Rechtsanwaltsfachangestellte studiert Wirtschaftsrecht: „Vom Studium profitierte ich schon vor dem Abschluss“

Der Berufswunsch von Nadine Goethe war Rechtsanwältin. Doch als sie mit 16 Jahren schwanger wurde, entschied sie sich für eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten. Nach fast zehn Berufsjahren studierte sie, gefördert durch das Aufstiegsstipendium, berufsbegleitend Wirtschaftsrecht und arbeitet heute als Wirtschaftsjuristin.

Frau Goethe, nach der Mittleren Reife haben Sie eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten absolviert. Woher rührte Ihr Interesse für den juristischen Bereich?
Mein Ziel war sogar ein anderes. Ich war schon immer am Rechtswesen interessiert und wollte unbedingt Rechtsanwältin werden. Aber dann wurde ich mit 16 Jahren schwanger und mein Berufsleben gestaltete sich etwas anders, als ich mir das vorgestellt hatte. Ein Studium war aufgrund der persönlichen Umstände nicht möglich, deshalb suchte ich mir einen anderen Beruf im Rechtssystem.

Kam Ihr Kind noch vor der Ausbildung zur Welt?
Ja. Ich hatte während meiner Schwangerschaft begonnen, eine Ausbildungsstelle zu suchen. Das funktionierte aber nicht. Nach der Geburt meiner Tochter probierte ich es gleich wieder und hatte das Glück, dass in einer Kanzlei gerade eine Bewerberin abgesprungen war und stattdessen ich die Stelle bekam.

Sind Sie nach der Ausbildung im juristischen Bereich geblieben?

Im Rechtswesen war ich eigentlich immer tätig. Nach der Ausbildung ging ich zu einer Kanzlei in Karlsruhe und leitete dort das Sekretariat. Anschließend wechselte ich als Justizangestellte zur Bundesanwaltschaft in Karlsruhe. Während dieser Zeit bildete ich mich an der Rechtsanwaltskammer Karlsruhe zur Rechtsfachwirtin weiter. Nach knapp zwei Jahren zog es mich zurück in die freie Wirtschaft, weil ich wieder eigenständiger und mit mehr Verantwortung arbeiten wollte.

Was erhofften Sie sich von der Weiterbildung zur Rechtsfachwirtin?
Meine Ausbildung hatte ich mit der Note 1,0 abgeschlossen und die Arbeit war mir einfach zu eintönig geworden. Ich wollte mehr. Die Weiterbildung zur Rechtsfachwirtin öffnete mir dann viele Türen. Anschließend konnte ich erst richtig in den Beruf einsteigen. Ich arbeitete in der Rechtsabteilung eines Herstellers von Solaranlagen und konnte als Rechtsreferentin nun selbstständig Fälle bearbeiten. Außerdem hatte ich mit der Weiterbildung die Fachhochschulreife erlangt.

Hatten Sie noch den Wunsch im Hinterkopf, Anwältin zu werden?

Das hatte ich immer. Aber als alleinerziehende Mutter ist das natürlich nicht so leicht. Nachdem mein Arbeitgeber Insolvenz angemeldet hatte, wechselte ich zunächst noch einmal den Arbeitsplatz und ging sozusagen zum Pendant des Solaranlagenherstellers, in die Kerntechnik. Dort arbeitete ich als Projektcontrollerin, aber immer mit Bezug zu vertragsrechtlichen Angelegenheiten. Die Kombination aus rechtlichen und betriebswirtschaftlichen Fragen gefiel mir so gut, dass ich beschloss, nun den Schritt zu wagen und Wirtschaftsrecht zu studieren, um mich auch auf dem Papier Juristin nennen zu können. Ich war lange Zeit auf der Suche nach einem passenden Studiengang. Beim Wirtschaftsrecht gefiel mir gerade die Kombination aus BWL und Jura.

Wie wurde Ihre Entscheidung für ein Studium konkret?
Ich entdeckte zufällig, dass die Fachhochschule für Oekonomie und Management in Mannheim den Studiengang Wirtschaftsrecht berufsbegleitend anbot und das mit Vorlesungszeiten, die ich mit meinem Beruf und einer inzwischen zwölfjährigen Tochter einrichten konnte. Die Vorlesungen fanden immer freitagabends und samstags statt. Das war der entscheidende Punkt, an dem ich sagen konnte: jetzt oder nie.

Sie haben also während des Studiums weitergearbeitet.

Ja, in Vollzeit. Das konnte ich mithilfe meiner Familie organisieren, sonst wäre es nicht möglich gewesen. Deshalb war wichtig, dass die Vorlesungszeiten an der FOM Hochschule so günstig lagen, dass ich das Studium ebenfalls mit einplanen konnte.

Wie war für Sie der Start ins Studium?

Was das Lernen anging, empfand ich es nicht als so großen Schritt. Da halfen mir die Weiterbildung und meine praktischen Erfahrungen. Eine Umstellung war, mich wieder auf den formalistischen juristischen Gutachterstil einzulassen. In der beruflichen Praxis hatte ich diesen schon hinter mir gelassen. Jetzt wurde er wieder verlangt und ich musste damit noch einmal von vorne beginnen. Gedanklich war ich eigentlich schon weiter.

Bei Ihrem Studium wurden Sie durch das Aufstiegsstipendium unterstützt. Wie hatten Sie von dem Stipendium erfahren?
Bei der Fortbildung zur Rechtsfachwirtin war ich über die Rechtsanwaltskammer Karlsruhe durch das Weiterbildungsstipendium gefördert worden. Ich hatte gerade den Entschluss gefasst zu studieren, als ich von der SBB Post mit Informationen zum Aufstiegsstipendium erhielt. Das war wie eine Bestätigung von außen für meine Entscheidung. Ich bewarb mich und wurde kurz vor meinem Studium in das Aufstiegsstipendium aufgenommen. Das hat mir beim Studium enorm geholfen, weil ich in meiner privaten Situation als Alleinerziehende auf jeden Cent angewiesen war.

Seit einigen Monaten sind Sie Bachelor of Laws mit der Abschlussnote 1,6. Profitieren Sie beruflich schon davon?
Im vergangenen Jahr, noch während meines Studiums, habe ich noch mal den Arbeitgeber gewechselt, weil mir die vorherigen Aufgaben zu controllinglastig wurden. Ich wechselte ins Projektmanagement auf eine tolle Stelle als Contract and Claim Managerin mit Schwerpunkt im Vertragsrecht. Das war ideal, weil auch der Schwerpunkt in meinem Studium auf dem Vertragsrecht lag. Ohne das Studium hätte ich den Job nicht bekommen können, trotz meiner praktischen Erfahrungen und der Weiterbildung zur Rechtsfachwirtin. So profitierte ich schon vom Studium, bevor ich es abgeschlossen hatte. Gehaltlich habe ich mich natürlich auch verbessert.

Wenn Sie zurückblicken: Was waren besonders wichtige Schritte in Ihrer bisherigen Laufbahn?
Meine Berufserfahrung ist sehr wichtig, sie kommt auch bei Arbeitgebern sehr gut an. Das im juristischen Bereich benötigte Verhandlungsgeschick hat man meist nicht, wenn die entsprechenden Erfahrungen noch nicht da sind und man frisch von der Uni kommt. Das Studium war dann der krönende Abschluss. Wer ernsthaft über ein Studium nachdenkt, sollte sich direkt dafür entscheiden. Man hat nichts zu verlieren und kann nur gewinnen – und bekommt einen Abschluss, den man heute für viele Positionen benötigt.

Interview: Heinz Peter Krieger