Als Schreinerin zum Studium der Innenarchitektur nach Schottland

Rebekka Merget absolvierte nach der mittleren Reife eine Ausbildung zur Tischlerin, machte nach einem ersten Auslandsaufenthalt ihr Fachabitur, um sich für einen Studienplatz in Kommunikationsdesign bewerben zu können. Nach einigen erfolglosen Bewerbungen an deutschen Hochschulen entschied sie sich für ein Studium der Innenarchitektur im schottischen Dundee, für das sie durch das Aufstiegsstipendium gefördert wurde. Im Juni 2017 schloss sie das Bachelor-Studium ab. Seit September 2017 studiert sie im Master-Studiengang ‚Design for Business‘ an der University of Dundee.

Frau Merget, nach der mittleren Reife haben Sie sich für eine Ausbildung zur Tischlerin entschieden. Wie kam es zu diesem Berufswunsch?
Ich hatte mich schon in der Grundschule als einziges Mädchen für den Werkkurs statt für Handarbeiten entschieden. Während der Zeit an der Realschule hatte ich Praktika bei einem Schreiner und einem Elektriker absolviert und mich dann für eine Ausbildung zur Schreinerin entschieden.

Wie haben Sie Ihre Ausbildungsstelle gefunden?

Begonnen hatte ich die Ausbildung sogar ohne Ausbildungsvertrag. Mein erstes Ausbildungsjahr war das Berufsgrundschuljahr an der August-Bebel-Schule in Offenbach. Meine Wunschschreinerei konnte nur einen Auszubildenden pro Lehrjahr aufnehmen, und in anderen Betrieben war es als Mädchen schwierig, eine Ausbildungsstelle zu bekommen. Nach dem ersten Lehrjahr ging ich deshalb für ein Jahr als Au-pair nach London. Das war auch hilfreich, weil ich an der Realschule mit Englisch eher Schwierigkeiten hatte. Anschließend konnte ich in meiner Wunschschreinerei in Hainburg meine Ausbildung weiterführen.

Warum wollten Sie so gerne gerade zu dieser Schreinerei?

Es war ein kleiner Betrieb, in dem noch traditionell viel mit Holz gearbeitet wurde. Ich wusste, dass das in größeren Betrieben, wo mehr größere Maschinen zum Einsatz kommen, nicht unbedingt üblich ist. Aber mir war wichtig, das Handwerk von Grund auf zu erlernen.

Wie ging es nach der Ausbildung weiter?

In der Schreinerei arbeitete nur ein Geselle, der schon viele Jahre dort war. Daher wusste ich, dass die Schreinerei mich nicht übernehmen konnte. Ich ging zu einem größeren Betrieb mit sechs Gesellen und einer funkelnagelneuen CNC-Maschine. In der Kombination mit meiner traditionellen Ausbildung war das auch toll. Nach zwei Jahren im Betrieb ging ich für ein Jahr nach Neuseeland und machte anschließend mein Fachabitur mit dem Schwerpunkt Kunst und Design an der Berufsbildenden Schule in Mainz.

Warum wollten Sie das Fachabitur nachholen?
Ich wollte mich unbedingt weiterbilden und bewarb mich an mehreren Fachhochschulen um einen Studienplatz in Kommunikationsdesign. Einen Platz zu bekommen, ist in Deutschland aber sehr schwierig. Für kreative Studiengänge müssen Bewerber eine Bewerbungsmappe mit Originalarbeiten erstellen, und zwar mit mehreren Monaten Vorlauf. Das heißt, man muss mehrere Bewerbungsmappen erstellen oder kann sich immer nur an einer Hochschule gleichzeitig bewerben. Als das nicht klappte, ging ich zurück in die Schreinerei und wurde für zwei Jahre an die Schreinerei der Universitätsklinik Mainz ausgeliehen. Für mich war das ein guter Umweg, weil ich dort gesehen habe, wie Architektur die Arbeit von den Mitarbeitern beeinflussen kann, und mein Interesse für Innenarchitektur entwickelte.

Studiert haben Sie dann doch noch, und zwar in Großbritannien...

