„Das Auswahlgespräch war wirklich ein Gespräch“ – Maxi Fritzsche über ihr Studium der Heilpädagogik und das Aufstiegsstipendium


Maxi Fritzsche absolvierte nach der Mittleren Reife in Bochum eine Ausbildung zur Erzieherin, die sie 1999 abschloss. Wegen der besseren Jobaussichten zog sie 2006 nach Berlin, arbeitete dort ebenfalls in einer Kita und begann 2010 ein Bachelor-Studium der Heilpädagogik an Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin (KHSB). Das schloss sie 2014 mit der Gesamtnote 1,5 ab.


Frau Fritzsche, als Sie Ihr Studium begannen, hatten Sie schon einige Jahre Berufserfahrung als Erzieherin. Wie waren Sie auf den Beruf gekommen?
Meine familiären Verhältnisse waren damals ziemlich kompliziert und ich befand mich in einer unklaren Lebenssituation. Von der Schule war ich abgegangen und unsicher, was ich machen sollte. Ich fand aber schon immer faszinierend, wie Kinder heranwachsen und sie sich die Welt erschließen. Deshalb entschloss ich mich, ein einjähriges Berufspraktikum in einer Kita in Bochum zu machen. Das hat mich dann so begeistert, dass ich eine Ausbildung zur Erzieherin begann. Das Berufspraktikum wurde auch auf die Ausbildungszeit angerechnet.

Wo arbeiteten Sie anschließend?
Nach Abschluss der Ausbildung war ich zwei Jahre in einem Kinderheim tätig. Dort hatte ich mit kleineren Kindern, Schulkindern und auch mit Jugendlichen zu tun. Später arbeitete ich in mehreren Kitas und auch in Schulen. Außerdem habe ich habe eine Fortbildung zur Theaterpädagogin gemacht. Dadurch konnte ich zusätzlich an einem theaterpädagogischen Projekt mitarbeiten.

Hatten Sie nach der Mittleren Reife darüber nachgedacht, das Abitur zu machen?
Ich war nach der Mittleren Reife auf der Fachoberschule und wollte das Abitur machen. Dort lief es mit Fünfen in zwei Fächern aber nicht so gut, aus welchen Gründen auch immer. Es war dann wirklich die Arbeit in der Kita, die mein Leben wieder in Balance gebracht hat. An das Abitur habe ich deshalb nicht mehr gedacht.

Wie kam es dann zu Ihrer Entscheidung für ein Studium?

Ich ging 2006 nach Berlin, weil es in Nordrhein-Westfalen damals fast keine Stellen für Erzieherinnen gab. In Berlin fand ich dann sofort einen festen Job. Weil die institutionelle Kinderbetreuung dort ganz anders aufgestellt war als in NRW, hatte ich zum ersten Mal auch mit Krippengruppen zu tun. In der Form, wie die Betreuung organisiert war, wollte ich das aber nicht. Ich hatte also zum ersten Mal eine Festanstellung, war in dem Betreuungssystem aber nicht glücklich. In den drei Jahren, in denen ich dort arbeitete, wurde mir klar, dass ich studieren musste, um mich beruflich weiterentwickeln zu können.

Und dann haben Sie konkret Ihr Studium geplant?

Inzwischen war es möglich, mit einer Berufsausbildung und einer bestimmten Anzahl an Berufsjahren auch ohne Abitur eine Fachhochschule zu besuchen. Ich wusste aber zunächst nicht, wie ich das finanziell schaffen konnte. Es ist ja etwas anderes, wenn man mit Ende 30 und ohne Vollverdiener an seiner Seite plötzlich Lust auf ein Studium bekommt. Aber ich wollte unbedingt studieren und dachte, es wird sich irgendeine Lösung finden. So war es dann ja auch.

