„Das Studium war wie ein Auftanken“ – Interview mit Marion Belzner


Marion Belzner arbeitete als Fachkrankenschwester für den Operationsdienst in Nürnberg. Als sich die Möglichkeit eröffnete, ohne Fachabitur zu studieren, begann sie ein Bachelor-Studium in Pflegepädagogik an der Katholischen Hochschule Freiburg. Anschließend schaffte sie auch den Master in „Pflege- und Gesundheitswissenschaften“ an der Universität Halle-Wittenberg. Heute arbeitet sie als Lehrerin an einer Berufsfachschule, ist Lehrbeauftragte an einer Hochschule und bereitet berufsbegleitend ihre Promotion vor. Im Interview beschreibt sie, wie ihr die Studiengänge ganz neue berufliche Möglichkeiten eröffneten und wie das Aufstiegsstipendium sie dabei unterstützte.

Frau Belzner, bevor Sie ein Studium der Pflegepädagogik beginnen konnten, mussten Sie einige Hindernisse überwinden. Was stand Ihnen im Wege?

Ich hatte schon während meiner Ausbildung zur Krankenschwester über Weiterbildungsmöglichkeiten nachgedacht. Mein damaliger Schulleiter erklärte mir aber, dass durch eine Gesetzesänderung die herkömmliche Weiterbildung zur Lehrerin in der Pflege von einem Studium abgelöst werden sollte. Da ich kein Abitur habe, kam das für mich nicht mehr infrage: ohne Fachabitur gab es keine Möglichkeit zu studieren. Durch meinen Beruf mit Schichtdienst sah ich auch keine Möglichkeit, an einer Abendschule teilzunehmen, um das Abitur nachzuholen.

Wie haben Sie es doch noch geschafft, ein Studium zu beginnen?

Baden-Württemberg änderte die Gesetze zur Hochschulzulassung, noch ein Jahr vor Bayern, und wandte die Meisterregelung auch für Pflegeberufe an. Als es möglich wurde, mit einer Fachweiterbildung zu studieren, habe ich mich sofort an der Katholischen Hochschule Freiburg für ein Studium in Pflegepädagogik eingeschrieben.

Wie haben Sie vom Aufstiegsstipendium erfahren?

Ich bekam zwar im ersten Semester Bafög und arbeitete in einer 400-Euro-Stelle im Pflegebereich, ich hatte aber dennoch Probleme, das Studium zu finanzieren. Ein Kommilitone war bereits Stipendiat des Aufstiegsstipendiums und meinte, dass die Kriterien auch auf mich zutreffen müssten. Ich habe mich dann informiert und beworben, bin Runde um Runde weitergekommen und war sehr glücklich, als ich schließlich das Stipendium erhielt. Ich musste nur noch acht bis zehn Stunden in der Woche arbeiten und hatte es durch das Stipendium wesentlich leichter als viele Kommilitonen, die bis zu 30 Stunden in der Woche arbeiteten, um ihr Studium zu finanzieren.

Sie haben inzwischen auch ein Master-Studium abgeschlossen. Hatten Sie von vornherein vor, an Ihr Bachelor-Studium den Master anzuschließen?

Nein, das ergab sich während des Bachelor-Studiums. Dort nahm ich an zwei Forschungsprojekten teil. Sie begeisterten mich so, dass ich mich auch in die Forschungsmethodik einarbeitete und mit zwei Kommilitonen meine Bachelor-Arbeit zu einem Forschungsthema in der Pflegebildung verfasste. Zwei Professorinnen, die gesehen hatten, dass ich ein Faible für die Forschung hatte, ermutigten mich, mich für ein Master-Studium an einer Uni zu bewerben. Das hätte ich mir zunächst gar nicht zugetraut. An eine akademische Karriere hatte ich ursprünglich nicht gedacht. Ich bin angenommen worden und wurde auch während des Master-Studiums durch das Aufstiegsstipendium unterstützt.

