„Mama, die vergeben Stipendien!“ – Claudia Nickel über ihren Weg von der Bundespost bis zum BWL-Studium

Foto CNickel

Claudia Nickel absolvierte nach der Mittleren Reife eine Ausbildung im mittleren Dienst bei der Deutschen Bundespost und bildete sich später zur staatlich geprüften Betriebswirtin weiter. Nach 14 Jahren weiterer Berufserfahrung, zuletzt als kaufmännische Leiterin eines mittelständischen Industrieunternehmens in Wetzlar, begann sie an der Universität Gießen das Bachelor-Studium „Moderne Fremdsprachen, Kultur und Wirtschaft“ und schloss daran, ebenfalls durch das Aufstiegsstipendium gefördert, das Master-Studium „Interdisziplinäre Studien zum östlichen Europa“ an. Heute ist sie Verwaltungsleiterin bei einem Bildungsträger im Lahn-Dill-Kreis.

Frau Nickel, Sie haben Ihre Ausbildung noch bei der Bundespost absolviert. War das ein Herzenswunsch?
Nein, heute kann ich es gar nicht mehr richtig nachvollziehen. Ende der 1970er-Jahre war das normal: Nach der zehnten Klasse bewarb man sich, wo es mit der Mittleren Reife eben passte. Von der Post bekam ich den Zuschlag für eine Ausbildung im mittleren Dienst und ich bin dort hingegangen. So einfach war das – ohne dass eine Passion dahinter gesteckt hätte.

Wie ging es nach der Ausbildung weiter?
Ich arbeitete zunächst bei der Post in Frankfurt am Main und ließ mich dann in meine Heimat nach Wetzlar versetzen. Nach den Jahren in der Großstadt kam es mir dort aber sehr eng und beamtenmäßig vor. Befördert wurde, wer dran war, nicht wer gut war. Ich war noch nicht mal 30 und fand, dass es das noch nicht gewesen sein kann. Ich entschied mich deshalb für eine zweijährige Fortbildung zur Staatlich geprüften Betriebswirtin an der Fachschule für Betriebswirtschaft in Gießen, in einem Vollzeit-Programm.

Wieso gerade Betriebswirtin?
In Frankfurt kam ich bei der Post einmal vom Schalter weg in die Buchhaltung und merkte, dass ich dort zwar wenig Know-how hatte, mir wirtschaftliche Themen aber lagen. BWL hat mir direkt gefallen und das tut sie bis heute.

Wie kehrten Sie ins Berufsleben zurück?
Ich hatte inzwischen zwei Kinder und fand eine kleine Firma, bei der ich halbtags arbeiten konnte. Wegen eines Führungswechsels ging ich nach vier Jahren zu einem anderen Unternehmen, das wärmetechnische Anlagen herstellt. Ich arbeitete im Einkauf, konnte also auch mein BWL-Wissen einbringen. Als meine Söhne größer wurden, konnte ich die Arbeitszeit nach und nach bis auf eine Vollzeitstelle aufstocken und übernahm schließlich die Leitung des Einkaufs und in den letzten beiden Jahren die gesamte kaufmännische Leitung. Bis zu meinem Studium war ich zehn Jahre in der Firma.

Das klingt nach einer schönen Karriere. Wieso wollten Sie studieren?
Ich wollte nicht noch 25 Jahre in dem gleichen Bereich arbeiten, sondern etwas anderes machen. Ich wusste aber nicht so recht was, da war ich irgendwie betriebsblind. Meine Familie bekam natürlich mit, dass ich unzufrieden war, und als ich einmal nach Hause kam, sagte mein Sohn zu mir: ‚Mama, hast du heute schon Zeitung gelesen? Da steht drin, dass die Stipendien an Erwachsene vergeben.‘ Das war das Aufstiegsstipendium. Ich vermutete erst, dass es nur an Jüngere vergeben würde. Als klar war, dass keine Altersbeschränkung existiert, gab es für mich kein Halten mehr. Ich entschied mich für ein Studium, bewarb mich um ein Stipendium und es ging los.

