Bäckerin wird Berufsschullehrerin: „Ich mache jetzt genau das, was ich machen wollte“

Nach ihrem Realschulabschluss absolvierte Janina Lüdemann eine Ausbildung zur Bäckerin. Kurz darauf gewann sie den Leistungswettbewerb der niedersächsischen Bäckerjugend. Nach der Weiterbildung an der Bäckerfachschule Hannover zur Bäckermeisterin begann sie 2011 an der Universität Hamburg ein Studium für das Lehramt für Berufsschulen. Nach dem Bachelor-Abschluss folgte, weitergefördert durch das Aufstiegsstipendium, ebenfalls an der Universität Hamburg das Master-Studium, das Janina Lüdemann mit der Gesamtnote 1,5 abschloss. Im Januar 2018 beendete sie erfolgreich ihr Referendariat und unterrichtet nun an einer Beruflichen Schule in Hamburg.

Frau Lüdemann, Sie haben eine Ausbildung zur Bäckerin absolviert und sind dann Berufsschullehrerin geworden. Wie haben Sie denn Ihre eigene Schulzeit in Erinnerung?
Nach der Grundschule und der Orientierungsstufe ging es bei mir in der Realschule eher bergab. Ich war wenig motiviert und habe mir auch nicht viel Mühe gegeben. Deshalb verlief die Schulzeit eher holprig.

Wie kamen Sie darauf, Bäckerin zu werden?
Die Lehrstellensituation war damals viel schwieriger als heute. Mit meinem mittelprächtigen Realschulabschluss hatte ich gar keine besonders guten Chancen, überhaupt eine Lehrstelle zu bekommen. Ich machte verschiedene Praktika und bekam dann eine Zusage von einer Bäckerei. Der Beruf hatte sich also eher aus der Not gegeben, aber das Praktikum und die Ausbildung machten mir sehr viel Spaß. Es war ein kleiner Handwerksbetrieb mit wenigen Maschinen. Dort habe ich das Handwerk noch von der Pike auf lernen können. Es herrschte hoher zeitlicher Druck, aber ich habe viel gelernt.

Sie wurden Landessiegerin beim Leistungswettbewerb in Niedersachsen und schließlich Bäckermeisterin. Waren Sie im Beruf besonders ehrgeizig?
Zu dem Wettbewerb wurde ich eingeladen, weil ich beste Gesellin im Bezirk der Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade geworden war. In der Bäckerfachschule Hannover trafen sich dann die besten Gesellinnen und Gesellen. Wir mussten dort an zwei Tagen ein vorgeschriebenes Programm backen. Anderthalb Jahre später machte ich an der Bäckerfachschule auch meinen Meister. In dem Meisterkurs konnte ich mein Fachwissen und Können noch erweitern und auch die Hochschulzugangsberechtigung erlangen.

Spielten Sie damals schon mit dem Gedanken, später zu studieren?
Der Wunsch entwickelte sich schon an der Berufsschule. Dort war ich unheimlich motiviert, weil alles, was ich lernte, etwas mit meinem Beruf zu tun hatte, der mir sehr viel Spaß machte. Der Unterricht war einfach viel praxisnäher als an der Realschule. Ich merkte schnell, dass es mir Freude macht, Gruppen anzuleiten und zu betreuen. Meine Berufsschullehrerin schlug mir schließlich vor, zu studieren und selbst Berufsschullehrerin zu werden. Ich dachte eine Weile darüber nach, und dann war mir klar, dass ich dazu sehr große Lust hatte.

Was sagten Familie und Freunde zu der Entscheidung?
Ich war die Erste in der Familie, die studierte. Es standen aber alle dahinter und fanden die Entscheidung sehr gut. Im Freundeskreis waren die Reaktionen auch nur positiv, obwohl dort ebenfalls niemand studierte.