Mein Mann hatte zu der Zeit gerade seinen Bachelor abgeschlossen und wollte seinen Master an der University of Bath machen. Ich bewarb mich gleichzeitig um Studienplätze, die in Großbritannien über ein zentrales System vergeben werden. Nachdem ich zwei Jahre im Land war, bekam ich eine Zusage für den Studiengang ‚Interior Environmental Design‘ an der University of Dundee. Die Uni war auch meine erste Wahl. Bei der Vergabe wurden meine Berufsausbildung und meine Berufserfahrung angerechnet. Dundee hatte außerdem den Vorteil, dass ein Studium in Schottland für EU-Bürger kostenfrei ist. In England hätte ich es mir möglicherweise nicht leisten können.

In ihrer Bachelorarbeit entwickelte Rebecca Merget in Zusammenarbeit mit der Universität ein Konzept für die Neugestaltung eines Institutsgebäudes.

Und auf der fachlichen Seite?
Fachlich war es eine große Umstellung, weil ich eher einen technischen Hintergrund hatte und auch so dachte. Der Studiengang war dagegen sehr konzeptuell. Es ging weniger darum, ein Haus bauen zu können, sondern darum, dass das Konzept stimmt und zum sozialen oder kulturellen Umfeld passt und dass die Bevölkerung mit einbezogen wird. Heute finde ich das sehr interessant, anfangs war es aber schwierig für mich. Dazu kam, dass durch die freundliche Art der Schotten alles sehr freundlich klingt, die Noten dann aber manchmal doch nicht so toll waren wie erwartet. Ich musste lernen, die Nuancen in den Beurteilungen herauszuhören.

Wie haben Sie die Diskussion über den Brexit wahrgenommen?
Briten sind zwar an Politik interessiert, sprechen aber nicht unbedingt darüber. Mir tat es vor allem leid für meine meist jüngeren Kommilitonen, denen jetzt vielleicht die Option genommen wird, im Ausland zu studieren. Die Universitäten leiden sehr unter dem Referendum. An der University of Edinburgh mussten ein Jahr nach dem Referendum über 100 Mitarbeiter entlassen werden, weil nicht mehr genug Studenten kommen. Viele ausländische Mitarbeiter verlassen das Land, wenn sie die Gelegenheit haben, weil die weitere Entwicklung unklar ist. In meiner Klasse hat meines Wissens niemand für den Brexit gestimmt. Es sind allerdings auch viele nicht zur Wahl gegangen.

Während Ihres Auslandsstudiums wurden Sie durch das Aufstiegsstipendium unterstützt. Wie hilfreich war die Förderung?

Das Studium war wirklich intensiv, und ich hätte es nicht geschafft, nebenher noch zu arbeiten. Das Stipendium hatte ich ab dem zweiten Semester erhalten und zuvor bereits festgestellt, dass das Studium auch ohne Studiengebühren sehr kostenintensiv ist, allein durch die hohen Materialkosten. Es war auch sehr schön, durch den internen Newsletter und das StipNet des Aufstiegsstipendiums auf dem Laufenden gehalten zu werden.

Um das Aufstiegsstipendium hatten Sie sich von Schottland aus beworben?
Genau. Die Auswahlgespräche fanden in Ismaning statt, aber ich hatte Glück, weil meine Schwiegereltern in Augsburg wohnen. Von dort aus war es nicht so weit. Dass ich im Ausland studierte, war in dem Gespräch aber gar kein zentrales Thema. Nur bei der Anmeldung sagte jemand: ‚Ach, Sie sind das mit der komischen Adresse.‘ (lacht)

Das Studium konnten Sie vor einigen Monaten mit dem Bachelor abschließen. Was sind Ihre weiteren Pläne?
Ich habe in Dundee  inzwischen ein Master-Studium begonnen. Vor einem Jahr wurden an der Uni der neue Master-Studiengang ‚Design for Business‘ vorgestellt, und die Kursleiterin schlug mich für ein Alumni-Stipendium vor, das ich auch bekommen habe. Dadurch entfallen für mich auch im Master die Studiengebühren. In dem Studiengang geht es um die Anwendung des Konzepts ‚Design Thinking‘, das im Bachelor-Studium schon eine große Rolle spielte, nun mit Schwerpunkt auf der Firmenebene.

(Das Interview führte Heinz Peter Krieger)