Aufstiegsstipendium: Vom Schornsteinfeger zum Architekten

Michael Heiduschka absolvierte nach der Mittleren Reife eine Ausbildung als Schornsteinfeger. Nach seiner Gesellenprüfung und verschiedenen Weiterbildungen begann er, gefördert durch das Meister-BAföG, die Meisterausbildung zum Schornsteinfegermeister. Nach insgesamt sechs Berufsjahren in der Schweiz und in Thüringen studierte Michael Heiduschka Architektur an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden. Sein Bachelor-Studium schloss er 2015 in der Regelstudienzeit ab und begann anschließend das Master-Studium in Architektur, ebenfalls an der HTW Dresden.

Herr Heiduschka, wie sind Sie nach der mittleren Reife auf die Ausbildung als Schornsteinfeger gekommen?
Ich stamme aus Nordthüringen. Dort war die Situation auf dem Arbeits- und Lehrstellenmarkt schwierig, als ich die zehnte Klasse beendet hatte. In unserer Kleinstadt mit etwa 7.000 Einwohnern war es noch so, dass der Schornsteinfeger ortsbekannt und zudem ein Bekannter meiner Eltern war. So kam ich mit meinen Eltern auf diesen Beruf, zumal man ihn überall und in jeder wirtschaftlichen Lage ausüben kann. Ich konnte in einem anderen Schornsteinfegerbetrieb erst ein Praktikum machen und dort anschließend auch meine Ausbildung absolvieren.

Das Image des Berufs ist eher altmodisch. Was gehört heute alles dazu?
Sowohl hoheitliche als auch freie Tätigkeiten. Die hoheitlichen Aufgaben liegen immer beim bevollmächtigten Bezirksschornsteinfegermeister. Das sind zum Beispiel alle Bauabnahmen im Bezirk, soweit sie Heizungen und Schornsteine betreffen, und die wiederkehrenden Prüfungen des Brandschutzes im Rahmen der Feuerstättenschau.

Und die freien Tätigkeiten?
Dazu gehören das Reinigen und Prüfen von Schornsteinen, Öfen oder Räucherkammern, Emissionsmessungen, um den Wirkungsgrad von Heizungen zu ermitteln, und die Überprüfung der Anlagensicherheit, etwa um sicherzustellen, dass kein Kohlenmonoxid austritt und es nicht in zu großen Mengen entsteht. In den vergangenen Jahren ist die Tätigkeit als Energieberater sehr wichtig geworden. Die neuesten wiederkehrenden Tätigkeiten sind Staubmessungen im Milligrammbereich an Holzzentralheizungsanlagen mit speziellen Messgeräten. Altmodisch ist der Beruf also überhaupt nicht.

Wann haben Sie Ihren Meister gemacht?

Damit begann ich unmittelbar nach der Gesellenprüfung. Meine ersten beiden Gesellenjahre verbrachte ich in der Schweiz. Die Aufenthalte zu Hause nutzte ich immer, um schon die ersten Meisterkurse zu besuchen. Den allgemeinen theoretischen Teil belegte ich an der Handwerkskammer Erfurt, die Berufspraxis und Berufstheorie beim gewerkschaftlichen Fachverband für Schornsteinfeger in Erfurt. Die Prüfungen wurden dann an der Handwerkskammer Leipzig abgenommen. Die Meisterausbildung ist so stark aufgeteilt, weil es nur wenige Schornsteinfeger gibt und sich deshalb nicht überall ein Kurs lohnt.

Wie kamen Sie auf die Idee zu studieren?

Mein damaliger Arbeitgeber erkrankte leider schwer und starb auch bald. Ich wechselte zwar noch einmal den Betrieb, zu dieser Zeit gab es aber ohnehin einige Veränderungen und Aufweichungen bei der Bevollmächtigung für die hoheitlichen Aufgaben der Schornsteinfeger. Da ich vorher schon damit geliebäugelt hatte zu studieren, war das ein guter Zeitpunkt, um ein Studium zu beginnen.

