Projektingenieurin Michaela Fraidling: „Ich war die Erste in der Familie, die studierte“

Foto M. F.

Michaela Fraidling absolvierte nach der Mittleren Reife eine Ausbildung zur milchwirtschaftlichen Laborantin. Im Anschluss an die Ausbildung besuchte sie die Berufsoberschule und erlangte damit die fachgebundene Hochschulreife. Später bildete sie sich zur staatlich geprüften Technikerin für Chemie weiter. Nach sechs Berufsjahren, zuletzt als Laborleiterin in einer bekannten Molkerei im Allgäu, bewarb sie sich erfolgreich um ein Aufstiegsstipendium und studierte Lebensmittel- und Verpackungstechnologie an der Hochschule Kempten. Das Bachelor-Studium schloss Michaela Fraidling mit der Note 1,2 ab. Heute arbeitet sie als Projektingenieurin in einer Molkerei in Leutkirch.

Frau Fraidling, nach Ihrer Ausbildung arbeiteten Sie als milchwirtschaftliche Laborantin. Wie kam es zu diesem Berufswunsch?
In der Realschule hatte ich meine Stärken immer in den Fächern Chemie, Physik und Mathe und deshalb auch ein Praktikum als Chemielaborantin in einem Folienunternehmen gemacht. Da mein Eltern einen landwirtschaftlichen Betrieb haben, fand ich es naheliegend, beides zu verbinden und eine Ausbildung als milchwirtschaftliche Laborantin zu beginnen.

Wie sieht die Arbeit als milchwirtschaftliche Laborantin aus?
Die Laboranten ziehen Proben von Rohstoffen, Halbfertigwaren oder Endprodukten und untersuchen sie auf chemisch-physikalische oder mikrobiologische Parameter, zum Beispiel auf die Höhe des Salz- oder Laktosegehalts. Oder wir prüfen, wie viel Wasser, Fett oder Eiweiß das Produkt enthält. Spannend ist vor allem die ganze Mikrobiologie dahinter, etwa zu beobachten, wie Bakterien auf Nährbodenplatten wachsen, was man einem Produkt sonst nicht ansieht. Wir waren quasi die Qualitätssicherer in der Molkerei.

Sie wurden später Laborleiterin bei einer bekannten Molkerei. Wie haben Sie diese Position erreicht?
Nach der Ausbildung wollte ich unbedingt studieren und entschied mich dazu, die Berufsoberschule zu besuchen. Nach erfolgreichem Abschluss stieg ich aus privaten Gründen jedoch wieder in den Beruf als Laborantin ein. Ich begann dann aber eine nebenberufliche Weiterbildung zur Technikerin der Chemie, Fachrichtung Laboratoriumstechnik. Nach einem Jahr als Laborantin konnte ich durch einen glücklichen Zufall eine Stelle als Laborleiterin antreten und mein erlerntes Wissen von der Technikerschule direkt im Beruf anwenden.

Damit hatten Sie schon viel erreicht. Warum entschlossen Sie sich nach sechs Berufsjahren zu einem Studium?
Das Thema hatte mich nie ganz losgelassen, ich hatte ja schon einmal überlegt zu studieren. Wenn Kollegen mich fragten, wie sie sich weiterentwickeln könnten, riet ich ihnen oft zu einem Studium. Dabei merkte ich, dass ich das eigentlich selbst noch wollte. Mit 25 Jahren entschied ich: ‚Jetzt oder nie!‘, damit mich das Thema nicht ein Leben lang verfolgen würde.

Was hielten Ihre Familie und Ihr Arbeitgeber von der Idee?
Meine Mutter und viele Freunde sagten zuerst: ‚Du hast doch einen guten Job.‘ Sie meinte dann aber, dass ich ja schon immer studieren wollte und ich es nun machen solle. Ich war die Erste in der Familie, die studierte. Mein Arbeitgeber fand die Idee sehr gut. Er fand, dass Leute, die nach einer Ausbildung und einigen Berufsjahren studiert haben, oft die besten Führungskräfte sind, weil sie die Arbeit auf allen Ebenen kennen, auch von unten.

Wie haben Sie Ihren Studiengang ausgewählt?
Im Labor hatten wir zwei neuen Aseptik-Linien in Betrieb genommen. Ich fand faszinierend, wie komplex eine Maschine in dem Bereich aufgebaut ist. An der Hochschule Kempten gab es den neuen Studiengang ‚Lebensmittel- und Verpackungstechnologie‘. Der Studiengang passte sehr gut zu meiner damaligen Arbeit, weil er einen generalistischen Ansatz mit Maschinenbau, Verpackungs- und Lebensmitteltechnologie hat.

Das Studium empfanden Sie also nicht als Neuland?
Doch, das Studium war eine ganz andere Welt. Ich fand es aber sogar angenehmer als die Weiterbildung zur Chemietechnikerin, weil ich mir dort alles selbst erarbeiten musste. An der Hochschule hatte ich dagegen Vorlesungen und strukturierte Übungen, deshalb fiel mir im Studium das Lernen leichter. Nur Mathematik war anfangs eine Hürde. In einem Zulassungstest wurde das Wissen aus der Berufsoberschule abgefragt, das ich aber nicht mehr parat hatte. Im zweiten Anlauf habe ich die Prüfung dann geschafft.

Wie erfuhren Sie vom Aufstiegsstipendium?

Schon vor dem Studium. Als mein Bruder seinen Techniker machte, wurde er durch das Weiterbildungsstipendium der SBB gefördert. Ich recherchierte dann weiter, stieß auf das Aufstiegsstipendium, und das passte perfekt zu meinem Lebenslauf.

Welche Bedeutung hatte das Stipendium für Sie?
Das Aufstiegsstipendium war eine sehr große Hilfe. Es ermöglichte mir, mich ganz auf das Studium zu konzentrieren und mich nicht mit der Suche nach Nebenjobs beschäftigen zu müssen. Die Lehrmittel konnte ich ebenfalls leichter finanzieren.

Wie gelang Ihnen nach dem Studium der Wiedereinstieg in den Beruf?
Mein letztes Semester bestand aus Prüfungen, der Bachelor-Arbeit und Bewerbungen. Das funktionierte recht gut, direkt nach Abschluss des Studiums konnte ich als Projektingenieurin bei einer Molkerei in Leutkirch im Allgäu einsteigen. Diese baut gerade das EU-weit größte Werk auf. Dort werde ich Teilprojektleiterin für den Verpackungsprozess und das Pulverhandling begleiten.

Wollen Sie in dem Bereich auch künftig weiterarbeiten?
Das schon, ich kann mir aber auch vorstellen, später wieder eine Führungsfunktion zu übernehmen und Verantwortung für Mitarbeiter zu übernehmen. Das hat mir als Laborleiterin viel Spaß gemacht. Deshalb überlege ich auch, noch einen MBA zu machen.

Ihr Tipp für Berufstätige, die darüber nachdenken, ein Studium zu beginnen?
Wenn sie das im Kopf haben, sollen sie auf jeden Fall studieren. Und zwar das, was ihnen liegt und Spaß macht, dann ist man auch gut darin. Ein Studium ist auf jeden Fall eine Bereicherung fürs Leben.

 

(Das Interview führte Heinz Peter Krieger)