„Man kann fast alle Ziele erreichen – auch über Umwege“ – Olja Wellstein über ihr Studium der Gesundheitsökonomie

Olja Wellstein kam 2001 mit knapp 20 Jahren aus Weißrussland nach Deutschland. Weil sie schon gute Deutschkenntnisse mitbrachte, nutzte sie die Gelegenheit einer Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten, die sie als Jahrgangsbeste abschloss. Seit 2008, zwei Jahre nach der Geburt ihres Sohnes, arbeitet sie bei einer Krankenkasse. 2010 begann sie mit Unterstützung ihres Arbeitgebers das Studium „Gesundheitsökonomie im Praxisverbund“ an der Hochschule Ludwigshafen. Das Studium schloss sie 2014 erfolgreich ab.

Frau Wellstein, Sie arbeiten in einer Krankenkasse und haben im vergangenen Jahr Ihr Studium abgeschlossen. Von wem ging die Initiative für das Studium aus?
Den Wunsch zu studieren hatte ich schon lange. Als ich 2008 begann, im Sekretariat der Krankenkasse zu arbeiten, kam schon nach drei Wochen mein Chef auf mich zu, machte mich auf die Möglichkeit eines Studiums bei meinem Arbeitgeber aufmerksam und ermunterte mich, mich dafür zu bewerben.

Wie kam es, dass Ihr Arbeitgeber Ihnen so schnell das Studium anbot?
Meinem Chef ist wohl mein starker Wille aufgefallen und er hat mir vermutlich aufgrund meines Lebenslaufs mehr zugetraut. Ich hatte zum Beispiel bereits in meinem Heimatland Weißrussland ein Studium der Germanistik begonnen.

Das Studium in Weißrussland hatten Sie aber nicht beendet?
Nein, ich ging der Liebe wegen nach Deutschland und wollte mein Studium hier fortführen. Ich stellte dann aber fest, dass mein Abitur in Deutschland nur als Mittlere Reife anerkannt wurde. Das Abitur erhielt ich in Weißrussland nach elf Schuljahren, in Rheinland-Pfalz waren es noch 13 Schuljahre. Damals stand ich vor der Wahl, in mein Heimatland zurückzukehren oder in Deutschland ganz von vorne anzufangen. Ich habe mich für einen Neuanfang entschieden.

Wie haben Sie es dennoch geschafft, in Deutschland zu studieren?

So wie ich die Ziele in meinem Leben oft erreicht habe, über Umwege. In Rheinland-Pfalz konnte man damals schon mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung und zwei Jahren Berufserfahrung studieren. Um die ganzen Formalien und die Einschreibung hat sich dann mein Arbeitgeber gekümmert. Vor dem eigentlichen Studium musste ich noch ein ganzjähriges Betriebspraktikum absolvieren.

Wer entscheidet eigentlich über die Anerkennung ausländischer Schulzeugnisse?
Das ist die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion des Landes Rheinland-Pfalz in Trier. Dorthin hatte ich auch meine Unterlagen geschickt und bekam den negativen Bescheid.

Ihr Studiengang an der Hochschule Ludwigshafen nannte sich ‚Gesundheitsökonomie im Praxisverbund‘. Wie funktioniert solch ein Praxisverbund?

Bei mir und zwei Kommilitoninnen war es das sogenannte Entsendemodell. Innerhalb unseres Kurses gab es auch noch das Ausbildungs- und Rotationsmodell. Für uns bedeutete das, dass wir während des Semesters drei bis vier Tage in der Woche an der Hochschule waren. Bei diesen Veranstaltungen hatten wir auch Anwesenheitspflicht. An den restlichen Tagen der Woche und in den Semesterferien mussten wir arbeiten. Der Mix gefiel mir sehr gut, weil ich weiterhin über die Abläufe im Büro Bescheid wusste, aber gleichzeitig nie aus dem Lernen herauskam. Angenehm fand ich auch, dass die Kurse sich aus normal Studierenden und uns dualen Studenten zusammensetzten. Das war sehr spannend, aber natürlich auch anstrengend.