Zu dieser Zeit haben Sie vom Aufstiegsstipendium erfahren?
Eine Freundin von mir hatte ähnliche Pläne und brachte mir die Unterlagen zum Aufstiegsstipendium mit. Ich dachte sofort, das klingt gut. Aber es war schon ein wenig der Mut der Verzweiflung, mich zu bewerben.

Warum Mut der Verzweiflung?
Durch meine Unzufriedenheit mit der Arbeit schien mir mein eigener Horizont so begrenzt. Ich befürchtete, nicht verständlich formulieren zu können, warum ich mich verändern wollte. Aber ich habe es dann gemacht und konnte gar nicht glauben, als es im Auswahlprozess für das Stipendium immer weiterging. Ich fühlte mich richtig wohl, weil es vorwärts ging und das alles Schritte zu meinem Wunschziel, dem Studium, waren. Auch das Auswahlgespräch empfand ich wirklich als Gespräch und nicht als Prüfungssituation. Selbst wenn es am Ende nicht geklappt hätte, wären es für mich Schritte gewesen, die ich immerhin versucht habe – trotz meiner traumatischen Schulerfahrungen.

Wie hat Ihnen das Stipendium beim Studium geholfen?
Ohne das Aufstiegsstipendium hätte ich mich wahrscheinlich für ein Teilzeitstudium entschieden. Ich habe zwar auch mit dem Stipendium nebenher ein wenig arbeiten müssen, aber es war natürlich eine Riesenhilfe, weil ich in Vollzeit studieren und mich viel mehr auf das Studium konzentrieren konnte. Ich habe auch an einigen Seminaren teilgenommen, die die SBB neben dem Stipendium anbietet. Dass ich mein Studium erfolgreich beendet hatte, wurde mir erst richtig klar, als ich bei der Stiftung die entsprechende Statusmeldung hochlud. Für mich hatte das Studium mit der Bewerbung bei der SBB angefangen und war ganz eng mit dem Aufstiegsstipendium verknüpft.

Klingt nach einer rundum positiven Erfahrung.
Auf jeden Fall. Einen Studium hat nun einmal mit Geld zu tun und es ist schon eine Auszeichnung, das Stipendium zu erhalten. Vor allem steckt hinter dem Aufstiegsstipendium aber die Grundannahme, dass es viele Menschen gibt, die in der Lage sind zu studieren, und dass es unterschiedliche Lebenswege dorthin gibt. Das finde ich richtig freigeistig.

Wie empfanden Sie den Start ins Studium?
Es war eine große Umstellung, aber die habe ich mir auch gewünscht. Ich hatte erst zwar etwas Sorge, dass ich nach der jahrelangen Tätigkeit als Erzieherin nicht in das akademische Lernen reinkäme. Aber es ging dann ganz gut und ich war glücklich, studieren zu können.

Sie haben Ihr Studium der Heilpädagogik erfolgreich abgeschlossen. Wie stehen Sie mit diesem Wissen zum Thema Inklusion?

Ich finde den Inklusionsgedanken ganz toll und es wird auch Zeit. Die Art und Weise, wie sich das Schulsystem und der Kita- und Krippenbereich darauf einstellen, halte ich aber für fragwürdig. Ich befürchte, dass die Idee übers Knie gebrochen wird, wie immer, wenn zu wenig Mittel fließen. Wenn die Voraussetzungen nicht erfüllt sind, werden die Kinder und auch die Pädagogen darunter leiden. So etwas ärgert mich wahnsinnig.

Was sind Ihre beruflichen Pläne?
Ich arbeite in der Kita, in der ich während meines Studiums gejobbt hatte, und habe dort jetzt koordinatorische Aufgaben bekommen, auch im Bereich Inklusion. Und im kommenden Jahr beginne ich eine Weiterbildung zur systemischen Beraterin und Therapeutin, die drei bis vier Jahre dauern wird. Zu dieser Weiterbildung hat mich ebenfalls das Studium motiviert.

Das Interview führte Heinz Peter Krieger