Studieren ohne Abi: Mit Zugangsprüfung ins Studium der Tiermedizin

Christoph Andrijczuk arbeitete nach seiner Ausbildung zum Tierpfleger unter anderem mit Greifvögeln, Großkatzen und Elefanten. Nach fünfjähriger Berufstätigkeit erlangte er über die Immaturenprüfung die fachgebundene Hochschulreife und begann ein Studium der Tiermedizin an seiner alten Ausbildungsstelle, der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Das Studium schloss er mit der Gesamtnote 1,2 ab. Ein Internship an einer Tierklinik ermöglicht ihm nun, sich zusätzlich zum europäischen Fachtierarzt zu qualifizieren.

 

Herr Andrijczuk, Tierpfleger zu werden, wünschen sich viele Kinder. Wie haben Sie sich den Wunsch bewahrt?
Ich habe schon als kleines Kind angefangen, Tiere zu züchten und durfte im Elternhaus viele halten, verschiedene Reptilienarten zum Beispiel und später auch Greifvögel. Nach der Mittleren Reife lag eine Ausbildung zum Tierpfleger deshalb nahe. Ich hatte damals schon guten Kontakt zu Pflegern aus dem Zoo und aus Tierzuchtvereinen.

Wie bekamen Sie Ihren Ausbildungsplatz?
Ich hatte mich in Hannover bei einem Tierheim, dem Zoo und der Tierärztlichen Hochschule beworben. Ich bekam drei Zusagen und entschied mich dann für die Ausbildung an der Hochschule, an der ich später auch studiert habe. Ich hatte an allen drei Einrichtungen ein Praktikum gemacht, und an der Tierärztlichen Hochschule hatte es mir am besten gefallen.

Dort blieben Sie bis zu Ihrem Studium?
Nein, ich war erst ein Jahr an der Fachoberschule Agrarwirtschaft, arbeitete dann ein Jahr in der Falkenzuchtstation in Helvesiek und vier Jahr im Zoo Hannover. Dort war ich Großkatzen- und Elefantenpfleger.

Die Hochschulreife erlangten Sie über die Immaturenprüfung. Was ist das für eine Prüfung?

Vor der Prüfung gibt es einen einjährigen Vorbereitungskurs, den ich an drei Abenden in der Woche in der Volkshochschule absolvierte. Die Prüfung findet anschließend an der Hochschule statt, an der man studieren möchte. Sie bestand aus schriftlichen Teilprüfungen in Deutsch, Englisch, allgemeiner und spezieller Biologie und einigen mündlichen Prüfungen. Das Zeugnis galt auch für den Numerus Clausus.

Wie hoch war der NC?
Der lag in der Tiermedizin bei 1,4. Ich hatte eine 1,2 auf dem Zeugnis, konnte also direkt mit dem Studium beginnen.

Wie kam es zu Ihrem Wunsch zu studieren?

Tiermedizin und Biologie hatten mich schon immer unheimlich interessiert. Nach meiner Ausbildung an der Tiermedizinischen Hochschule war bereits der Wunsch da, dort auch zu studieren. Ohne Abitur war nur der Weg dorthin beschwerlicher. Zu den Bedingungen für die Zulassung zur Immaturenprüfung gehört eine fünfjährige Berufstätigkeit. Die hatte ich inzwischen ja hinter mir.

Was hielt Ihr Arbeitgeber von Ihrem Wunsch zu studieren?
Der Direktor des Zoos war da völlig bei mir und fand es toll. Den Kontakt zum Zoo habe ich auch während des Studiums gehalten und bin weiterhin Mitglied im Berufsverband der Zootierpfleger, verfolge das Zoogeschehen also weiter.

Während des Studiums im Zoo jobben konnten Sie aber nicht?
Nein, das Studium der Tiermedizin ist so arbeitsintensiv, dass es kaum möglich ist, nebenher zu arbeiten. Ich kenne einige Kommilitonen, die nebenher gearbeitet haben, die sind in den Prüfungszeiten aber in arge Schwierigkeiten geraten.

Wie konnten Sie das Studium ohne Nebenjob finanzieren?
Ich hatte ein wenig Geld gespart, das aber schnell weniger wurde, und bekam zunächst 400 Euro Bafög. Deshalb war ich sehr froh, als ich im zweiten Semester in das Aufstiegsstipendium aufgenommen wurde.

Wie wichtig war die Unterstützung durch das Stipendium?
Ich kann mir heute gar nicht mehr vorstellen, dass ich das Studium ohne das Stipendium geschafft hätte. Das Studium ist so intensiv, dass die meisten Tiermedizin-Studenten voll von ihren Eltern finanziert werden. Der Tag an der Hochschule beginnt oft schon um sieben Uhr morgens und in den letzten Semestern besteht Anwesenheitspflicht. Wie man ein Tier untersucht, lernt man ja nicht aus Büchern.

Wie empfanden Sie den Wechsel an die Hochschule?
Das war keine so große Umstellung. Es war anfangs zwar sehr theoretisch, aber ich hatte ja die Vorbereitung durch die Immaturenprüfung. Und da ich meine Ausbildung an der Hochschule gemacht hatte, gab es für mich auch keinen großen Kulturschock.

Nun haben Sie das Staatsexamen geschafft. Was sind Ihre beruflichen Pläne?

Ich mache jetzt ein Internship in der größten Tierklinik Norddeutschlands in Norderstedt. Dort rotiere ich ein Jahr lang durch die Abteilungen der Klinik. Darauf folgt dann eine ‚Residency‘. Das ist eine Vollzeitausbildung und Vorbereitung auf die Prüfung zum ‚Diplomate of the European College of Veterinary Surgery‘, so etwas wie der europäische Fachtierarzt für Chirurgie.

Wie kam der Kontakt zur Klinik zustande?

In Norderstedt hatte ich gegen Ende des Studiums ein elfwöchiges Pflichtpraktikums absolviert. Dort gefiel es mir sehr gut und ich überzeugte anscheinend auch die Verantwortlichen. Sie fragten mich anschließend, ob ich bei ihnen nicht das Internship und anschließend die Residency machen möchte. Das hatte mich sehr gefreut. Die europäische Ausbildung ist international anerkannt und noch intensiver als die deutsche Ausbildung zum Fachtierarzt. Als ausgebildeter Diplomate ist man fachlich hochkompetent im Klinikbereich und ebenfalls stark integriert in dem Feld der klinischen Forschung.

(Das Interview führte Heinz Peter Krieger.)