Es wird derzeit diskutiert, wie viel Akademisierung die Pflege benötigt. Wie sehen Sie das aus Ihrer praktischen Erfahrung?

Für ein westeuropäisches Land ist die Ausbildung in der Pflege in Deutschland nicht weit entwickelt. Ich glaube, dass sich auch die starke Arztlobby gegen eine Akademisierung in den Pflege- und medizinischen Fachberufen stellt, die es in Frankreich, Belgien, den Niederlande oder Großbritannien ja schon gibt. Dabei will niemand den Ärzten die Therapie oder Diagnostik streitig machen. Aber ein Mensch muss nicht akut krank sein, um dennoch pflegebedürftig zu sein. Und eine pflegerische Ausbildung hat andere Ansätze als der stark naturwissenschaftlich-medizinische Ansatz der Arztberufe. Auch in den Pflegeberufen sind Qualifikationen nötig, die durch eine akademische Ausbildung erworben werden können. Die Absolventen müssten dann auch entsprechend vergütet werden.

Sie haben verschiedene Angebote der Hochschulen kennengelernt. Haben sie die passenden Angebote für Pflegefachkräfte mit Berufserfahrung?

Da ist die Situation auch eher schwierig, weil die Reform der Pflegeberufe noch aussteht, an der sich auch die Hochschulen orientieren müssten. Gerade die Fachhochschulen haben dennoch oft sehr gute Programme für die pflegerische Praxis. Die Universitäten könnten sich mehr darauf konzentrieren, das wissenschaftliche Lehrpersonal für die Hochschulen auszubilden, das ja auch dringend gebraucht wird.

Wem würden Sie empfehlen, nach längerer Berufserfahrung noch ein Studium zu beginnen?

Man muss sich überlegen, wo die eigenen Fähigkeiten liegen, zumal das Studienangebot immer breiter wird. Es muss sich auch nicht jeder, der sich beruflich weiterentwickeln möchte, für ein Studium entscheiden. Es gibt auch sehr gute Fachweiterbildungen. Gerade wenn Leute in die Lehre gehen wollen, ist ein Studium aber sehr gefragt und sinnvoll.

Was war für Sie im Studium die größte Herausforderung?

Ich habe von Anfang an sehr gern studiert. Wer schon etwas älter ist und mehr berufliche Erfahrung mitbringt, weiß es wahrscheinlich auch mehr zu schätzen. Als sehr große Umstellung habe ich das Studium gar nicht empfunden – es war wie ein Auftanken. Die größten Hürden gab es vorher. Als ich studieren wollte und während der Probezeit bei meinem neuen Arbeitgeber nach einer Teilzeitstelle fragte, hat er mich sofort entlassen, weil er in einer akademischen Ausbildung zur Pflegepädagogin keinen Sinn sah. Aber alles, wovor ich gewarnt wurde, traf nicht ein. Ich bekam viel früher Angebote von Arbeitgebern, als ich dachte. Ich hatte schon im dritten Semester eine Festanstellung als Lehrerin und nie Mühe, den beruflichen Anschluss wiederzufinden.

Welche weiteren Pläne haben Sie nach dem Master-Studium?

Ich sehe mich eher in der Lehre. Während des Master-Studiums hatte ich mich entschlossen, anschließend auch zu promovieren, und bin jetzt an einer Universität als Doktorandin angenommen worden. Ich habe einen Lehrauftrag an einer anderen Hochschule und arbeite als Lehrerin an einer Berufsfachschule. Der Kontakt mit Studierenden und Schülern macht mir viel Spaß. Sollte ich weiter in der Forschung arbeiten, dann in der Berufbildungsforschung. Menschen, die sich im Pflegebereich weiterentwickeln wollen, sind eine unheimlich dynamische Gruppe. Sie möchte ich deshalb auch durch Forschungsbeiträge unterstützen. Es wird genügend Stellen für sie geben. Ich hätte mir selbst vor wenigen Jahren nicht vorstellen können, dass ich solch eine berufliche Wendung erleben würde.

(Das Interview führte Heinz Peter Krieger)