Vom Erzieher zum stellvertretenden Kita-Leiter: „Das Aufstiegsstipendium war Ansporn, das Studium zu schaffen“

Dennis Keim absolvierte nach seinem Hauptschulabschluss drei aufeinander aufbauende Berufsausbildungen: zum Assistenten im Sozialwesen, zum Sozialpädagogischen Assistenten und zum Erzieher. Nach drei Jahren Berufstätigkeit studierte er an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg „Bildung und Erziehung in der Kindheit“. Sein Bachelor-Studium schloss er im April 2015 mit der Gesamtnote 2,0 ab. Heute arbeitet er als stellvertretender Leiter einer Kindertagesstätte beim größten Kita-Träger Hamburgs.

Herr Keim, nach Ihrem Hauptschulabschluss absolvierten Sie gleich mehrere Ausbildungen. Wie kam es dazu?
Zuerst habe ich eine schulische Ausbildung in Sozialwesen gemacht. Das war genau mein Ding: Ich war schon nach dem ersten Halbjahr der Klassenbeste, obwohl ich keinen guten Hauptschulabschluss hatte. Deshalb entschloss ich mich, zunächst die Ausbildung zum Sozialpädagogischen Assistenten, den früheren Kinderpfleger, dranzuhängen und dann auch die Ausbildung zum Erzieher. Insgesamt dauerte meine Ausbildungsphase deshalb sieben Jahre.

Wie entwickelte sich Ihr Berufswunsch? Es wird ja oft beklagt, dass es nur wenige männliche Erzieher gibt.
In der Berufsfindungsphase an der Gesamtschule war ich unter anderem zwei Wochen in einer Kita. Dort gefiel es mir richtig gut. Ich bewarb mich dann bei verschiedenen Kitas um einen Ausbildungsplatz.

Wie war der Berufseinstieg nach Ihren Ausbildungen?
Das war mit meine schönste Zeit. Ich hatte einen 40-Stunden-Vertrag und war endlich fünf Tage in der Woche in der Kita. Dadurch entwickelte sich ein ganz anderer Austausch mit den Kindern, Kollegen und Eltern. Die Projekte und die Verantwortung wurden ebenfalls größer. Ich habe zum Beispiel Gruppenreisen organisiert und eine Integrationsgruppe mitgegründet, um Kinder mit Behinderung aufnehmen zu können.

Sie entschlossen sich dann aber zu studieren.
Die ersten drei Jahre nach der Ausbildung waren unheimlich intensiv. In Gesprächen mit Freunden entwickelte sich immer mehr der Wunsch, dass ich später mal eine Kita leiten wollte. Die Idee fanden alle im Freundeskreis sehr gut. Das war so etwas wie der Auslöser. Wichtig war mir aber, dass ich schon viel in der Praxis gearbeitet, verschiedene Konzepte kennengelernt und viele Erfahrungen mit den Kindern in den Gruppen gemacht hatte. Wer sich für ein Studium entschließt, um später eine Kita zu leiten, sollte bereits tiefe Kenntnisse über die elementare Entwicklung von Kindern haben. Es ist unheimlich wichtig, die Zeichen der Kinder zu verstehen.

Sie entschieden sich für den Studiengang ‚Bildung und Erziehung in der Kindheit‘ an der HAW Hamburg. Warum dieses Studium?
Ich dachte erst, ich müsste Sozialpädagogik studieren, um den notwendigen akademischen Grad zu erlangen, um eine Kita leiten zu können. Auf der Website der Hochschule entdeckte ich dann den relativ neuen Studiengang. Ich habe einen Test an der HAW absolviert, bei dem sich herausstellte, dass dieser viel besser zu mir passte. Unser Studiengang war auf die Arbeit mit Kindern von null bis zwölf Jahren spezialisiert. Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt war Familienberatung.

Was sagte Ihr Arbeitgeber zu Ihrem Studienwunsch?
Das konnten alle gut verstehen. Kita-Leiterin, Kollegen und Eltern waren aber auch traurig. Es war ein privater Träger, der aus einer Elterninitiative heraus gegründet worden war. Ich war der erste Praktikant in der Kita und habe Teile des Konzeptes sowie weitere interne Strukturen mitentworfen. Das Verhältnis war also sehr intensiv und herzlich. Für mich war es natürlich auch eine Frage des Gehalts, als Erzieher verdient man ja nicht wirklich gut.

Wie empfanden Sie den Wechsel an die Hochschule?
Das erste Jahr habe ich richtig gelitten. Ich war gewohnt, mich viel zu bewegen und jeden Tag mit den Kindern rauszugehen. Meine Gruppe habe ich auch sehr vermisst. Jetzt musste ich mich täglich mit neuem theoretischem Input auseinandersetzen und das wissenschaftliche Schreiben lernen. Das lag mir anfangs überhaupt nicht.

Wie haben Sie sich daran gewöhnt?
Es gab an der Hochschule Angebote zum wissenschaftlichen Arbeiten, die ich belegt habe. Vor allem habe ich mich aber vor und nach den Vorlesungen stundenlang in die Hochschule oder die Bibliothek gesetzt und gelesen und gelesen. Außerdem habe ich mir Zeitpläne gesetzt und konsequent eingehalten. Ich brauchte eine strukturierte Arbeitsweise. Dazu kam die Auszeichnung durch das Stipendium. Das war für mich ein zusätzlicher Ansporn, das Studium zu schaffen.

Wie hatten Sie vom Aufstiegsstipendium erfahren?
Im ersten Semester gab es freie Vorlesungen und Seminare von erfahrenen Studierenden für die Erstsemester. Eine Woche lang waren Stipendien das Thema und es wurde der ‚Stipendienlotse‘ im Internet empfohlen. Dort habe ich abends einige Stunden recherchiert, das Aufstiegsstipendium entdeckt und gedacht: ‚Das ist es! ‘.

Wie wichtig war das Stipendium für Ihr Studium?
Ohne das Stipendium hätte ich das Studium nach anderthalb Jahren abbrechen müssen. Mein Vater war sehr stolz, weil ich der Erste in der Familie war, der studierte, und unterstützte mich finanziell etwas. ‚Mehr als Bildung kann ich dir nicht mehr mitgeben‘, sagte er. Als er plötzlich starb, hätte ich mir das Studium ohne das Aufstiegsstipendium nicht weiter leisten können.

Was sind Ihre weiteren beruflichen Pläne?
Ich habe mich noch während meines Studiums beworben und bin jetzt stellvertretender Kita-Leiter beim größten Träger Hamburgs. An ein Master-Studium denke ich derzeit nicht. Das ginge nur im Bereich der sozialen Arbeit und würde mir in meinem Beruf nicht viel bringen. Ich habe erst einmal mein Ziel erreicht, als stellvertretender Kita-Leiter zu arbeiten. Diese Kita würde ich in einigen Jahren auch gerne leiten.

 

(Das Interview führte Heinz Peter Krieger)