Was machte das Studium so anstrengend?
Ich hatte vor dem Studium große Bedenken, weil der Studiengang ökonomisch ausgerichtet war. Ich bin eher der sprachliche Typ und musste mich auf einmal mit mathematischen Fächern herumschlagen. Mir fehlten gegenüber den deutschen Kommilitonen ja zwei Jahre Schule. Ich musste deshalb einiges von der Pike auf lernen. Dazu kam der Spagat zwischen Beruf und Familie, weil mein Mann und ich zu Beginn meines Studiums bereits einen dreijährigen Sohn hatten.

Wie haben Sie das Studium trotzdem geschafft?

Ich hatte Ziele, die ich unbedingt erreichen wollte. Während des Studiums habe ich mehrere Bekannte um Nachhilfe gebeten, meinen Mann mit Fragen gelöchert und mich mit Kommilitonen zusammengesetzt, um mir den Stoff erklären zu lassen. Mir sagten viele, dass es ein halbes Jahr dauern würde, bis sich alles eingespielt hat, aber es blieb bis zum Schluss sehr hart. Aber ich hatte viel Unterstützung von Freunden und Familie. Und mit Fleiß klappt es dann.

Konnte die Hochschule Sie unterstützen?
Ich nahm ein Mentorenprogramm der Hochschule in Anspruch, es gab ein Tutorium für Statistik, an dem ich teilnahm – solche Angebote habe ich alle genutzt, sie haben auch sehr weitergeholfen. Die erste Mathe-Klausur habe ich dann gleich mit 1,7 bestanden.

Wie haben Sie vom Aufstiegsstipendium erfahren?

Ich habe erst im zweiten Semester davon erfahren. Die Geschäftsführerin unseres Studiengangs hat die Studierenden mit Berufserfahrung darauf angesprochen. Die Chance wollte ich natürlich nutzen und bewarb mich direkt um das Aufstiegsstipendium. Ich glaube, ich war sogar die erste Studentin an der Hochschule, die es erhalten hat.

Wie sehr hat das Stipendium Ihnen das Studium erleichtert?

Das Stipendium hat im Studium einiges erleichtert und zusätzlich ermöglicht. Wir wurden von unserem Arbeitgeber zwar weiter bezahlt, aber wie Studenten, nicht wie normale Arbeitnehmer. Ich konnte mir zum Beispiel zusätzliche Fachliteratur leisten. Ich hätte gerne auch an mehr Veranstaltungen aus dem Seminarangebot der SBB teilgenommen. Das klappte aber leider nur einmal, beim Seminar ‚Business-Knigge‘ in Bonn. Aber die Kurse sind wirklich hervorragend. Ich kann jedem Stipendiaten nur empfehlen, das Angebot wahrzunehmen. So günstig bekommt man solche Seminare sonst nirgends.

Konnten Sie nach Ihrer Übersiedlung nach Deutschland Hilfen in Anspruch nehmen, etwa einen Sprachkurs?
Nein, ich habe mir praktisch alles selbstständig beigebracht, und da ich in Weißrussland ein Semester Germanistik studiert hatte und vorher auf einer deutschen Schule war, konnte ich mich schon ganz gut verständigen. Da ich einen deutschen Partner hatte, musste ich von Anfang an Deutsch sprechen. Ich habe auch viele deutsche Artikel gelesen, dabei unbekannte Wörter nachgeschlagen, und so habe ich die Sprache recht schnell gelernt. Ich war ganz allein mit zwei Koffern nach Deutschland gekommen. In solch einer Situation hat man einfach die besten Chancen, wenn man die Sprache möglichst schnell lernt und sich gut integriert. Das war bei mir der Fall.

Was sind Ihre weiteren beruflichen Pläne?

Die Zeit nach dem Studium habe ich erst einmal genutzt, um etwas zur Ruhe zu kommen, auch auf Rat meines Vorgesetzten. Für dieses Jahr habe ich mir aber einiges vorgenommen, um mich beruflich weiterzuentwickeln. Jetzt bin ich so weit, wirklich durchzustarten. Als mein Kind geboren wurde, dachte ich, dass es wohl nichts mehr mit einem Studium wird. Aber dann habe ich gelernt: Wenn man will, kann man fast alle Ziele erreichen – auch über Umwege.


(Das Interview führte Heinz Peter Krieger)