Wie war das Studium für das Berufsschullehreramt aufgebaut?
In Hamburg studiert man eine berufliche Fachrichtung, in dem Fall Ernährungs- und Haushaltswissenschaften. Dazu kommen ein Unterrichtswahlfach, bei mir Geschichte, sowie Erziehungswissenschaften. Voraussetzung ist, dass die Studierenden aus einem Beruf im Ernährungszweig kommen oder mindestens ein einjähriges Praktikum absolviert haben.

Wie war der Start ins Studium?

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass das Studium so naturwissenschaftlich geprägt ist. Im Nachhinein ist es mir klar, weil Ernährungswissenschaften viel mit Chemie und Lebensmittelmikrobiologie zu tun haben. Davon hatte ich zuvor noch nicht die richtige Vorstellung. Im naturwissenschaftlichen Bereich brachte ich aus der Realschule eigentlich gar keine Vorkenntnisse mit.

Wie kamen Sie mit den Naturwissenschaften zurecht?
Es war reine Fleißarbeit gefragt. Dann war der Stoff auch gut zu bewältigen. In meinem Studiengang studierte ich außerdem mit 15 Leuten aus dem Ernährungsbereich, mit denen ich während des gesamten Studiums zusammenblieb. Das war natürlich auch hilfreich. Manche Kommilitonen sind jetzt Kollegen von mir.

Wie halfen Ihnen Ihre beruflichen Erfahrungen?
Ich war es gewohnt, unter Zeitdruck zu organisieren. Damit umgehen zu können und gelassen zu bleiben, hilft im Studium und im Referendariat auf jeden Fall. Wirklich stressig fand ich weder das Studium noch das Referendariat. Ich konnte beides immer gut organisieren, auch wenn viel zu tun war.

Sie wurden durch das Aufstiegsstipendium gefördert. Wie hatten Sie davon erfahren?
Nachdem Gewinn des Leistungswettbewerbs hatte ich Post von der Handwerkskammer erhalten, die mir das Weiterbildungsstipendium anbot. Damit konnte ich bereits den Meisterkurs finanzieren. In den Unterlagen zum Weiterbildungsstipendium fand ich auch den Hinweis zum Aufstiegsstipendium. Darauf konnte ich mich kurz vor Beginn des Studiums bewerben, als ich die erforderlichen zwei Jahre Berufserfahrung hatte. Die Zusage für das Aufstiegsstipendium erhielt ich während des ersten Semesters. Am Anfang hatte ich noch Bafög bekommen, das dann entfiel. Das Stipendium war eine sehr große Hilfe, auch weil es einkommensunabhängig ist und ich nebenher noch jobbte.

Vor wenigen Wochen haben Sie Ihr Referendariat abgeschlossen. Wie empfanden Sie diese Zeit?
Ich war an der Gewerbeschule für Bäcker und Konditoren in Hamburg. Dort habe ich festgestellt, dass es gar nicht so darauf ankommt, welches Fach man unterrichtet, sondern dass man den Schülern auf Augenhöhe begegnet und sie so annimmt, wie sie sind. Dann lernen sie auch gerne. Ich war drei Jahre an der Schule. Nach dem Referendariat konnte ich leider nicht bleiben. Aber ich hatte einen tollen Abschied.

Wie ging es nach dem Referendariat für Sie weiter?

Ich unterrichte an einer Beruflichen Schule in Hamburg, die unter anderem die Schwerpunkte Hauswirtschaft und Ernährung hat. An dieser Schule gefällt es mir ebenfalls sehr gut. Ich mache jetzt genau das, was ich machen wollte. Es ist ein schönes Gefühl, endlich angekommen zu sein.

Lehrermangel wird auch an Berufsschulen beklagt. Was ließe sich aus Ihrer Sicht dagegen tun?
Vielen ist die Möglichkeit gar nicht bewusst, sich nach der Ausbildung in diese Richtung weiterzuqualifizieren. Dafür sollte in der Berufs- und Studienorientierung etwa an Berufsfachgymnasien viel stärker geworben werden. Wenn ich nicht von meiner Berufsschullehrerin davon erfahren hätte, wäre ich den Weg wahrscheinlich auch nicht gegangen.

Interview: Heinz Peter Krieger