Studium mit Aufstiegsstipendium: Als Fluggerätmechaniker zum Testingenieur für die Ariane 5

Stefan Grunwald absolvierte nach der Mittleren Reife eine Ausbildung zum Fluggerätmechaniker. Nach gut zwei Jahren Berufserfahrung am Teststand für Triebwerke bei Rolls-Royce Deutschland begann er ein Bachelor-Studium in Maschinenbau an der Hochschule Bremen und schloss daran das Master-Studium Aerospace Technologies an. In beiden Studiengängen wurde er durch das Aufstiegsstipendium gefördert.

Aus einem Projekt an der Hochschule Bremen entwickelte sich der Kontakt zum Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Im September 2014 konnte Stefan Grunwald seine Stelle als Testingenieur beim DLR in Lampoldshausen antreten. In einem Interview berichtet Stefan Grunwald über seine Erfahrungen in Ausbildung, Beruf und Studium.

Herr Grunwald, Fluggerätmechaniker ist nicht gerade ein Alltagsberuf. Wie sind Sie nach der mittleren Reife auf die Ausbildung gekommen?
Das war ziemlich kurios. Ich habe in der Arbeitsagentur eine alphabetische Liste mit Ausbildungsberufen durchgeblättert. Bäcker wollte ich nicht werden, Erzieher auch nicht, aber bei ‚F‘ stieß ich auf den Fluggerätemechaniker und fand, dass das interessant klang. Ich las mir also die Berufsbeschreibung durch und dachte: Das will ich. Vorher hatte ich mit Luftfahrt gar nichts zu tun gehabt.

Welche Aufgaben hat ein Fluggerätmechaniker?
Am ehesten lassen sie sich mit der Arbeit an einem Auto vergleichen, das zur Jahresinspektion muss. Fluggerätemechaniker müssen Funktionstests durchführen, Teile ausbauen, inspizieren und auswechseln. Dabei hat man immer die große Verantwortung im Hinterkopf, dass mit dem Flugzeug später Hunderte von Menschen transportiert werden.

Wie ging es nach der Ausbildung weiter?
Ich wechselte zu Rolls-Royce Deutschland nach Berlin und arbeitete dort auf dem Triebwerksprüfstand. Meine Aufgabe war es, die aus der Produktion kommenden Triebwerke für den Bodentest vorzubereiten, den Test zu unterstützen und anschließend die Triebwerke für den Versand fertig zu machen.

Wann begannen Sie, über ein Studium nachzudenken?
Mir hatten in der dualen Ausbildung der theoretische Teil und das Lernen sehr viel Spaß gemacht. Deshalb überlegte ich schon während der Lehre, das Fachabitur nachzuholen und zu studieren. Mein Ausbilder und mein Berufsschullehrer motivierten mich hierzu. Mein Berufsschullehrer sagte zu mir: ‚Wenn du es versuchst und scheiterst, weißt du, wo deine Grenzen liegen. Wenn du es nicht versuchst, wirst du dich dein Leben lang fragen, ob du es geschafft hättest.‘ Zu der Zeit hatte ich aber schon die Zusage für die Stelle bei Rolls-Royce auf dem Teststand und ging zunächst dorthin.

Dort entwickelten Sie Ihre Pläne aber weiter.
Ja, weil ich merkte, dass mir das Lernen fehlte. Außerdem lernte ich die Arbeit eines Testingenieurs kennen und mir war schnell klar, dass ich das später machen wollte. Ich wollte für die Tests selbst verantwortlich sein. Deshalb entschloss ich mich nach einem Jahr endgültig, das Fachabitur nachzuholen. Dabei unterstützte mich mein Arbeitgeber sehr. Ich hatte flexible Arbeitszeiten, konnte morgens zur Schule gehen und nachmittags und abends zur Arbeit kommen. Für diese Unterstützung bin ich dem Unternehmen sehr dankbar. Während meines Studiums kehrte ich später noch einmal für ein Praxissemester zu Rolls-Royce zurück, damit der Kontakt nicht abreißt.

Das Fach Maschinenbau hat eine hohe Abbrecherquote. Warum haben Sie sich dennoch dafür entscheiden?
Die Studienrichtung wählte ich im Hinblick auf mein Berufsziel Testingenieur aus und schrieb mich deshalb an der Hochschule Bremen für Maschinenbau mit Vertiefungsfach Luft- und Raumfahrttechnik ein. Von der Abbrecherquote erfuhr ich zum Glück erst hinterher.

