das wusste ich damals aber nicht. Daraufhin sagte ich mir: Jetzt erst recht, und recherchierte gezielt nach Stipendien. Das Aufstiegsstipendium war das einzige, das zu meiner beruflichen Situation passte und auch ein Studium im Ausland unterstützte. Entdeckt hatte ich es kurz vor Ende der Bewerbungsfrist. Die Bewerbungsvoraussetzungen erfüllte ich und wurde schließlich ins Stipendium aufgenommen.

Sie unterstützen heute selbst Techniker, die studieren wollen.
Nach der Förderung, die ich erhalten hatte, wollte ich etwas zurückgeben und wurde im Techniker Kooperationsverein München aktiv. Hier unterstützen wir unter anderem Techniker, die ein Hochschulstudium im In- oder Ausland beginnen möchten. In den vergangenen Jahren habe ich knapp 90 Techniker-Schüler begleitet, die ein Studium aufgenommen haben. Wegen des stetig zunehmenden Interesses gründen wir aktuell einen fachschulübergreifenden Verbund, das Netzwerk Hochschulstudium für Techniker.

Für Ihr Master-Studium gingen Sie dann zurück nach Deutschland.
Das Studium in Wales lief sehr gut. Ich hatte den besten Abschluss in meiner Fakultät und war umso motivierter, noch mehr zu lernen. Außerdem bekam ich häufiger zu hören, dass mein verkürztes Bachelor-Studium ja nicht viel wert sei. Das wollte ich gerne ausräumen. Ein Master-Studium in Großbritannien dauert allerdings nur ein Jahr, das war mir zu wenig, um wissenschaftlich zu arbeiten. Der Master-Studiengang ‚Mensch-Computer-Interaktion‘ an der LMU München gefiel mir gut, weil ich dort meine bisherigen fachübergreifenden Kenntnisse der Elektrotechnik und Informatik mit meiner Leidenschaft für Design verbinden konnte. Erstaunlicherweise wurde ich nach dem einjährigen Studium in Wales von mehreren Fachhochschulen für ein Master-Studium abgelehnt und erhielt stattdessen ausgerechnet eine Zusage von der LMU, einer der deutschen Top-Unis. Der zuständige Studiengangsleiter verriet mir später auf der Absolventenfeier, dass er beruflich Qualifizierte immer gerne nehme.

Wie lange dauerte das Master-Studium?
Die Regelstudienzeit betrug zwei Jahre, solange bin ich auch durch das Aufstiegsstipendium weitergefördert worden. Ich habe etwas länger studiert, weil der Studiengang sehr flexibel angelegt war und ich zusätzlich einige Forschungsprojekte begonnen und ein Praktikum in Großbritannien absolviert habe, wo ich jetzt auch promoviere. Das Master-Studium habe ich mit der Note 1,24 abgeschlossen.

Wieso gingen Sie zur Promotion zurück nach Großbritannien?
Ein Pflichtmodul im Master-Studium war eine Projektarbeit zu einem aktuellen Forschungsthema zur Mensch-Maschine-Interaktion. Gemeinsam mit unserem Betreuer haben wir die Ergebnisse veröffentlicht und auf einer Konferenz in Finnland präsentiert. Dort wurde ich von einem meiner damaligen Professoren heutigem Zweit-Supervisor angesprochen, der mich als Promotionsstudenten gewinnen wollte. Ich wehrte zunächst ab und sagte: ‚Das geht gar nicht, ich komme von der Hauptschule!‘ Er hatte aber gute Argumente und vermittelte mir später einen Kontakt zu einer Arbeitsgruppe an der Lancaster University in England, einer Partneruni der LMU. Die Arbeitsgruppe ist Teil eines Forschungs-Clusters mehrerer britischer Hochschulen zum Internet der Dinge. Eigentlich war geplant, dass ich für eine Promotion nach München zurückkehre. Jedoch waren sowohl das Promotionsthema als auch meine Arbeitsgruppe in Lancaster für mich einfach perfekt, und so bin ich dort geblieben.

Interview: Heinz Peter Krieger

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