„Das Studium war eine richtige Befreiung“ - Interview mit Harun Rashid

Harun Rashid (Foto: Ole Bader)

Harun Rashid, geboren in Bernau bei Berlin, entschied sich nach der Mittleren Reife für eine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger. Nach neun Berufsjahren an der Landesklinik Teupitz und der Universitätsklinik Rostock studierte er „Gesundheits- und Pflegemanagement“ an der Alice Salomon Hochschule Berlin (ASH) und schloss sein Bachelor-Studium mit der Note 1,1 ab. Anschließend studierte er an der ASH im Master-Studiengang „Management und Qualitätsentwicklung im Gesundheitswesen“ und erhielt für seine Master-Arbeit den Alice-Salomon-Studienpreis.

Herr Rashid, nach der Mittleren Reife haben Sie sich für eine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger entschieden. Wie kamen Sie auf diesen Beruf?
Durch zwei Schülerpraktika in der neunten Klasse und zehnten Klasse. Ich war allerdings schon familiär geprägt, und das Feld Medizin und Pflege war mir nie ganz fremd. Für den Pflegeberuf entschied ich mich, weil ich in meinen Praktika beobachtet hatte, dass Ärzte oft nur wenig Zeit für einen intensiven Kontakt mit den Patienten haben. Der war mir aber besonders wichtig.

Wo haben Sie die Ausbildung absolviert?
In der Landesklinik Teupitz, an der ich auch meine Schülerpraktika und ein freiwilliges soziales Jahr absolviert hatte. Das ist eine neurologische und psychiatrische Klinik, die später privatisiert wurde. Die Hälfte meiner Ausbildung fand in einem städtischen Krankenhaus in Königs Wusterhausen statt. Die Ausbildung gefiel mir sehr gut und ich hatte das Gefühl, das Richtige zu machen.

Was waren Ihre weiteren beruflichen Schritte?
Mit dem freiwilligen sozialen Jahr und der Ausbildung war ich sieben Jahre in der Klinik in Teupitz. Irgendwann wollte ich aus der vertrauten Umgebung einmal ausbrechen und wechselte an die Universitätsklinik in Rostock. Dort arbeitete ich in der forensischen Psychiatrie, also im Maßregelvollzug, und konnte viele neue Erfahrungen in der Psychotherapie und der psychiatrischen Pflege machen. In Rostock blieb ich zwei Jahre.

Fiel dort Ihre Entscheidung für ein Studium?
Daran gedacht hatte ich schon vorher. Nach einigen Jahren wurde ich in meinem Beruf unzufriedener wegen des Personalmangels und der wenigen Zeit, die für die Interaktion mit den Patienten bleibt, aber auch wegen struktureller Problemen in den Einrichtungen. Mit der Zeit wurde deshalb mein Wunsch immer stärker, auch auf das Pflegemanagement Einfluss nehmen zu können.

Wie nahm Ihr Arbeitgeber Ihre Pläne auf?
Sehr wohlwollend. Meine Pflegedienstleiterin sagte sogar, dass sie früher oder später damit gerechnet habe. Meine Arbeitgeber haben mich immer gut unterstützt. Die Landesklinik Teupitz hatte mich bereits vorher auf Möglichkeiten aufmerksam gemacht, sich für Fachweiterbildungen um ein Stipendium zu bewerben. So bin ich auch auf die SBB gestoßen und habe festgestellt, dass die Stiftung nicht nur Weiterbildungen, sondern mit dem Aufstiegsstipendium auch ein Studium fördert.

Sie haben an der Alice Salomon Hochschule Berlin Gesundheits- und Pflegemanagement studiert. Wie empfanden Sie den Wechsel an die Hochschule?
Es war unheimlich aufregend. Da meine Freundin in Rostock studierte, kannte ich zwar aus meinem privaten Umkreis das Studentenleben. Was das Studium anging, wusste ich dagegen überhaupt nicht, was auf mich zukam. Ich hatte aber schnell das Gefühl, ein ganzes Stück Lebensqualität zurückzubekommen. An der Hochschule war ich nun in der Lage, das, was ich jahrelang beobachtet hatte, theoretisch einzuordnen. Das war eine richtige Befreiung.