Und zwar Architektur …
Als Schornsteinfeger hatte ich ja schon viele tausend Häuser gesehen. Wir gehen durch Hochbauten, machen Rohbau- und Abschlussabnahmen und klettern auch mal aufs Dach (lacht). Dabei stellte ich mir immer wieder die Frage, wie ich das Gebäude wohl gebaut hätte, und entwickelte mein Interesse für Architektur.

Wie empfanden Sie den Wechsel an die Hochschule?

Das Studium fand ich entspannter als die Zeit an der Meisterschule, weil ich dort nach acht oder neun Stunden Arbeit noch zu einem Kurs fahren oder zu Hause lernen musste. Im Vollzeitstudium konnte ich mich stärker auf die neuen Inhalte konzentrieren. Fächer wie technische Mechanik, Statik oder Tragwerksplanung sind natürlich anspruchsvoll und es verzagen viele Studenten im ersten Semester auch schon einmal. Aber ich habe mich intensiv mit dem Stoff auseinandergesetzt und kam damit auch gut zurecht.


Michael Heiduschka mit einem Entwurf für eine Grundschule

Hat die Hochschule Sie dabei unterstützt?
Die Betreuung an der Hochschule war hervorragend. Im ersten Semester waren wir 40 Studenten. Das ist natürlich überschaubar und wir konnten deshalb sehr persönlich betreut werden. Es gab zum Beispiel regelmäßige Einzelgespräche mit dem Professor. Die angebotenen Tutorien habe ich ebenfalls genutzt und dort meine Fragen gestellt. Die Entscheidung, an eine Fachhochschule zu gehen, war für mich genau richtig. Der Stundenplan war sehr klar und das Studium gut organisiert und geregelt.

Wie haben Sie vom Aufstiegsstipendium erfahren?

Nach meiner Gesellenprüfung hatte ich einige Weiterbildungen absolviert, zum Beispiel zu den Themen Asbestschutz, Brandschutz und Gefahrstoffe. Zu der Zeit hatte ich das Weiterbildungsstipendium erhalten. Später sandte mir die SBB auch Informationen zum Aufstiegsstipendium. Dadurch kannte ich das Stipendium bereits und konnte mich um die Förderung bewerben, als klar war, dass ich studieren würde.

Wie wichtig war für Sie die Unterstützung durch das Stipendium?
Ich hatte zwar bei meinem früheren Arbeitgeber Gelegenheit, als Schornsteinfeger zu jobben, durch das Stipendium konnte ich mich aber viel stärker auf das Wesentliche konzentrieren. Meine frühere Arbeitsstelle ist 200 Kilometer von der Hochschule entfernt. Dank der Förderung durch das Aufstiegsstipendium musste ich nicht so viel arbeiten und pendeln, denn das wäre zulasten des Studiums gegangen.

Konnten Sie auch an Seminaren des Aufstiegsstipendiums teilnehmen?
Die Angebote habe ich sehr gerne genutzt. Ich habe zum Beispiel an dem Gedächtnistraining ‚Train the brain‘ und an einer Firmenbesichtigung von Airbus in Hamburg teilgenommen. Zu den Regionaltreffen der Stipendiaten bin ich ebenfalls regelmäßig gegangen. Bei den ‚World Skills‘, den Weltmeisterschaften der Berufe in Leipzig, habe ich auch am Stand der SBB geholfen.

Nach Ihrem Bachelor-Abschluss haben Sie ein Master-Studium begonnen.
Ja, ebenfalls Architektur an der HTW Dresden – diesmal auch ohne Stipendium. Der Bachelor-Abschluss in Architektur ist beruflich nur ein erster Schritt. Um sich selbstständig zu machen und sich in die Architektenkammer eintragen lassen zu können, braucht man neben zwei Jahren Berufserfahrung als Architekt auch den Master-Abschluss. Deshalb war für mich schon während meines Bachelor-Studiums klar, dass ich weiterstudieren wollte. Ob ich mich anschließend noch weiterspezialisieren möchte, werde ich nach dem Master-Studium entscheiden.

 

Das Interview führte Heinz Peter Krieger.