„Man sollte nie an den eigenen Fähigkeiten zweifeln“

Andre Stoffel arbeitete als Kfz-Mechatroniker, bevor er Fahrzeugtechnik an der TH Köln studierte. Dass er jemals ein Studium beginnen würde, war für ihn früher undenkbar – ganz anders als für seinen Berufsschullehrer. Mit Unterstützung des Aufstiegsstipendiums schloss er inzwischen das Bachelorstudium mit Bestnoten ab und hat noch weitere Pläne.

Nach der Mittlere Reife haben Sie eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker absolviert. Wie waren Sie auf den Beruf gekommen?
Ich bin auf einem Bauernhof großgeworden. Mein Großvater war Schreiner, mein Vater Landmaschinenmechaniker. Dadurch hatte ich früh Gelegenheit, an allem Möglichen zu schrauben, und war eigentlich schon immer handwerklich orientiert. Ich schaute mir einige Berufe an. Autos fand ich aber mit Abstand am interessantesten, weil hier die technischen Anforderungen besonders breit gefächert sind. Mit meinem Schulabschluss von 3,0 hätte ich mir ohnehin nicht jeden Beruf aussuchen können. Die Ausbildung absolvierte ich in der Niederlassung eines großen deutschen Automobilherstellers in Koblenz, in der Nähe meiner Heimat. Aufmerksam war ich auf die Firma geworden, als sie meine Schule besuchte.

Wie hat Ihnen die Ausbildung gefallen?
Es war die beste Ausbildung, die ich hätte bekommen können. Da es sich um einen großen Automobilhersteller handelte, hatten wir zum Beispiel eine Lehrwerkstatt und einen eigenen Ausbilder. Im sozialen Bereich haben die Auszubildenden ebenfalls viel mehr mitbekommen, als das in einem 20-Mann-Betrieb möglich gewesen wäre, etwa mit Lehrgängen zur Dienstleistungskompetenz oder auf Messen. Ich habe mich auch in der Jugend- und Auszubildendenvertretung engagiert. Die Ausbildung schloss ich mit einem ‚Sehr gut‘ ab und wurde von der IHK Koblenz bei der IHK-Bestenehrung ausgezeichnet.

Wie ging es beruflich für Sie weiter?
Ich wurde unbefristet übernommen. Ich blieb zweieinhalb Jahre als Geselle in dem Unternehmen. Nach etwa einem halben Jahr begann ich mich für Weiterbildungen zu interessieren. Als Kfz-Mechatroniker sind die naheliegendsten Möglichkeiten der Meister, eine Weiterbildung zum Techniker oder ein Studium. Mein Berufsschullehrer war sich schon sicher, dass ich irgendwann studieren würde. Für mich war das damals noch undenkbar. Nach der Mittleren Reife war ich eigentlich überzeugt, nie mehr eine Schule zu besuchen, weil ich mehr Lust hatte zu arbeiten. Ohne die Ausbildung hätte ich niemals den Ehrgeiz für ein Studium entwickelt.

Wieso entschieden Sie sich für ein Studium?
Ich hatte den Eindruck, dass es für Meister nicht so viele Stellen gab und man als Techniker schon in einem ähnlichen Berufsfeld arbeiten würde wie als Ingenieur. Daher wollte ich studieren, was damals mit der Mittleren Reife aber noch nicht ohne Weiteres möglich war. Ich versuchte deshalb, bei meinem Arbeitgeber eine Freistellung für ein Jahr zu bekommen, um in Vollzeit das Fachabitur machen zu können. Das bewilligte mir die Firma nicht, legte mir aber nahe, das Fachabi nebenberuflich in Teilzeit nachzuholen. So habe ich es dann gemacht.

Berufstätigkeit und das Fachabitur konnten Sie gut miteinander verbinden?
Ich ging neben der Arbeit an zwei Abenden in der Woche und jeden zweiten Samstag aufs Abendgymnasium. Mir half, dass ich einen sehr verständnisvollen Serviceleiter mit einem ähnlichen Werdegang hatte, etwa wenn es um die Urlaubsplanung oder die Einteilung der Notdienste ging. Nach dem Fachabi wechselte ich auf die Hochschule. Meinem Vorgesetzten hatte ich das durch die Blume auch angekündigt.

Wie haben Sie den Studiengang ausgewählt?
Ich hatte nach einem Ingenieurstudiengang für Fahrzeugtechnik gesucht. Davon gibt es gar nicht so viele, meist sind es Maschinenbau-Studiengänge mit einem Schwerpunkt in Fahrzeugtechnik. Ich hatte aber Bekannte, die bereits Fahrzeugtechnik an der TH Köln studierten, besuchte dort die Studienberatung und informierte mich über den Studiengang. Es passte alles, zumal die TH Köln auch gut an meinen Heimatort angebunden ist.