Fachlich fiel Ihnen der Wechsel also nicht schwer?
Ich hatte schon Sorge, vor allem wegen Mathe und Englisch. Ohne Abitur fehlten mir ja drei Jahre Bildung. An der ASH hatte ich aber viele Möglichkeiten, mich weiterzubilden und Nachhilfen in Anspruch zu nehmen. Ich habe mich also intensiv mit Mathematik beschäftigt und mir Englisch-Lern-CDs gekauft, um meine Defizite zu kompensieren. Und dadurch, dass der Studiengang vier Jahre Berufserfahrung erforderte, hatte ich viele Kommilitonen mit ähnlichem Hintergrund. Meine eigenen Ängste und Zweifel waren rückblickend die größte Hürde.

Das Aufstiegsstipendium kannten Sie ja schon vor Ihrem Studium. Welche Rolle spielte es für Sie?
Es war eine ganz große Unterstützung und Absicherung – auch jetzt noch, wenn ich erlebe, wie viel Bafög einige Freunde und Kollegen zurückzahlen müssen. Das Aufstiegsstipendium habe ich auf der anderen Seite aber auch als große Verantwortung empfunden, weil ich die Mittel, die in mich investiert wurden, rechtfertigen wollte. Studiert hätte ich aber auf jeden Fall, dafür war meine Motivation zu groß.

An Ihren Bachelor haben Sie ein Master-Studium angeschlossen. Mit welchem Ziel?

Mit meinem Einser-Abschluss war ich inzwischen so weit gekommen, dass ich einige Themen noch weiter vertiefen wollte, zum Beispiel Interaktionsarbeit, den Einsatz von Technik in der Pflege oder die Finanzierung von Pflegeeinrichtungen. Da hatte mir das Bachelor-Studium einfach noch nicht gereicht. Das Master-Studium konnte ich zudem direkt an den Bachelor anschließen, weil ich während des Bachelor-Studiums einige Weiterbildungen belegt hatte, die mich in der Warteliste nach vorne brachten.

Was war das Thema Ihrer Master-Arbeit?

Ich habe mich mit dem Thema ‚Ambient Assisted Living‘ beschäftigt, das zurzeit stark diskutiert wird. Dabei geht es um den unterstützenden Einsatz von Technik in der Pflege. In der Master-Arbeit habe ich eine Evaluation über Pflegeassistenzsysteme zur Sturzprophylaxe in Pflegeeinrichtungen durchgeführt und dazu unter anderem Interviews mit Pflegemitarbeitern geführt. Für die Arbeit habe ich den Alice-Salomon-Studienpreis erhalten.

Glückwunsch dafür! Welche beruflichen Pläne verfolgen Sie jetzt?
Im Moment bin ich an mehreren Fronten aktiv. An der ASH habe ich einen Lehrauftrag bekommen und führe Lehrveranstaltungen zu Gesundheitsökonomie und spezieller Betriebswirtschaftslehre durch und begleite Studenten bei Forschungsprojekten. Außerdem bin ich in verschiedenen Pflege- und Bildungseinrichtungen als Dozent für Gesundheits- und Pflegeberufe tätig. Mein drittes Standbein ist eine halbe Stelle als Dozent in einem Ausbildungszentrum für Altenpflege in Berlin. Wo es genau hingeht, kann ich noch gar nicht beantworten, ich möchte die neuen Eindrücke erst einmal sacken lassen. Das Meta-Ziel wäre die Promotion. Aber dafür muss ich dann andere Aufgaben zurückschrauben.

 

Das Interview führte Heinz Peter Krieger.