Wie empfanden Sie den Start ins Studium?
Es war schon ziemlich anspruchsvoll und es gab Fächer, in denen mit Durchfallquoten von 50 Prozent sprichwörtlich ausgesiebt wurde, zum Beispiel in Thermodynamik, Mechanik und Mathematik. Dabei hatte ich vor Mathematik gar keine Sorge gehabt, weil ich das Fach beim Abitur im Kolleg mit einer Eins abgeschlossen hatte. Ich dachte, dass mir hier erst einmal nichts passieren könnte. Das Gefühl hielt im Studium dann genau 45 Minuten an – dann war der Stoff aus dem Fachabitur schon durch.

Die Phase haben Sie aber gemeistert.
Ich hatte mein Ziel vor Augen, Testingenieur zu werden. Und ich hatte den Satz meines Berufsschullehrers im Hinterkopf, dass ich meine Grenzen kennenlernen müsse. Allerdings wollte ich diese nicht schon im ersten Semester erreichen. Also habe ich die Zähne zusammengebissen und mich dahintergeklemmt. Geholfen hat mir, dass ich nicht der Einzige in der Situation war. An der Fachhochschule gab es viele Kommilitonen mit einem ähnlichen Bildungsweg wie ich, sodass viele auch die gleichen Probleme hatten.

Wie haben Sie vom Aufstiegsstipendium erfahren?
Meine Lehre hatte ich mit Sehr gut abgeschlossen und ich wurde zu einer Berufsbestenehrung der IHK Lüneburg eingeladen. Bei der Veranstaltung erfuhr ich schon von dem Weiterbildungsstipendium, das ebenfalls von der SBB koordiniert wird. Nach Beginn des Studiums erinnerte ich mich daran, begann zu recherchieren und stieß dabei auch auf das Aufstiegsstipendium. Das passte genau auf meine Situation.

Wie sehr half Ihnen das Stipendium?
Zu Beginn des Studiums war ich noch auf die Rückendeckung meiner Eltern, über die ich  sehr froh war, und auf Bafög und angewiesen. Die Zusage für das Aufstiegsstipendium war dann eine wahnsinnige Erleichterung. Zusätzlich motivierte, dass ich das Studium in der Regelstudienzeit abschließen musste, um das Stipendium weiterhin zu erhalten. Das fand ich völlig gerechtfertigt. Man erhält eine Leistung und muss auch eine liefern.

Stefan Grunwald mit dem Modell einer Ariane Rakete
Stefan Grunwald mit einem Modell der Ariane Rakete

An das Maschinenbau-Studium schlossen Sie das Master-Studium Aerospace Technologies an. Warum?
Damit beschäftigte ich mich erst gegen Ende des Studiums, als klar war, dass ich den Bachelor-Abschluss schaffen würde. Zu der Zeit startete die Hochschule Bremen gerade ein neues Projekt in Kooperation dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Ziel war, eine Höhenforschungsrakete zu bauen. Ich hatte das Glück, einer der ersten Teilnehmer zu sein. Für mich stand dann schnell fest, auch das Master-Studium beginnen zu wollen, um weiter an dem Projekt teilnehmen zu können, zumal das Master-Studium nur anderthalb Jahre dauerte. Außerdem reichten mir mit dem Bachelor-Abschluss die Berufsaussichten nicht aus. Damals waren die Bachelor-Studiengänge noch im Umbruch von den früheren Diplom-Studiengängen und noch nicht von allen Arbeitgebern anerkannt.

Das Master-Studium haben Sie im vergangenen Monat erfolgreich beendet. Was sind Ihre beruflichen Pläne?
Meine Pläne habe ich schon realisiert. Es war ein nahtloser Übergang: Am 31.08. wurde ich exmatrikuliert, am 01.09. begann ich meinen neuen Job beim DLR in Lampoldshausen. Ich arbeite dort als Testingenieur und unterstütze das Team bei den Tests der Raketentriebwerke für die Ariane-5-Rakete. Das Projekt an der Hochschule Bremen hatte das DLR auch mit dem Ziel initiiert, Nachwuchs zu rekrutieren. Und das hat bei mir wunderbar geklappt.

Das Interview führte Heinz Peter Krieger.