Wie war für Sie der Wechsel an die Hochschule?
Ich meldete mich für einen Vorkurs in Mathematik an, weil ich schon vor meinem Fachabi den meisten Respekt vor diesem Fach hatte. Ich kannte ja meine Schulbildung. In dem Vorkurs hatte ich dann mit Rechnungen zu tun, von denen ich vorher noch nie etwas gehört hatte. In der Einführungsveranstaltung hieß es, dass höchstens fünf Prozent der Studierenden das Studium in der Regelstudienzeit schaffen würden und die Hälfte ohnehin nur wegen des Semestertickets eingeschrieben sei. Ich hatte dann aber so tolle Professoren, speziell in Mathe, dass ich ab dem ersten Semester überhaupt keine Bedenken und Probleme mehr hatte. Der Studiengang war sehr anspruchsvoll, aber es gab an der TH eine große Nähe zu den Tutoren und Professoren, die erkannten und honorierten, wenn man den Willen und Ehrgeiz hatte, das Studium zu schaffen. Die Studierenden erfuhren wirklich eine große Wertschätzung.

Sie gehörten auch zum Team bei einem internationalen Akkuschrauberrennen …
In dem Studiengang ist ein interdisziplinäres Projekt in einer Projektgruppe vorgesehen. Mit einigen Kommilitonen hörte ich mich um, welche Projekte möglich waren. Wir waren recht spät dran und es blieben nur noch drei Monate bis zum Rennen, während die anderen Teams bereits seit zwei Monaten konstruierten. Gemeinsam mit Studierenden aus dem Bereich Design mussten wir ein Fahrzeug entwickeln, das nur von einem Akkubohrschrauber angetrieben wurde und auf etwa 30 x 50 x 70 cm zusammengefaltet werden konnte. Die Aufgabe war unheimlich anwendungsbezogen. Das Rennen an der HAWK Hildesheim war ein tolles Erlebnis, auch wenn wir es nicht gewonnen haben. Ich gehörte zum Konstruktionsteam. Als Fahrerin hatten wir eine Kommilitonin in der Gruppe ausgewählt, weil sie zehn Kilogramm leichter war als alle anderen (lacht).

Während Ihres Studiums wurden Sie durch das Aufstiegsstipendium gefördert. Wie hatten Sie von dem Stipendium erfahren?
Ich begann erst im zweiten Semester, nach Stipendien zu recherchieren, weil ich vorher überhaupt nicht an die Möglichkeit gedacht hatte. Dabei stieß ich im Internet auf das Aufstiegsstipendium und stellte fest, dass es genau Menschen mit meinem Werdegang fördert. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass es so etwas gibt und dass es funktioniert.

Wie sehr hat das Stipendium Ihnen beim Studium geholfen?

Ohne das Aufstiegsstipendium wäre alles schwerer geworden und es wäre für mich niemals möglich gewesen, das Studium in der Regelstudienzeit zu schaffen. Damit lagen die Dozenten aus der Einführungsveranstaltung leider richtig.

Ihr Bachelor-Studium haben Sie erfolgreich mit der Note 1,2 abgeschlossen und ein Master-Studium begonnen. Hatten Sie auch überlegt, direkt ins Berufsleben zurückzukehren?
Das Bachelor-Studium machte mir Spaß, und aufgrund meiner Erfahrungen als Fußballtrainer und in der Jugend- und Auszubildendenvertretung kann ich mir sehr gut vorstellen, dass ich später in einer Position mit Personalverantwortung arbeiten möchte. Dafür ist ein Master-Abschluss auf jeden Fall förderlich. Außerdem konnte ich an der TH Köln direkt den Studiengang Automotive Engineering anschließen. Dass ich während des Masters weiter durch das Aufstiegsstipendium gefördert werde, hilft mir natürlich ebenfalls.

Was sind Ihre weiteren beruflichen Pläne?

Zurzeit unterstütze ich als Werkstudent die Testingenieure in der Düsseldorfer Niederlassung eines deutschen Automobilzulieferers. Mit diesen Erfahrungen hoffe ich, nach dem Studium an diesem oder einem anderen Standort des Unternehmens beginnen zu können.

Was raten Sie anderen Berufstätigen, die darüber nachdenken, noch ein Studium zu beginnen?
Man muss sich bewusst sein, dass immer wieder Zweifel aufkommen werden, ob der Weg der richtige ist. Man sollte aber nie die eigenen Fähigkeiten infrage stellen. Wer mit dem nötigen Interesse und Ehrgeiz herangeht, hat oft Menschen einiges voraus, die vielleicht eine bessere Schulbildung haben, denen aber die Motivation für das Studium fehlt.

Interview: Heinz Peter Krieger

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