Alumnus Markus Tacker: Ein Softwareentwickler berichtet über die Zeit nach dem Studium

Markus Tacker gründete bereits als Schüler sein erstes Unternehmen. Nach Abitur und Bundeswehr machte er eine Ausbildung zum Mediengestalter für Digital- und Printmedien, Fachrichtung Operating Non-Print. Anschließend arbeitete er sechs Jahre als Anwendungsentwickler. 2009 entschloss sich Markus Tacker, Medieninformatik an der Hochschule Rhein-Main zu studieren. Unterstützung erhielt er durch das Aufstiegsstipendium. Das Bachelor-Studium schloss er 2012 erfolgreich mit der Gesamtnote 1,5 ab. Nach dem Studium engagierte er sich als CTO (Chief Technology Officer) in mehreren Start-ups und arbeitet inzwischen wieder als freiberuflicher Softwareentwickler. Zudem ist Markus Tacker gefragt als Vortragsredner und Gründungsberater.

Herr Tacker, auf Ihrer Website beschreiben Sie sich als ‚coder by heart‘. Ihre berufliche Laufbahn starteten Sie nach der Schule aber zunächst als Mediengestalter, oder?
Nicht ganz. Ich hatte schon mit 17 Jahren, noch in der elften Klasse, zusammen mit einem Freund mein erstes Unternehmen gegründet. Wir hatten einen Gewerbeschein und entwickelten Webseiten. Nach dem Abi stand ich vor der Wahl, wie es mit dem Unternehmen weitergehen sollte. Wir hatten bereits größere Aufträge, es platzte aber gerade auch die Dotcom-Blase. Ich entschied mich deshalb, eine Ausbildung zum Mediengestalter in der Fachrichtung Operating Non-Print zu machen, um in Krisenzeiten auch einen Abschluss zu haben.

Also eine Ausbildung in der Richtung, die Sie bereits verfolgten.
Genau, die Ausbildung zum Mediengestalter war gerade reformiert worden. In der Ausbildungsklasse waren die wenigen Programmierer noch Exoten. Aber die Ausbildung passte gut zu dem, was ich damals bereits halb professionell machte.

Wie haben Sie es geschafft, während der Schulzeit ein Unternehmen zu führen?
Ein Unternehmen mit zwei Leuten ist ja überschaubar. Wir führten Auftragsarbeiten für Mittelständler und Ärzte aus der Region um Offenbach aus. Wir waren die meiste Zeit mit den Umsetzungen beschäftigt und hatten keine Schulpflicht mehr. Dadurch ließ sich das gut vereinbaren.

Sie arbeiten seit 20 Jahren in wechselnden Projekten. Machen Sie das lieber festangestellt oder als Freelancer?
Das hängt von der beruflichen Phase und den Rollen ab, die man einnimmt. Als ich jünger war, konnte ich sehr viel von Vorgesetzten und Mentoren profitieren. Als Freelancer wird man dagegen ausschließlich für einzelne Projekte gebucht, Fortbildung und die persönliche Weiterentwicklung sind Privatsache. Das muss man als Selbstständiger wissen. In dem technischen Umfeld, in dem ich arbeite, habe ich jetzt kaum noch die Möglichkeit, einen Mentor zu finden, der mir etwas beibringen könnte. Dafür verläuft die technische Entwicklung viel zu schnell. Das heißt, der Erfahrungsvorsprung eines potenziellen Mentors ist nicht mehr da. Dieser Vorteil der Festanstellung fällt jetzt also weg. Außerdem kann ich in meiner Branche als Selbstständiger inzwischen wesentlich mehr verdienen.

Warum wollten Sie trotz der vielen Projekte doch noch studieren?
Nach der Ausbildung arbeitete ich sechs Jahre festangestellt in zwei Unternehmen. Zuletzt war ich leitender Entwickler in einer Firma mit etwa 30 Mitarbeitern. Die von mir entwickelte Technologie verkaufte sich gut an die Kunden, aber das wurde mir zu langweilig, weil ich fachlich nicht mehr weiterkam. Es war für mich kein Platz mehr zu wachsen. Damals begann ich, über ein Studium nachzudenken. Auf einen Hochschulabschluss wird gerade in Deutschland immer noch viel Wert gelegt, auch bei freien Auftraggebern. In der Phase erfuhr ich auch vom Aufstiegsstipendium. Das war ein weiterer Anstoß.

Welche Rolle spielte das Aufstiegsstipendium bei Ihrer Entscheidung?
Eine sehr große. Durch die monatliche Förderung hatten meine Frau und ich keine Sorge um die Grundsicherung, selbst wenn meine Frau arbeitslos geworden wäre. Ohne das Stipendium hätte ich wahrscheinlich nicht die Festanstellung aufgegeben und das Studium begonnen.

Warum wurde es der Studiengang Medieninformatik?
Die reine Informatik war mir zu theoretisch und die Kombination aus Informatik und Design gefiel mir sehr gut. Ich habe das Studium dann auch sehr genossen. Seit ich studiert habe, nehme ich meinen Beruf anders wahr.

Inwiefern?
In der Ausbildung hatte ich gelernt, eine Lösung X auf viele Probleme anzuwenden. Im Studium habe ich erst die Fähigkeit entwickelt, vielfältigere Lösungen in Betracht zu ziehen. Dazu muss man die gesamten Grundlagen dafür kennen, was Software eigentlich ist. Ich habe viele weitere Programmiersprachen kennengelernt, warum es sie gibt und welche Vorteile sie haben. Das hat mich zu einem viel besseren Softwareentwickler gemacht. Und seit ich den Abschluss habe, hat niemand mehr infrage gestellt, ob ich etwas kann. Positiv war auch, dass ich durch das Aufstiegsstipendium eine gewisse Fortschrittskontrolle hatte. (lacht) Das half mir, das Studium in sechs Semestern abzuschließen.

Das Studium hat sich also trotz Ihrer Vorerfahrungen gelohnt?
Auf jeden Fall. Ohne das Studium wüsste ich nicht, wo ich heute stehe, weil ich meinen Kunden jetzt ganz andere Lösungen anbieten kann. In der Kombination mit meiner Berufsausbildung ist das ideal. Ich kann auch jedem empfehlen, eine Ausbildung zu machen und einige Jahre zu arbeiten. Die Erfahrungen sind unheimlich wertvoll – etwa was es heißt, frühmorgens zu einem Kunden fahren zu müssen. Dass in Deutschland die berufliche Ausbildung und meist auch das Studium fast kostenlos sind, ist ein großes Privileg.

Wie ging es nach dem Studium weiter?

Ich habe mich als CTO, also Chief Technology Officer, in einigen Start-up-Unternehmen engagiert. Darunter waren ein Fernbusunternehmen in Offenbach und die gemeinnützige Initiative dotHIV in Berlin. Die Initiative vermarktete die Top Level Domain .hiv an Unternehmen, um mit den Mitteln Projekte für die AIDS-Hilfe zu finanzieren.

Die Gründerszene reizt sie?
Ja, ich habe 2013 auch einen Gründerstammtisch initiiert und mich unter anderem im BarCamp RheinMain engagiert. Zuletzt habe ich immer mehr Gründer betreut. Dabei ging es weniger um die technische Beratung. Wichtig ist das Bewusstsein, dass man Kunden heute kein fertiges Produkt mehr vorsetzen kann, sondern immer ihr Feedback berücksichtigt. Ein Programmierer muss eine Software entwickeln, die zum Unternehmen passt. Dazu muss er auch das Unternehmen verstehen. Das versuche ich weiterzugeben.

(Das Interview führte Heinz Peter Krieger)