Los ging es mit dem interdisziplinären Studium ‚Moderne Fremdsprachen, Kultur und Wirtschaft‘ an der Universität Gießen. Was reizte Sie an dem Studiengang?
Die Firma expandierte sehr stark und exportierte in die ganze Welt, etwa in die USA, nach Australien, Asien und Russland. Außerdem hatte ich in der zehnten Schulklasse Russisch gewählt und schon immer ein Faible für die russische Kultur gehabt. Als ich überlegte zu studieren, sollte es etwas mit Russisch, aber auch wieder mit BWL zu tun haben. Die Kombination des Studiengangs war deshalb für mich ideal.

Hat das Studium Ihre Erwartungen erfüllt?
Ich habe es nicht eine Sekunde bereut. Mein fünftes Semester war ein obligatorisches Auslandssemester und ich konnte dadurch sogar ein Semester an der berühmten Lomonossov-Universität in Moskau studieren. Das nimmt mir keiner mehr.

Wie groß war die Umstellung beim Wechsel an die Uni?
Anfangs hatte ich schon etwas Bammel. Ich kam ja mit über 40 an die Uni, und meine Kommilitonen hätten alle meine Kinder sein können. Ich hatte mir aber vorgenommen, mich sehr zurückzunehmen und nicht mit meiner Lebenserfahrung aufzutrumpfen. Ich glaube, dass kam gut an, denn ich bin schnell von allen akzeptiert worden. Die Jungs waren anfangs etwas zurückhaltender, aber auch sie kamen schließlich auf mich zu. Ich hatte wirklich ein tolles Verhältnis zu den anderen Studenten.

Und fachlich?
Es war natürlich etwas ganz anderes als an der Fachschule. Aber ich bin ein sehr ehrgeiziger Mensch und wenn ich etwas anfange, kann ich mich auch darin festbeißen. Bei den Klausuren war ich fast immer vorne mit dabei, meistens mit einer Eins vor dem Komma. Selbst in BWL – das Studium lag mir einfach. Und wenn die Jüngeren feiern gegangen sind, habe ich eher gelernt. Als Partnerbörse brauchte ich die Uni ja nicht mehr. (lacht)

Einen Master wollten Sie trotzdem machen…
Das wurde mir gegen Ende meines Bachelor-Studiums klar, beim Bachelor wollte ich es einfach nicht belassen. Ich informierte auf der Website der Uni Gießen über den Master-Studiengang „Interdisziplinäre Studien zum östlichen Europa“. Während meines Auslandssemesters in Moskau sicherte ich mir noch einen Praktikumsplatz in der deutschen Botschaft in Moskau beim Deutsch-Russischen Forum, denn ich wusste, dass eine Projektarbeit erlassen wird, wenn man ein Praktikum in einem osteuropäischen Land macht. Und so bin ich ein halbes Jahr später für das Praktikum noch einmal nach Moskau zurückgekehrt.

Welche Schwerpunkte hatte das Master-Studium?
Als Hauptfach hatte ich wieder Slawistik gewählt, als Nebenfächer statt BWL aber dieses Mal Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft, um andere Akzente zu setzen. Der Abschluss ist noch ganz frisch. Ich habe ihn vor drei Monaten mit der Note 1,1 geschafft. Darauf bin ich sehr stolz, weil viele am Anfang meines Studiums unkten, dass ich in meinem Alter nicht mehr so gut lerne könne.

Wie geht es nach dem Master weiter?
Ich bin jetzt Verwaltungsleiterin an der Lahn-Dill-Akademie. Dort bin ich verantwortlich für das Personal und die komplette administrative Abwicklung, einschließlich Einkauf, Controlling und Rechnungsprüfung. Also wieder eine sehr kaufmännische Stelle – wie ich es mir gewünscht habe.

(Das Interview führte Heinz Peter Krieger.)

Update 2017: Inzwischen hat Claudia Nickel auf ihrem Berufsweg noch einen weiteren großen Schritt gemacht. Sie hat die Leitung der Administration eines renommierten Forschungsinstitutes mit über 350 Mitarbeitern übernommen. „Ohne die finanzielle Unterstützung des Aufstiegsstipendiums hätte ich kein Studium beginnen können“, sagt Claudia Nickel rückblickend. „Meiner Karriere hat dies einen unglaublichen Schub gegeben.“